1860 trauert um „Atom-Otto“

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Zum 70. Geburtstag

Barbara Stamm: Eine Kämpferin mit Herz

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München - Sie ist emotional, streitbar und hart im Nehmen: Kaum eine Politikerin hat so viele Stürme überstanden wie Barbara Stamm. Nun wird die Präsidentin des Landtags 70 Jahre alt. Doch wer sie wirklich verstehen will, sollte ganz an den Anfang zurück.

Den Weihnachtsmorgen des Jahres 2000 hat Barbara Stamm nicht vergessen. Das Land blickt geradezu hysterisch auf den aufkommenden Rinderwahn. Die Sozialministerin steht unter Beschuss. Täglich sieht sie die BSE-Schlagzeilen auf den Kästen der Boulevardzeitungen. Meistens geht es um sie. An diesem Morgen will sie nahe des Landtags nur noch schnell zur Bank, ehe sie heim nach Würzburg fährt. Auf dem Gehweg läuft ein Mann an ihr vorbei. Er bleibt stehen, kommt zurück, spuckt vor Barbara Stamm auf den Boden. Er schreit sie an, beschimpft sie. Spuckt noch einmal. Und geht. „Wenn ich jemals Angst davor hatte, psychisch krank zu werden, dann damals“, sagt Stamm heute.

Dies ist eine Geschichte über Barbara Stamm, die an diesem Mittwoch ihren 70. Geburtstag feiert. Und nein: Es ist keine Lobhudelei. Zu sehr kann man sich an dieser Politikerin reiben. Sie ist das soziale Gewissen ihrer Partei. Doch sie ist auch ehrgeizig und machtbewusst. Sie schämt sich nicht zu weinen, kann aber auch sehr herrisch auftreten. Fragt man im Landtag herum, heißt es: „mitfühlend“, aber auch „dünnhäutig“ und „überempfindlich“.

In einem aber sind sich alle einig: Es gibt kaum jemanden in der bayerischen Politik, der mehr Stürme überstanden hat. Eine Oberbürgermeisterwahl in Würzburg, bei der sie es nach einer Schlammschlacht nicht mal in die Stichwahl schaffte. Einen Rücktritt als Sozialministerin. Eine Krebserkrankung. Und die Landtagsaffäre. Die Geschichte von Barbara Stamm dreht sich um den Dreiklang Kämpfen, Fallen und wieder Aufstehen.

Die BSE-Affäre im Winter 2000/2001 ist ein schönes Beispiel. Nach der kurzen Weihnachtspause wächst der Druck. Ende Januar 2001 geht es nicht mehr. Ihren Abgang aber vollzieht Stamm unter besonderer Choreografie. Eine größere Pressekonferenz: Erst spricht der Innenminister, dann der Justizminister. Es zieht sich. Schließlich stellt Stamm in aller Ruhe ihr neues Veterinärkonzept vor. Tierarzneimittelmissbrauch und so. Die ersten Fernsehteams schalten die Kameras ab, Radioreporter eilen nach draußen und melden: Stamm bleibt im Amt. Dann, am Schluss, wie eine Pointe in einem Krimi, erklärt sie ihren Rücktritt. Den Journalisten schleudert sie entgegen, sie könnten jetzt „die Sektkorken knallen“ lassen. „Als es vorbei war, musste mich Uli Wilhelm (damals Regierungssprecher, heute BR-Intendant, die Red.) fast schon stützen“, erinnert sich Stamm. „Ich habe erstmal geheult. Aber danach war ich unglaublich stolz auf mich.“

Eine Barbara Stamm geht nicht einfach so. Viele im Landtag haben sich schon die Zähne ausgebissen an dieser Frau. Sie haben sie unterschätzt. Denn die Wurzeln für ihre Kämpfernatur reichen weit zurück. Bis in die frühesten Kindheitstage, über die Stamm nur sehr selten spricht. Selbst ihren Kindern erzählte sie lange nichts. Und manches weiß nicht einmal sie selbst.

Die ersten Jahre ihres Lebens wächst die kleine Barbara auf einem Bauernhof in der Nähe ihres Geburtsorts Bad Mergentheim auf. Bei ihren Eltern. Denkt sie. Doch als das Mädchen acht Jahre alt ist, taucht eines Tages ihre wirkliche Mutter auf und nimmt das Kind aus der Pflegefamilie. Die Frau ist taubstumm, das Mädchen völlig verzweifelt. „Ich hatte noch nie einen Menschen erlebt, mit dem ich nicht kommunizieren konnte.“ Das sollte ihre Mutter sein? Vom Bauernhof zieht das Kind mit Stiefvater und Mutter in eine Einzimmer-Wohnung in Bamberg.

