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Endlager Konrad: Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies (SPD) blickt in den Schacht, über den ab 2028 Atommüll unter die Erde kommen soll. DPA

Experte Jörg Feinhals im Interview

Ein Standort ist in weiter Ferne: Deutschland sucht ein Atomendlager

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Wenn Ende 2022 das letzte Atomkraftwerk in Deutschland vom Netz geht, bleiben zigtausend Tonnen hochradioaktiver Abfall zurück. Bis 2031 will der Bund einen Standort für ein Endlager gefunden haben.

Warum es vermutlich Jahrzehnte länger dauern wird und welche Probleme zu lösen sind, erklärt Dr. Jörg Feinhals vom Fachverband für Strahlenschutz im Gespräch mit unserer Zeitung. Feinhals ist Experte für die Planung von Endlagern sowie für Rückholung und Bergung radioaktiver Stoffe.

Wenn Sie jemand fragt: Können wir radioaktive Abfälle sicher endlagern? Was wäre Ihre Antwort?

Ich würde antworten: Natürlich funktioniert das gut.

1900 Castorbehälter mit Brennelementen bleiben nach dem Ausstieg. Wie gefährlich ist der Inhalt?

In den Castorbehältern sind die Brennelemente genau so sicher gelagert wie zuvor im Reaktor. Elemente von gut vier Metern Länge, die stark strahlen. Wer sich eine Stunde in deren Nähe aufhält, kann eine tödliche Dosis abbekommen. Solange sie in den Behältern bleiben, ist es aber gar nicht gefährlich.

Bisher gibt es in Deutschland kein Endlager 

Noch gibt es kein Endlager. Wie ist der Stand?

Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) trägt gerade alle Daten zusammen. Sie hat angefangen mit einer absolut weißen Landkarte. Jeder Flecken in Deutschland wird als potenzieller Standort angesehen. Die BGE versucht, aus der weißen Karte eine fleckige zu erzeugen, das heißt, mit Gebieten, wo klar ist, dass sie nicht infrage kommen. Die BGE will bis 2031 in den Bereich der Festlegung eines Standortes kommen.

Ist 2031 realistisch?

Die Schweiz geht ähnlich vor wie wir. Dort sind jetzt noch drei Standorte übrig, die untertägig erkundet werden sollen. Auch das wird noch dauern. Bis die Entscheidung also kommt, sind 20 Jahre realistisch. In Deutschland geht man derzeit von 12 bis 14 Jahren aus. Deutschland ist aber deutlich größer als die Schweiz. Bis 2031 einen Standort zu haben, ist also sehr optimistisch betrachtet.

Dann muss das Endlager noch gebaut werden...

Planung, Genehmigung und Bau des Endlagers Konrad in Salzgitter für schwach- und mittelradioaktive Abfälle haben mehrere Jahrzehnte gedauert. Und Konrad soll ja erst 2028 in Betrieb gehen. Man lernt zwar aus solchen Verfahren, aber dass man für Antrag und Bau noch mal 20 bis 25 Jahre rechnen muss, ist schon korrekt.

Dr. Jörg Feinhals

Dann kommen wir schon Richtung 2060 ...

Ja. Vielleicht sogar 2080.

Wegen Bürgerprotesten?

Wir kennen das vom Endlager Konrad und vom einst geplanten Endlager Gorleben. So etwas kann ein Verfahren verzögern, sogar kippen. Man will das Verfahren deshalb transparent machen. Mitte 2020 soll es eine erste Reduzierung der weißen Landkarte geben. Dies wird begleitet von Bürger-Informationsveranstaltungen. Von da an will man weiter reduzieren, bis man einen Standort hat.

Was sind die Anforderungen an ein Endlager?

Der Verschluss der Abfälle muss garantiert sein. Für die hochradioaktiven Abfälle bedeutet dies eine Gewährleistung für eine Million Jahre. 

