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Größenverhältnisse: Horst Seehofer zwischen Barbara Stamm (l.) und Thomas Kreuzer.

CSU-Fraktion wählt Kreuzer

Eine nachdrückliche Bitte vom Chef

München - Der Seehofer-Vertraute Thomas Kreuzer führt ab sofort die CSU-Fraktion. Mit Riesen-Mehrheit und nur ganz leisem Murren folgen die Abgeordneten der Anordnung ihres Parteichefs. Das Regieren ist so deutlich einfacher.

Man kann die Buchstaben nur schwer entziffern, der Ministerpräsident hat eine etwas krakelige Schrift. Fernsehkameras fangen den Moment ein, als Horst Seehofer wenige Worte auf einen kleinen Notizzettel kritzelt. „Kreuzer“ könnte eines davon heißen. Seehofer legt den grünen Stift drauf, schaut zufrieden, die Sitzung der Landtagsabgeordneten kann beginnen. Sie werden genau das tun, was auf seinem kleinen Zettel steht.

Vorher muss er ihnen natürlich noch sagen, was das ist. In der Sitzung schlägt Seehofer also den bisherigen Minister Thomas Kreuzer als neuen Chef der Landtagsfraktion vor. Der stehe für Einigkeit und sei breit akzeptiert. Die Abgeordneten hören den Vorschlag zum ersten Mal, stimmen aber bald ab: 96 von 99 Stimmen für Kreuzer.

So endet ganz unspektakulär die erste Machtprobe nach der Landtagswahl. Seehofer setzt mühelos seinen ihm vertrauten Staatskanzleichef an die Spitze der Abgeordneten. Ihm gelingt auch, dass außer ihm bis fast zuletzt niemand sicher weiß, ob er Kreuzer wirklich vorschlägt – ein kleiner Gruß Seehofers an die gern über Namen spekulierenden Journalisten. „Wir haben das alles im Dialog entwickelt“, erklärt er fröhlich. Wobei die am Dialog Beteiligten alle wussten: Am Ende entscheidet Seehofer alleine.

Für die Fraktion, vor allem für erfahrene Abgeordnete, ist es ungewöhnlich, auf den letzten Drücker einen Kandidaten ohne Alternative vorgesetzt zu bekommen. Einziges Zugeständnis: Die Wahl gilt nur bis Anfang 2016, muss dann erneuert werden. Dass die Fraktion Kreuzer trotzdem mit einem starken Ergebnis wählt, gilt auch als Zeichen der Disziplin. Den neuen, beliebten Vorsitzenden zum Start gleich zu beschädigen, hätte die Fraktion auch nicht nach vorne gebracht. Bitternis aber bleibt: „Wir waren mal die Herzkammer der CSU“, sagt einer, „jetzt sind wir noch die Besenkammer.“

Herzkammer war die Fraktion vor allem, wenn sie die Landespolitik durch eigene Ideen prägte. Für politische Projekte gibt es in Bayern immer mindestens zwei Wege: Die Regierung, also die Minister und ihre Beamten, kommen auf eine Idee – oder die Abgeordneten entwickeln eigene Konzepte. Herzkammer heißt auch: Die Fraktion ist so stark, dass sie übermütige oder zu eigenständige Minister und Beamte zurückpfeifen kann. „Regierungsmitglieder werden von der Fraktion schnell auf den Boden zurückgeholt“, beschrieb das Alois Glück, der langjährige Stoiber-Gegenspieler: „Ein erzieherischer Prozess.“

Dazu braucht es aber einen Fraktionschef, der sich auch mal mit dem Ministerpräsidenten furchtlos anlegt. Glück war das bei Stoiber immer, Joachim Herrmann manchmal, Georg Schmid für Seehofer nie. Und Kreuzer? Viele sehen in ihm vor allem den Loyalen, der Seehofer ohne eigene Kronprinzen-Allüren eine ruhige Regentschaft bis 2018 sichern soll. Der Schwabe selbst beteuert, die Regierung werde er kontrollieren, „und zwar effektiv, darauf können Sie sich verlassen“.

Etwas klarer ist nun, was sonst so auf Seehofers geheimem Zettel steht. Minister mit großen, aufgewertetem Portfolio werden Ilse Aigner und Markus Söder. Vor der Fraktion legt er sich darauf fest und verlangt von beiden, für die CSU auch bundesweit Fachkompetenz auszustrahlen. Sicher im Kabinett sind auch Ludwig Spaenle (wohl für ein fusioniertes Bildungsressort), Joachim Herrmann (Inneres, Verkehr und/oder Heimat), Marcel Huber und Christine Haderthauer.

Alle anderen zittern oder hoffen, das schlägt unterschiedlich aufs Gemüt durch. Kreuzer war dabei schon vor seiner Wahl derjenige, der die ganze Aufregung am gelassensten aufnahm. Als Bayerns Presse und viele Politiker am späten Dienstagabend wild über den Namen des künftigen Fraktionschefs spekulierten, sah man den Minister auf dem Oktoberfest, und das zu nächtlicher Stunde in sehr aufgeräumter Stimmung.

Christian Deutschländer

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