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Georg Anastasiadis, Stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur

Eine Todsünde

München - Ein Kommetar von Georg Anastasiadis, Stellvertretender Chefredakteur des Münchner Merkur, zur Diskussion um Thilo Sarrazin.

Lesen Sie dazu:

Skandal um Sarrazin: das sind die umstrittenen Zitate

Deutschland diskutiert über Sarrazin-Interview

Hohes Gut Meinungsfreiheit

Rücktrittsforderungen, Parteiausschlussverfahren, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen: Die deutsche Tabu-Gesellschaft, angeführt von Grünen und SPD, fährt das volle Programm gegen Thilo Sarrazin. Der Bundesbank-Vorstand und Berliner SPD-Ex-Finanzsenator hat Ungeheuerliches getan. Er hat die unbequeme Wahrheit ausgesprochen, dass die Migrationspolitik hierzulande, trotz Schäubles Islamkonferenz und vieler schöner Worte, noch immer wenig zustande bringt. Er hat die Integrationsdebatte, die die Gutmenschen gerade erfolgreich ausgetreten hatten, neu belebt. Manche halten das für eine Todsünde im politisch korrekten Deutschland, jedenfalls für ein Vergehen, das härter zu ahnden ist als jahrelanges Wegschauen, als das Tolerieren von Parallelgesellschaften und das Entstehen einer bildungsfernen und chancenlosen Unterschicht, die das Land noch vor existentielle Probleme stellen wird.

Unangepasster und kantiger Typ

Man kann darüber streiten, ob Sarrazins drastische Worte und Bilder von Migranten, die von diesem Staat leben, ihn aber ablehnen, die für die Ausbildung ihrer Kinder nicht vernünftig sorgen und „ständig neue kleine Kopftuchmädchen produzieren“, klug gewählt waren. Solche Pauschalierungen sind meist zu plump, um eine vielschichtige Realität zutreffend zu erfassen, auch wenn sie der Berliner Szene, die Sarrazin kennt wie kaum ein anderer, gewiss nicht grob Unrecht tun. Sarrazin ist ein unangepasster und kantiger Typ, was vor den Migranten schon Hartz-IV-Empfänger zu spüren bekamen. Aus dem Ärger, den ihm frühere Provokationen eingetragen haben, hat er nicht viel gelernt, jedenfalls nicht wie man Wahrheiten so verpackt, dass sie im Diskurs dieser harmoniesüchtigen Republik gerade noch ertragen werden.

Aber: Was Sarrazin gesagt hat, muss in einer Gesellschaft, die das Recht auf freie Meinungsäußerung schätzt, gesagt werden dürfen, ohne dass es mit der politischen Vernichtung sanktioniert wird. Es wird wohl anders kommen. Bundesbankchef Weber hat Sarrazin in einer für Bankerdeutschverhältnisse relativ unzweideutigen Weise zum Rückzug aufgefordert. Deutschlands Gutmenschen hätten dann einen weiteren Sieg errungen. Einen Pyrrhussieg.

Georg Anastasiadis

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