Bis 2031 einen Standort zu haben, ist sehr optimistisch betrachtet.
Jörg Feinhals zum Zeitplan

Eine Million Jahre? Solange hält doch kein Behälter.

Nein, wird er nicht. Es gibt aber quasi mehrere Behälter. Um die Endlagerbehälter – die noch entwickelt werden müssen und 500 Jahre halten sollen – gibt es einen wirksamen Bereich, also Material, das austretende radioaktive Stoffe absorbiert. Dann das Gebirge selbst, das viel zurückhält. Bis in mehreren hunderttausend Jahren radioaktive Stoffe ins Grundwasser kommen, sind diese so weit abgeklungen, dass sie gesundheitlich unbedenklich sind.

Welches Gestein ist am besten geeignet?

Welches Gestein ist für ein Endlager geeignet?

Es gibt drei geeignete Wirtsgesteine: Salz, Kristallin, Ton. Das Kristall Salz umschließt die Behälter im Lauf der Zeit vollständig. Eine sehr positive Eigenschaft. Außerdem absorbiert es Wasser, falls etwas austritt. Kommt viel Wasser, löst sich Salz auf. Das ist der Nachteil. Schweden und Finnland setzen auf kristallines Gestein wie Granit. Skandinavien besteht fast nur aus kristallinen Gesteinen. Diese Gesteine sind sehr fest, aber auch leider sehr spröde. Daher können Wasserzutritte über Risse und Klüfte nicht ausgeschlossen werden. Dies wird kompensiert durch den aufwendigen Aufbau des Endlagerbehälters und der Einlagerungskammern.

Frankreich setzt auf Ton.

Ton hat ähnliche Eigenschaften wie Salz. Tonschichten absorbieren Wasser, quellen auf und dichten so ab.

Was ist nun für Deutschland das beste Material?

Ein Kristallingesteinvorkommen, das für ein Endlager geeignet wäre, ist in Deutschland unwahrscheinlich. Bleiben Ton und Salz. Beides kommt bei uns in Deutschland ausreichend vor. Ton nutzen wir schon beim Endlager Konrad. Das liegt in einer Erzschicht, die oberhalb eine Tonschicht hat. Diese Tonschicht verhindert das Eindringen von Wasser.

Wie tief muss das Endlager liegen, um sicher zu sein?

Das beginnt ab etwa 500 Metern. Da erreichen wir einen Bereich, der auch für lange Zeiträume eine ausreichende Sicherheit gewährleisten kann. Gerne kann es auch 200, 300 Meter tiefer liegen.

Wird das Endlager verschlossen?

Ein vollständiger Verschluss wäre das Beste für den Schutz der Bevölkerung – und vor Menschen mit bösen Absichten. Aber Strahlenschutz allein zählt nicht. Es zählt auch die Sicherheit des Verfahrens. Was ist, wenn festgestellt wird: so funktioniert das nicht, wir müssen was ändern oder Abfälle wieder herausholen. Die Abfälle sollen deshalb für eine bestimmte Zeit rückholbar sein, zweitens soll das Verfahren wieder umkehrbar sein, also das Endlager aufgelöst werden können.

Das bedeutet konkret?

Während des Einlagerungsbetriebs bleiben die Schächte offen. Dann wird zubetoniert. Aber auch danach muss es möglich sein, Behälter zu bergen. Es muss also einen Plan geben, notfalls einen neuen Schacht abzuteufen und von der Seite zum Abfall zu gelangen. Diese Schächte muss man geistig mitplanen.

Die Brennelemente produzieren auch Wärme, die abgeleitet werden muss.

Ein Castorbehälter wird außen 80 bis 90 Grad heiß. Die thermische Beeinflussung des Wirtsgesteins ist ein wichtiger Punkt. Wie verändert es sich? Dichtet es so ab wie geplant? Wir haben aber 50 bis 70 Jahre Zeit, bis das Endlager fertig ist. In dieser Zeit klingen die Brennstäbe weiter ab, verlieren vor allem viel Wärmeenergie. Das Problem wird also kleiner, je länger die Behälter nicht eingelagert sind.