Es sind nicht nur ärmliche Verhältnisse, sondern furchtbare. „Ab meinem achten Lebensjahr habe ich mehr Zeit in Kinderheimen verbracht als in der Familie, in die ich hineingeholt worden bin.“ Immer wieder nimmt das Jugendamt sie heraus, dann folgt ein neuer Anlauf in der Familie. Vergeblich. Wie schwierig das Verhältnis ist, zeigt Stamms Antwort auf die Frage nach ihrem Vater. „Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Meine Mutter wollte nicht darüber reden, also habe ich mich nicht getraut danach zu fragen.“

Es ist fast ein wenig unwirklich. Stamm erzählt diese Geschichte ein paar Abende vor ihrem 70. Geburtstag. Eine Geschichte, die so überhaupt nichts zu tun hat mit Macht, Wohlstand und Einfluss.

Stamm sitzt in ihrem Präsidentinnenbüro im ersten Stock des Landtags. Draußen wird es dunkel, das Licht kommt vom Kronleuchter. Die Sekretärin hat Cappuccino gebracht, unten wartet der Fahrer. Aber die Landtagspräsidentin ist geistig weit weg. In einer anderen Zeit, einer anderen Welt. Als Sozialministerin hat sie viele Geschichten wie ihre gehört. Sie werden vor Gericht erzählt, von jungen Menschen, die auf die falsche Bahn geraten sind. „Mein Leben hätte auch einen anderen Verlauf nehmen können.“ Andere Politiker gehen mit ihrer schweren Kindheit hausieren. Stamm hat lange geschwiegen.

Die junge Barbara besucht nur die Volksschule. „Ich habe mir meine Ausbildung erst verdienen müssen.“ Nach dem Ende der Hauptschule arbeitet sie drei Jahre im Kinderheim in der Waschküche. „Dann habe ich von einer Religionslehrerin ein Darlehen bekommen, damit ich meine Ausbildung machen konnte.“ Erzieherin wird sie. Später koordiniert sie dieAusbildung der Gruppenleiter in der katholischen Jugendarbeit. Und sie engagiert sich politisch. Es ist ihr Weg in ein anderes Leben.

Wahrscheinlich erklärt diese Kindheit vieles, was einen an Stamm manchmal verwundert. Diese Härte, die sie an den Tag legen kann. Und die soziale Ader. Beides gehört zu ihr. Als sei ein Panzer um ihr Herz gelegt, damit es nicht zerspringen kann, hat eine Zeitung mal über sie geschrieben. „Es gibt Dinge, die nicht an mir abprallen“, gibt Stamm zu. „Das hat natürlich mit diesen frühen Erfahrungen zu tun.“ Egal, was die anderen reden. „Es wird ja immer gesagt: Diese emotionale Tante. Das bin ich auch: Ich bin emotional! Politik muss mit Kopf und Herz aufwachsen.“

In den Schoß fällt ihr wenig im Leben. „Ich habe wirklich großen Respekt davor, wie sie als Nicht-Akademikerin und junge Mutter in der CSU der Siebziger, im erzkonservativen Würzburg ihren Mann gestanden hat“, sagt Tochter Claudia, die heute für die Grünen im Landtag sitzt. Claudia ist vier Jahre alt, als die Mutter 1974 erstmals kandidiert. „Gott sei Dank bin ich nicht reingekommen“, sagt Barbara Stamm heute. Sie erwartete damals das dritte Kind. Als sie zwei Jahre später nachrückt, tollen die drei Kleinen schon mal durch den Sitzungssaal. Viel von der Erziehung bleibt am Vater hängen. Heute mag das selbstverständlich erscheinen. Vor 38 Jahren, die Grünen sind noch nicht gegründet, bedeutete das einen Tabubruch, nicht nur in der CSU. „Die Gutmeinenden haben gesagt: Die soll daheim bleiben und sich um ihre Kinder kümmer“, erinnert sich Barbara Stamm. „Andere wurden deutlicher.“

Die Nachwuchspolitikerin ist ehrgeizig. Weggefährten berichten, dass sie als Sozial-Staatssekretärin am Stuhl ihres Ministers Gebhard Glück gesägt habe. Sie selbst erinnert sich anders. Jedenfalls übernimmt sie das Amt 1994 und schärft in den folgenden sieben Jahren ihr soziales Profil. Mit Horst Seehofer, damals Bundesgesundheitsminister, gibt es regelmäßig Reibereien. Bis heute bleibt das Verhältnis schwierig. „Sie ist der Inbegriff für das S in der CSU“, sagt sogar Erwin Huber, mit dem sie ebenfalls aneinander geriet. Er leitet 2001 die Staatskanzlei, am Rücktritt in der BSE-Krise hat er seinen Anteil.

