+
Ein Flüchtlingskind spielt im Kindergarten der Katholischen Kirchengemeinde Heilig-Geist in Würzburg mit einer Zahlentafel.

Interview mit SPD-Bildungsexperten

Güll: Darum brauchen wir einen Bildungs-Check für Flüchtlinge

  • schließen

München - Welche Bildung haben Flüchtlinge? Diese Frage soll nach Meinung des SPD-Bildungsexperten Martin Güll schon bei der Registrierung geklärt werden.

Welche Qualifikationen die Flüchtlinge haben – darüber herrscht noch Rätselraten. Eine Studie der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg ist erst im Entstehen. Martin Güll, Bildungsexperte der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, fordert einen Bildungspass für alle Flüchtlinge. Darin könnten alle vorhandenen Qualifikationen eingetragen werden.

Herr Güll, welche Qualifikationen haben die Flüchtlinge, die zu uns kommen?

Wir wissen es nicht. Deshalb fordern wir, dass jeder Flüchtling, egal welchen Alters, neben dem Gesundheits-Check auch einen Bildungs-Check machen sollte. Also gilt es Fragen abzuklären wie zum Beispiel: Ist er oder sie alphabetisiert? Welche Sprachen spricht der Flüchtling? Welche Schulabschlüsse gibt es? Welche beruflichen Qualifikationen? All das müsste man in einen Bildungspass eintragen, den jeder Flüchtling erhält. Dann könnten die Asylbewerber auch besser für entsprechende Fördermaßnahmen eingeteilt werden. Bedauerlicherweise gibt es solche professionelle Erfassungen bisher nicht.

Güll: "Ziel muss Erlernen der deutschen Sprache sein"

Wer sollte den Bildungs-Check vornehmen? Lehrer?

Wir benötigen dafür Fachleute, pädagogisch geschultes Personal. Das müssen nicht nur Lehrer sein. Wichtig ist auch eine Clearingstelle bei den Landratsämtern und kreisfreien Städten, die professionell mit den Erkenntnissen aus dem Bildungspass umgehen kann und frisch erworbene Qualifikationen darin einträgt. Ziel für den Flüchtling muss das Erlernen der deutschen Sprache auf dem europaweit anerkannten Referenz-Niveau B 1 sein – das bedeutet die Fähigkeit zur selbstständigen Sprachanwendung.

Wie steht es um Bildungsangebote schon in der Erstaufnahmeunterkunft?

Martin Güll (62) ist Bildungsexperte der SPD-Landtagsfraktion.

Da geschieht bisher zu wenig. Es gibt positive Beispiele für Kindergarten- und Schulkinder. Doch meist lässt man Tage, Wochen und Monate verstreichen – und das muss nicht sein. Es darf keine Zeit vergeudet werden – Integration muss von der ersten Minute an passieren. In der Erstaufnahme müssen nicht gleich Sprachkurse angeboten werden, sondern es geht um eine erste Orientierungshilfe. Also erste Worte in Deutsch, aber auch Praktisches für den Alltag: Wie funktioniert der öffentliche Personennahverkehr, welche Straßenverkehrsregeln gibt es. Schon hier müssen die Neubürger in eine erste Verantwortung genommen werden. Es ist wichtig, solche informellen Dinge kennenzulernen, selbst die Mülltrennung kann ein Thema sein.

Wer müsste die Initiative ergreifen?

Sie sprechen einen zentralen Punkt an: Es muss sich jemand verantwortlich fühlen, und das kann eigentlich nur die bayerische Staatsregierung sein – in diesem Fall das Kultusministerium. Es muss auch dafür sorgen, dass alle Bildungsangebote kostenfrei, aber auch verbindlich sind.

Tut das Ministerium genug bei der Beschulung der Flüchtlingskinder? Die Zahl der Stellen – über 1000 – wurde ja allseits gelobt.

Die Stellen sind ein erster positiver Schritt. Weitere müssen aber folgen. Wir fordern einen Masterplan, dessen Umsetzung ein Aktionsrat Bildung übernehmen sollte. Experten aus Wissenschaft, Erwachsenenbildung, Schule oder Arbeitsmarkt müssen an einen Tisch, um Lehr- und Bildungspläne zu überprüfen. Da läuft vieles verkehrt, wie man bei den derzeitigen Sprachkursen sieht. Erwachsenenbildungsträger klagen, dass die Sprachkursinhalte oft nicht den Bedürfnissen der Flüchtlinge entsprechen. Ähnliches gilt für die Integrationskurse. Grundlagen des deutschen Rechtssystems zu vermitteln, die Werte der Demokratie, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungs- und Religionsfreiheit – all das muss selbstverständlich sein. Man kann damit nicht warten, bis ein Flüchtling als Asylbewerber anerkannt ist.

Das Interview führte Dirk Walter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Lagarde fordert von Athen weitere Reformen
Berlin - Die Ansage der IWF-Chefin an Athen und Europa ist deutlich: Das griechische Steuer- und Rentensystem müssen dringend verbessert werden, damit das Land in …
Lagarde fordert von Athen weitere Reformen
Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Le Pen
Paris - Nach dem konservativen Élysée-Anwärter Fillon steckt nun Frankreichs Rechtspopulistin Marine Le Pen in einer Parlamentsjob-Affäre. Zwei Mitarbeiter stehen im …
Ermittlungen gegen Mitarbeiter von Le Pen
Kommentar: Nicht mehr normal
Vor zwei Jahren hielt Verfassungsschutz-Präsident Hans-Georg Maaßen das Risiko, mit den Flüchtlingen könnten auch gewaltbereite Islamisten nach Deutschland kommen, für …
Kommentar: Nicht mehr normal
Proteste gegen Sammelabschiebung nach Afghanistan
München - Erneut soll ein Flieger abgelehnte Asylbewerber nach Afghanistan bringen - diesmal von München aus. Der Protest gegen die Abschiebungen ist groß.
Proteste gegen Sammelabschiebung nach Afghanistan

Kommentare