Die Zwischenlager sind flugzeugabsturzsicher

Die Zwischenlager sind im Moment überwiegend bei den Kernkraftwerken angesiedelt. Sind sie sicher?

Sie sind flugzeugabsturzsicher. Schon ein Castorbehälter für sich ist übrigens flugzeugabsturzsicher. Es wäre nicht unbedingt nötig, sichere Hallen da herum zu bauen. In den USA stehen die Behälter zum Teil draußen.

Haben Diebe eine Chance?

Ein Castorbehälter wiegt mal eben 120 Tonnen. Den kriegt so schnell keiner weg.

Die Erde verändert sich geologisch. Kann das beim Endlager zu unkontrollierbaren Umständen führen?

Eine Sicherheitsanalyse für eine Million Jahre klingt enorm anspruchsvoll. Jeder denkt: Was war denn vor einer Million Jahre? Da waren wir noch nicht mal Neandertaler. Für einen Geologen ist das ein überschaubarer Zeitraum. Da haben wir vielleicht zwei, drei Eiszeiten, ein anderes Klima. Das macht sich in 100, 200 Metern Tiefe bemerkbar, nicht aber in 500 Metern und mehr. Da haben wir über viele Millionen Jahre stabile Verhältnisse.

Eine Million Jahre sind für Geologen ein überschaubarer Zeitraum.
Jörg Feinhals zur Endlagerdauer

Warum schießt man die Abfälle nicht ins Weltall?

Wir können ja mal einen Fehlstart prognostizieren. Die sind nicht so selten. Das ist keine gute Idee.

Direkt ins Erdinnere?

Den Vorschlag gab es auch. Vulkanismus könnte uns die Abfälle dann wieder nach oben schieben. Auch nicht gut. Aber es muss ja nicht gleich das Erdinnere sein. Bisher haben wir uns mit 500 bis 1000 Metern Tiefe zufriedengegeben. Es gibt ernst zu nehmende Planungen, Abfälle in Tiefen von drei bis fünf Kilometern zu lagern. Das wäre ein noch sichererer Bereich.

Aber?

So tiefe Bohrungen sind technisch enorm schwierig. Die ersten tausend Meter kann man noch relativ gerade bohren. Dann wird es immer schmaler, weil man seitlich abstützen muss. Will man unten Endlagerbehälter platzieren, müsste man oben also riesenbreite Löcher bohren.

Das Arktische Eis?

Eis schmilzt. Wir merken das schon beim Klimawandel. Die Permafrostgebiete werden von Umfang und Mächtigkeit immer weniger. Die Russen hatten mit dem Gedanken gespielt, im Permafrost zu lagern. Ich hoffe, das tun sie nicht mehr.

Stromversorgung wesentlich für unsere wirtschaftliche Stärke

Kommt Deutschland ohne Atomstrom aus?

Die Sicherheit der Stromversorgung ist ein wesentlicher Punkt für unsere wirtschaftliche Stärke. Mit den regenerativen Energien schaffen wir eine starke Produktion, aber die ist abhängig von Sonne, Wind und Wasser. Wir benötigen hierzu eine sinnvolle Speicherung des Stroms. Auch deshalb setzt man ja auf einen Energiemix. Atomenergie war ideal für die Grundversorgung. Das haben wir bald nicht mehr. Die Kohlekraftwerke werden auch irgendwann wegfallen. Dann bleibt noch Gas, das nicht ewig hält. Und Öl – auch kein nachwachsender Rohstoff. Insofern müssen wir uns genau überlegen, wie wir diesen Energiemix schaffen.

Mithilfe der Nachbarn?