Der Abgang trifft Barbara Stamm hart. Es ist wie immer: Sie kämpft. Sie leidet. Aber wenn sie fällt, steht sie wieder auf. Erst wird sie Vorsitzende der Lebenshilfe, zwei Jahre später Vizepräsidentin des Landtags. Wieder einmal bemüht sie sich erfolglos um einen eigenen Stimmkreis. Die bleiben in Männerhand. Auch nach drei Jahrzehnten im Parlament muss die Stimmenkönigin Unterfrankens auf der Liste antreten. 2008 wird es unglaublich eng. Stundenlang zittert Stamm um ihr Mandat, erst kurz vor Mitternacht hat sie Gewissheit. Zwei Wochen später wird sie als Präsidentin des Landtags vereidigt. Sie ist wieder ganz oben. Politisch.

Privat ist die Stimmung mehr als angespannt. Im Wahlkampf ist Krebs diagnostiziert worden. Obwohl sie von Termin zu Termin hetzt, muss sie zwischendrin zur Chemotherapie. Die erste Bestrahlung folgt kurz nach der Vereidigung. Morgens um sieben in die Klinik, mittags in den Landtag. Die vielen Archivbilder, die sie mit Perücke zeigen, hasst sie.

Ihre Hartnäckigkeit beweist sie auch auf überraschendem Terrain. Vor allem dank ihres Einsatzes wurde die Faschingsveranstaltung „Fastnacht in Franken“ zum Quotenrenner des Bayerischen Fernsehens. Auch in der Gastronomie im Umfeld des Landtags gilt Stamm als ausdauernd. „Sie ist ein veritables Feierbiest“, scherzt der SPD-Politiker Franz Maget, bis zur letzten Wahl ihr Stellvertreter als Präsident. Er habe immer sorgsam darauf geachtet, rechtzeitig nach Hause zu gehen. „Wenn Du nicht aufpasst und das Grüppchen zu klein wird, bist Du fällig. Dann lässt sie Dich nicht mehr heim.“

Eigentlich wollte sie ja aufhören. Vor drei, vier Jahren war das. Seehofer fragt, ob sie nicht weitermachen will. Er braucht die Stimmen in Unterfranken. Stamm zögert, sie wird auch gerne gebeten. Da bricht plötzlich die Verwandten-Affäre über sie herein. Ein weiterer großer Kampf. Er verlangt ihr alles ab.

Im Mai 2013 kommt es zum Showdown. Auf dem Flur vor dem Plenarsaal wird sie heftig bedrängt. Die Journalisten haben sie regelrecht eingekeilt. Es wird laut. Und grenzwertig. Auf beiden Seiten. Sie soll endlich die Namen rausgeben, rufen die Reporter. Die Öffentlichkeit habe ein Recht, zu wissen, welche Abgeordneten ihren Frauen einen lukrativen Nebenjob zuschusterten. „Nein“, ruft Stamm. Die meisten Fälle seien nicht zu beanstanden. Bei einigen Abgeordneten geht es nur um ein paar hundert Euro – aber um den Ruf eines ganzen Politikerlebens. Stamm kennt jeden einzelnen Fall. Sie keift fast, als sie mit den Journalisten streitet. Tränen in den Augen. Minuten später wird sie in ihrem Büro sitzen und die Hände vors Gesicht schlagen. Hat das Parlament Schaden genommen? „Es ist Etliches ins Wanken geraten.“ Auch sie wankt. Ein paar Tage später veröffentlicht sie alle Namen.

Sie fällt. Sie tut sich leid. Sie steht wieder auf. Jetzt, mit 70, sitzt Stamm immer noch in diesem Büro. Die Mehrheit bei ihrer Wahl war überwältigend, selbst die SPD stimmte für sie. Die Entscheidung weiterzumachen fiel, als Seehofer sie schon fallengelassen hatte. Als auf den Gängen getuschelt wurde: „Die kann es nicht.“ Das hat sie getroffen. „Eigentlich habe ich das bis heute nicht verwunden.“ Und in einem Alter, in dem andere längst in Rente sind, beschloss sie: „Jetzt erst recht.“

Von Mike Schier

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