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Ein endloser Konvoi auf Schienen: Die US-Panzer, Typ M1A2 Abrams, Mitte Januar auf ihrem Weg zwischen Bremerhaven und Polen.

US-Division erreicht Osteuropa

Muskelspiele an Putins Grenze

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Zagan - Eines der größten Militär-Manöver nach dem Kalten Krieg läuft. 4000 US-Soldaten haben in diesen Tagen Osteuropa erreicht. Ziel der Mission: Die Alliierten beruhigen, Moskau beeindrucken. Wir haben die Soldaten in Polen besucht.

Der Motor heult auf, der Panzer rollt zwei Meter durch den Schnee, dann schießt ein Feuerball aus dem Kanonenrohr. Eine Zehntelsekunde später dröhnt ein Knall durch das Areal, ohrenbetäubend, der gefrorene Boden bebt. Ein Stahlgeschoss, 12 Zentimeter Durchmesser, fliegt über das Gelände, reißt 1800 Meter weiter hinten ein Loch in das Ziel. Mit einer Wucht, die Umstehende töten würde, selbst wenn sie nicht direkt getroffen werden. Und das ist nur die Übungsmunition, ohne Sprengsatz.

Am Horizont tauchen neue Ziele auf, computergesteuert hochgeklappt für ein paar Sekunden. Die Panzer wechseln sich ab, routiniert und mit gnadenloser Präzision. Für die Soldaten in den US-Kampfpanzern ist es eine einfache Übung, mehr ein Kalibrieren der tödlichen Waffen. „Auf die Distanz sollte man schon treffen“, sagt einer aus der Einheit später, es ist der, auf dessen Turm in schwarzen Lettern „Top Gun“ prangt.

Zagan am 14. Januar: Als die ersten US-Soldaten im Ort eintreffen, werden sie von Anwohnern gefeiert. 

Ein riesiges Waldstück mitten im Nirgendwo in Westpolen, Niederschlesien, nicht sehr weit von der deutschen Grenze: In bitterer Kälte und fast völliger Abgeschiedenheit trainieren tausende US-Soldaten für den Ernstfall, Europa verteidigen zu müssen. Sie sind gerade angekommen, haben eine selbst in globalisierten Zeiten außergewöhnliche Reise hinter sich: von Fort Carson am Fuß der Rocky Mountains in Colorado auf Schienen zum Atlantik, auf Schiffen nach Bremerhaven. Per Zug und auf Straßen weiter nach Polen, über Brücken, von denen man jetzt weiß, dass sie halten.

Die Soldaten des Armored Brigade Combat Teams der vierten US-Infanterie-Division sind angerückt mit fast 4000 Mann, 87 Kampfpanzern, einer dreistelligen Zahl von Schützenpanzern, Material und Munition in Milliardenhöhe. Die Truppenverlegung, eine der größten seit dem Ende des Kalten Krieges, ist Teil der Operation „Atlantic Resolve“. Die USA geben heuer 3,4 Milliarden Dollar aus, um nach der russischen Krim-Annexion 2014 die neuen Nato-Partner in Osteuropa zu stärken. Deren Angst vor Moskau wächst.

Übungsschießen am Wochenende in der Nähe von Sagan: Die Panzer haben 6000 Kilometer hinter sich. 

Ab sofort ist eine volle US-Brigade zusätzlich in Estland, Litauen, Lettland, Polen, der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien stationiert. Die Waffendepots in Deutschland, den Niederlanden und Belgien werden zudem so aufgefüllt, dass jederzeit eine weitere große Einheit kampfbereit eingeflogen werden könnte. „Unsere Reaktionszeiten werden immer kürzer. Wenn man uns ruft, müssen wir schnell bereit sein“, sagt der deutsche General Kai Rohrschneider, der den Einsatz mit plant und eng mit den Amerikanern zusammenarbeitet.

Die Nato spricht bei ihrem Muskelspiel längst nicht mehr von „reassurance“, also Rückversicherung Osteuropas, sondern von „deterrence“: Abschreckung Russlands. Die US-Soldaten werden neun Monate bleiben, ehe sie von der nächsten Brigade nahtlos abgelöst werden. Der Einsatz wird organisatorisch kaum anders behandelt als die Kriege im Irak oder in Afghanistan. Das sagt auch etwas aus über die Einschätzung der Bedrohungslage.

„Ein Wendepunkt in unserer Geschichte“: Sagans Bürgermeister Daniel Marchewka über den US-Aufmarsch. 

Die Truppenverlegung nach Europa ist eine vielfach heikle Mission. Keiner weiß wirklich, wie die Russen auf den Aufmarsch in ihrem ehemaligen Einflussgebiet reagieren. Sie konterten zunächst mit Panzer-Übungen weit westlich von Moskau. Heikel aber auch, weil die USA nach ihrem Regierungswechsel selbst noch ausloten, wie sie mit Europa und Russland umgehen wollen; jeder neue Satz von Präsident Trump über die Nato wird derzeit analysiert. Vorerst ziehen die USA die ganze Mission, ein Erbe aus Obamas Zeit, durch. Der Ruf an Europa, die Verteidigungsbudgets aufzustocken und gefälligst selber mehr zu tun, wird allerdings immer lauter. Deutschland übernimmt immerhin die Führung eines Bataillons in Litauen, ein Panzerbataillon aus Schwandorf rückt an.