Es gibt Länder wie die Schweiz, die wie wir aussteigen. Andere halten an der Kernenergie fest – oder steigen erst ein. Wir haben also eine Versorgungssicherheit aus dem europäischen Stromnetz. Andererseits flutet Deutschland teilweise seine Nachbarn mit steuerlich gefördertem regenerativem Strom. Wir brauchen mehr Versorgungstrassen, weil viel mehr Ströme hin und her fließen über längere Strecken.

Wir bekommen also weiter Atomstrom.

Vermutlich ja. Wir können uns nicht abschotten. Wir haben ein europäisches Netz.

Kommt der Ausstieg für Deutschland zu früh?

Es war eine politisch-ethische Frage, über die Frau Merkel unter dem Eindruck von Fukushima ganz alleine entschieden hat. Das entsprach durchaus dem Volkswillen. Aber Politiker sind ja nicht dem Willen des Volkes verpflichtet, sondern dem Wohl des Volkes. Das kann ein großer Unterschied sein. Unsere deutschen Anlagen sind deutlich sicherer als die in anderen Ländern. Ich sehe das global. Ich hätte mir gewünscht, man wäre an anderen Orten ausgestiegen.

Irgendeiner muss mal anfangen. Liegt in der Vorreiterrolle nicht auch eine wirtschaftliche Chance?

Ich stimme Ihnen da vollkommen zu. Jemand muss der Welt mal zeigen, dass es auch ohne geht – und das durchaus gewinnbringend sein kann. Deutschland gehört zu den wenigen Staaten, die das auch zeigen können.

Könnte das eine Sogwirkung haben?

Nicht beim Ausstieg, aber beim Einstieg in alternative Energien. China steigert seinen Anteil drastisch, bei nuklearen und auch bei regenerativen Energien. Regenerative Energien sind auf dem Vormarsch, aber der Ausstieg aus der Atomkraft ist international noch kein großes Thema.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

Einlagerung schwachradioaktiver Abfälle: Das undatierte Bild zeigt einen Radlader, der Fässer in einer Einlagerungskammer der Schachtanlage Asse abkippt.

Die Asse – ein schwer kalkulierbares Risiko

Derzeit wird in Finnland das erste Endlager für hochradioaktive Abfälle gebaut, das in wenigen Jahren in Betrieb gehen soll. In Deutschland gibt es dagegen noch nicht einmal einen Standort. Der Salzstock Gorleben (Niedersachsen) wurde jahrzehntelang geprüft, gilt aber nach massiven Bürgerprotesten als politisch tot.

Weiter ist man in Deutschland bei einem Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle. Die ehemalige Eisenerzgrube „Konrad“ in Salzgitter wird bereits zum Endlager umgebaut  und soll im Jahr 2028 in Betrieb gehen.

In Morsleben in Sachsen-Anhalt hatte die damalige DDR seit 1979 schwach- undmittelradioaktive Abfälle endgelagert. Im Jahr 1998 wurde die Einlagerung beendet. Das Genehmigungsverfahren für die Stilllegung läuft noch.

Das Versuchsendlager Asse in Niedersachsen ist ein Problemfall. In dem Kali- und Steinsalzbergwerk wurden von 1967 bis 1995 schwach und mittelradioaktive Abfälle testweise eingelagert. Das Endlager gilt als unsicher, unter anderem, weil Wasser eintritt. Es ist mittlerweile gesetzlich vorgeschrieben, dass die in der Schachtanlage Asse eingelagerten Abfälle zurückgeholt werden. Aber wohin damit? „Konrad ist dafür nicht geplant. Also brauchen wir das neue Endlager“, sagt Experte Dr. Jörg Feinhals. „Es geht um 200 000 Kubikmeter Abfälle.“ Laut Feinhals wird das neue Endlager also nicht nur hochradioaktive Abfälle verwahren. Weil das Endlager erst in Jahrzehnten kommt, müsste der Asse-Müll zwischengelagert werden. Bloß wo?

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