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Zu gemäßigt? Der neue AfD-Beisitzer Stephan Protschka (Mi.) aus Niederbayern mit Landeschef Martin Sichert.

Nach Parteitag

Der Einfluss der Rechtsnationalen in der AfD wächst

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Der neue AfD-Bundesvorsitzende Gauland hält an der Oppositionsrolle fest. Stephan Protschka aus Niederbayern kandidierte spontan als Beisitzer

München – Wahrnehmungen können manchmal ziemlich unterschiedlich sein. Beim AfD-Parteitag in Hannover knirschten einige Delegierte aus dem gemäßigten Lager mit den Zähnen, weil es ihre Leute nur in die zweite Reihe des Bundesvorstands geschafft haben. Peter Münch, Landeschef aus Hessen, sah die Sache ganz anders: Aus seiner Sicht seien in Hannover sogar „zu viele gemäßigte Vertreter“ gewählt worden, beschwerte er sich vor Journalisten. Er werde sich deshalb vom Landesvorsitz zurückziehen.

Tatsächlich hat das liberal-konservative Lager mit Georg Pazderski, Kay Gottschalk und Albrecht Glaser drei Vize-Vorsitzende durchsetzen können. Die Bühne der Öffentlichkeit steht aber den beiden Bundessprechern zu – und dort entschieden sich die Delegierten für Jörg Meuthen und Alexander Gauland. Für zwei Politiker, die ihre schützende Hand über den Thüringer Partei-Rechtsaußen Björn Höcke halten, kritisiert etwa immer wieder die AfD-Ex-Chefin Frauke Petry.

Gauland: Zunächst keine Regierungsbeteiligung der AfD

Eine Regierungsbeteiligung, das machte Gauland in seiner Bewerbungsrede gleich klar, komme für ihn erst mal nicht infrage. Er argumentierte damit auf der Linie der Rechtsnationalen. „Wir dürfen nicht zu früh ankommen“, sagte Gauland, das hätten ihm Vertreter der österreichischen FPÖ immer wieder geraten. „Erst wenn wir so stark sind oder fast so stark wie die anderen, haben wir eine Chance, Verantwortung zu übernehmen.“ Heißt übersetzt: Wir müssen auf Augenhöhe agieren, um in einer Koalition nicht untergebuttert zu werden. Petry hatte dagegen in ihren letzten Monaten in der AfD dafür plädiert, bis 2021 regierungsfähig zu werden.

Dass sich der rechtsnationale Flügel in einigen Punkten durchsetzt, war zunächst nicht abzusehen. Björn Höcke begrüßte die Delegierten in Hannover noch in Rockstar-Manier, der Jubel nach seinem „Hallo, Hannover“-Ruf blieb aber aus. Sein Einfluss zeigte sich erst später, subtiler – indem etwa die Entscheidung über seinen Parteiausschluss auf Januar vertagt bleibt. Mit Gauland (76) gaben die Delegierten zudem einem mächtigen Fürsprecher Höckes weiteren Einfluss. Der Jurist aus Chemnitz gilt zwar parteiintern als integrativ, ist aber dem nationalkonservativen Lager zuzuordnen. Er ist der mächtige Mann: als Fraktionssprecher neben Alice Weidel (der manche in der Partei Opportunismus unterstellen) und als Parteivorsitzender neben Meuthen, der als Europaabgeordneter in Brüssel weit weg ist vom Tagesgeschäft.

AfD in Bayern: Landeschef Sichert sieht sich nicht als Höcke-Anhänger

Die AfD in Bayern mäandert dagegen zwischen den Strömungen hin und her. Martin Sichert, Landesvorsitzender, wird zwar von einigen als bayerischer Anführer der Höcke-Fans tituliert, will von dieser Zuordnung aber nichts wissen. Stephan Protschka, Chef des Bezirksverbands Niederbayern und überraschend als Einziger aus Bayern zum Beisitzer in den Bundesvorstand gewählt, sieht sich keiner Strömung zugehörig. Er sei „wertkonservativ“ und spreche mit allen Gruppen. Sein Vorgänger Dirk Driesang war Mitbegründer der „Alternativen Mitte“.

Protschka entschied sich um 16 Uhr spontan zur Kandidatur, „um doch noch jemanden aus Bayern durchzubringen“, sagt er. Er überzeugte mit seiner Rede, in der das ehemalige Mitglied der Jungen Union mit der CSU kokettierte. Franz Josef Strauß sei sein Vorbild, sagte Protschka, der „wäre heute in der AfD“. In Oberbayern ist der 40-Jährige recht unbekannt, auch beim Landesparteitag spielte er keine große Rolle. Bundesweit sorgte der Abgeordnete im Sommer für ein bisschen Rumoren: Er war Mitglied der Facebook-Gruppe „Die Patrioten“, in der unter anderem auf einer Fotomontage das Holocaust-Opfer Anne Frank verunglimpft wurde. „Ich verstehe mich auch als Patriot“, sagt Protschka dazu. Zu der Gruppe sei er aber ohne sein Wissen von einem anderen Facebook-Nutzer hinzugefügt worden, erst eine Medienanfrage habe ihn darauf aufmerksam gemacht. Inzwischen trat er wieder aus. Den Anne-Frank-Post habe er zudem nie gesehen. „So was ist geschmacklos, von solchen Dingen distanziere ich mich.“

Sebastian Dorn

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