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Sepp Dürr (l.) sieht Erfolge im Kampf gegen den Krebs. Markus Sackmann (r) wird die Berufspolitik wohl im Herbst verlassen.

Tragische Krebsfälle im Landtag

„Es ist ein Wunder, dass Sie noch da sind“

München - Die Politik erlebt schlimmere Kategorien als Freund und Feind. Mehrere schwere Krebsfälle erschüttern den Landtag. Markus Sackmann gibt im Herbst seine Karriere auf. Der Grüne Sepp Dürr schöpft neue Hoffnung.

Am schlimmsten ist es, wenn er sich an der Türe von den Kindern verabschieden muss. Ob es wirklich sein müsse, zu diesem und jenem Termin zu fahren, fragen sie: „Papi, bitte geh nicht!“ Markus Sackmann fällt es in diesen Momenten unglaublich schwer, doch loszufahren. Er ist Staatssekretär, also in Bayern ein herausgehobener Politiker, er hat Pflichten und Auftritte, aber seine Ärzte haben ihm dringend von seinem Beruf abgeraten. Jede Anstrengung, jeder Stress, kann die Tumore in seinem Kopf stärken.

Jetzt hat Sackmann, 52, für sich entschieden: Es reicht. Er wird sein CSU-Direktmandat zur Landtagswahl nicht verteidigen, wird sich nicht in den Wahlkampf stürzen, wird das Regierungsamt aufgeben, das er all die 23 Jahre im Landtag angestrebt hatte. Seine Kraft will er voll dem Kampf um seine Gesundheit widmen, man muss leider sagen: dem Kampf um sein Leben. Drei Tumore sitzen in seinem Kopf, sie können nicht alle herausoperiert werden, sind derzeit stabil in der Größe, aber gefährlich. Über ihren Patienten Sackmann sagten die Ärzte neulich: „Es ist ein Wunder, dass Sie noch da sind, und wie Sie da sind.“

Der Sozial-Staatssekretär besprach sich mit seiner Familie, am Montag informierte er seinen Chef Horst Seehofer. Bis zuletzt hatte ihm der Ministerpräsident versprochen, der Kabinettsposten bleibe frei, er solle sich keine Sorgen machen. „Er hat sich rührend gekümmert“, sagt Sackmann, „es war Solidarität, die nicht jeder so erhält.“ Seehofer war selbst mal lebensgefährlich erkrankt, wäre 2002 an einer Herzmuskelentzündung fast gestorben.

Bis zur Wahl wird Sackmann reduziert arbeiten. Vielleicht kommt er am Dienstag zum ersten Mal seit Monaten wieder ins Kabinett, es dürfte ein bewegender Moment werden. Auch gibt es wohl ein kleines Hintertürchen: Sackmann spricht nur über das aufwändige Direktmandat. Über eine Listenkandidatur in seiner Oberpfälzer Heimat ist nicht endgültig entschieden. Die regionalen CSU-Gremien würden ihm da bis zur letztmöglichen Frist im Sommer Zeit lassen.

Dieses Modell hat Sepp Dürr gewählt. Der Grüne aus Germering tritt nur auf der Liste an. Auch er kämpft gerade gegen den Krebs, er hasst es, darüber zu sprechen. Dürr schöpft gerade Hoffnung. „Die Zeit der giftigen Chemos ist vorbei“, schrieb der 59-Jährige auf Twitter, „jetzt kommt die Zeit des fröhlichen Um- und Aufbruchs.“

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Dürr und Sackmann wünschen sich gegenseitig alles Gute, bekommen viel Zuspruch auch parteiübergreifend. Was nicht selbstverständlich ist im Politikbetrieb, wo viel mit physischer Ausdauer und verbaler Kraftmeierei entschieden wird: Als die heutige Landtagspräsidentin Barbara Stamm vor fünf Jahren an Krebs erkrankte, aber nicht öffentlich darüber sprach, wurde von CSU-Freunden halblaut ihre Leistungsfähigkeit hinterfragt.

Was wird nach der Berufspolitik sein? Sackmann will sich ehrenamtlich engagieren, Rotes Kreuz, Stadtrat. Und Zeit für die Familie haben. „Ich wünsche mir“, sagt er mit belegter Stimme, „dass mir der liebe Gott so viel Zeit gibt, dass ich meine Kinder noch ein Stück begleiten kann.“

Von Christian Deutschländer

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