Militärisch spüren die USA allerdings mehr als nur Sprach- und Kulturgrenzen. Da differieren die Niveaus weit: Was die USA mal eben in Colorado auf die Schiene schickten, ist mehr, als manche Armee im Baltikum insgesamt besitzt. Dafür plagen die US-Logistiker Wissenslücken bei der Infrastruktur in Osteuropa. Wo tanken? Wo landen? Vor 30 Jahren war das ja noch Feindgebiet.

US-Oberstleutnant George Mitroka auf einem Kasernengelände in Westpolen. 

Lieutenant Colonel George Mitroka steht auf einem Kasernenhof nahe Boleslawiec (einst Bunzlau), hinter ihm röhren die Motoren dutzender gepanzerter Vehikel. „6000 Kilometer waren das“, sagt er, jedes seiner Worte hinterlässt ein Wölkchen in der eiskalten Luft. „In 14 Tagen.“ Der Oberstleutnant lässt gerade die Fahrzeuge von Schneeresten freischaufeln, prüfen, betanken. Bis jetzt habe alles recht gut geklappt. Recht gut, das schließt ein paar Probleme ein. Die unterschiedlichen Spurbreiten der Bahnlinien machten die Mission nicht leichter. Mehrere der sandfarbenen US-Militärfahrzeuge rutschten von vereisten Straßen, darunter ein Lkw mit nicht pflegeleichter Ladung – Panzergranaten. „Die Wege hier sind ein bisschen enger als in den USA“, sagt Mitroka entschuldigend. Mehrere Fahrzeuge kamen mit leeren Batterien an. Sonst haben die Maschinen den Transport aus dem gebirgigen Colorado übers Meer nach Polen aber überstanden. Sie werden jetzt auf die anderen Staaten weiterverteilt, eine Einheit zieht ins oberpfälzische Grafenwöhr zum Trainieren.

Für viele Soldaten, die schon in Afghanistan und Irak waren, ist es der erste Kontakt mit Europa. „Da gibt’s Kirchen aus dem Jahr 1400“, staunt ein Leutnant – „die sind echt älter als unser Land.“ Man sieht die Grüppchen abends durch polnische Kleinstädte streifen, neugierig. Die härteren Phasen kommen eh noch, es sind insgesamt neun Monate ohne Familie, auf engstem Raum in Mehrbettstuben, in Ländern, die kaum ein Amerikaner auf der Weltkarte finden würde.

Die Aufnahme der Soldaten ist unterschiedlich. In Deutschland waren vereinzelt Demos gegen den kilometerlangen US-Konvoi angemeldet. Die Große Koalition – erst Steinmeier als SPD-Außenminister, jetzt Seehofer als CSU-Vorsitzender – klagte über „Säbelrasseln“ und meinte die Nato. Auch in mehreren osteuropäischen Staaten gibt es Kritik aus der Bevölkerung, ob der massive Aufmarsch ihre Länder wirklich sicherer macht – oder sie nur in den Mittelpunkt eines wiedererwachenden Militärkonflikts schiebt.

In Polen, wo sich die US-Truppen sammeln, ist der Empfang hingegen herzlich. Die umstrittene rechtsgerichtete Regierung feiert die Stationierung als Erfolg, heute kommt sogar der Staatspräsident zu einem Festakt mit den US-Truppen. Und in Zagan, einer Kleinstadt zwischen Berlin und Breslau, steht Bürgermeister Daniel Marchewka im Ballsaal des Stadtschlosses, dem prunkvollsten Raum der ländlichen Gegend, und kommt aus dem Frohlocken nicht mehr raus. „Ein Wendepunkt in der Geschichte unserer Stadt“, ruft er, „wir sind sehr stolz.“ Bei Zagan wird ein Hauptquartier angelegt. „Polens Panzerhauptstadt“, sagt Marchewka. „Wir müssten Millionen investieren, um so eine PR zu kriegen.“ Nebenbei werden seine Straßen und Brücken erneuert, ohne dass es die Stadtkasse kümmert.

Der Bürgermeister mit dem USA-Sticker am Revers ist nicht der einzige Euphorisierte. Der Chef der örtlichen Kneipe, der schummrige Laden heißt „Mafia“, meldet Rekordumsatz mit Coca-Cola. Und als die US-Kolonne ankam in Zagan, posierte vom Rentner mit Krückstock bis zu Familien mit Babys der halbe Ort für ein Foto im Schneeregen vor den Panzern. Kinder durften in die Luken krabbeln. Das letzte Mal, dass so viele Amerikaner da waren, war 1945. Allerdings nicht freiwillig. Die Deutschen hatten hier ein Kriegsgefangenenlager.

In Osteuropa ziehen die Nato-Truppen nun durch, was seit 2014 geplant wird: gemeinsame Missionen, auch das die größten dieses Jahrtausends. Im Juli beginnt eine Großübung mit über 20 000 Soldaten zu Luft, Land und Wasser in Ungarn, Rumänien und Bulgarien. In diesem Sommer werden sich Nato-Truppen und Russen auch gefährlich näher kommen denn je: Ein Teil der Übung läuft im Schwarzen Meer, vor den Küsten der Halbinsel Krim.  

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