Christoph NeubergerMedienexperte von der Münchner LMU. foto: Atelier Ossig

"Lügenpresse"

„Ein Frontalangriff auf die Demokratie“

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München - "Lügenpresse" ist das Unwort des Jahres. Ein Interview mit Christoph Neuberger, Chef des Instituts für Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität.

Ein Wort aus dem Nazi-Jargon hält Einzug in die deutsche Sprache. Warum?

Das ist ein Indiz dafür, wie weit diese Pegida-Bewegung geht – und für ihre extreme Haltung gegenüber der Presse.

Woher kommt das Misstrauen gegenüber Medien? „Lügenpresse“ taucht oft auch in Kommentaren im Internet auf...

Der Ukraine-Konflikt, Islamismus – das sind einerseits Themen, die sehr stark polarisieren. Andererseits gibt es durch den Medienwandel neue Möglichkeiten, sich in der Öffentlichkeit zu Wort zu melden. Die Medienkritik, die sehr weit geht, kann ungefiltert publiziert werden und kann Kreise ziehen. Das wird auch ausgenutzt von Gruppen, um an den bisherigen Gatekeepern, also den Redaktionen, vorbei ihre Kritik an Medien zu äußern.

Müssen sich die Medien etwas vorwerfen lassen?

Natürlich gibt es immer wieder berechtigte Kritik am Journalismus, das ist auch wichtig für eine vitale Demokratie. Aber Kritik, die die Glaubwürdigkeit einer für die Demokratie zentralen Institution unberechtigterweise untergräbt, ist ein Frontalangriff. Da muss man im Moment Sorge haben, gerade im Hinblick auf die pauschalen, harten Urteile, die sich im Wort „Lügenpresse“ ausdrücken.

Worum geht es denen, die von „Lügenpresse“ sprechen?

Betrachtet man die Substanz, die sich mit dieser Kritik verbindet, findet man nicht mehr viel. Das ist eine Instrumentalisierung für ein politisches Ziel: Man will die Kritik aus den Medien unmöglich machen. Es geht nicht um einen offenen, fairen Diskurs, wo man Fehlern des Journalismus nachgeht. Es geht eher darum, die Institution der Presse auszuschalten. Und da besteht tatsächlich eine Gefahr für die demokratische Öffentlichkeit.

Sehen Sie Defizite bei der Medienkompetenz?

Es ist eine wichtige Aufgabe von Bildungseinrichtungen, Medienkompetenz zu vermitteln. Die Situation hat sich seit Mitte der 90er Jahre geändert. Bis dahin haben wir uns nur über Presse und Rundfunk aktuell informiert. Im Internet kann jeder schreiben. Der Nutzer braucht ein stärkeres kritisches Bewusstsein als bei den klassischen Medien. Er muss sich fragen: Wer schreibt da eigentlich? Vor welchem Hintergrund? Welche Interessen werden verfolgt? Wie glaubwürdig ist das, was behauptet wird?

Reichen die Bemühungen von Schulen und Eltern, Kindern und Jugendlichen das beizubringen?

Man kann immer sagen, da müsste mehr passieren. Aber es ist gerade viel in Bewegung, alle Seiten müssen sich bemühen und lernen. Jene, die ihre politischen Interessen vertreten wollen, sollten respektvoll mit ihren Gegnern umgehen. Darüber zumindest sollte es einen Grundkonsens geben.

Interview: Carina Lechner

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