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Bastion erobert: Ruth Waldmann vor dem Landtag, in den sie per Direktmandat einzieht – als Einzige in der SPD.

Die Einzigartige:

Ruth Waldmann erobert Direktmandat für die SPD

München - Ganz Bayern ist schwarz. Ganz Bayern? Nein. Ein kleiner roter Fleck leuchtet auf der Landkarte, weil Ruth Waldmann das einzige Direktmandat der SPD im Freistaat erobern konnte.

Die 42-Jährige siegte im Stimmkreis Milbertshofen, holte dort 36,3 Prozent der Erststimmen, die CSU nur 30,1 Prozent. In ihrem Viertel ist die Frau, die als Vize-Chefin der Arbeiterwohlfahrt in München arbeitet, bekannt wie ein bunter Hund. Auf der großen Politikbühne aber nur Kennern ein Begriff. Am Tag nach ihrem Triumph fragten wir sie nach ihrem Geheimnis.

Frau Waldmann, haben Sie gestern . . .

Moment, mein anderes Telefon klingelt schon wieder. Das geht echt ohne Pause.

Wer ruft denn an?

Ach, irgendeine andere Zeitung. Ist egal. Legen Sie los.

Danke. Haben Sie gestern ordentlich gefeiert?

Ja. Haben wir. Es hat ziemlich lange gedauert, bis endgültig feststand, dass ich das Direktmandat gewonnen habe. Ich glaube, gegen elf hatten wir das Ergebnis. So bis um zwei saßen wir dann noch hier im Bürgerbüro zusammen . . .

. . . und haben ein paar Flaschen Sekt geöffnet.

Och nö, wir haben das bodenständiger mit Bier und Wein gemacht.

Sie sind die einzige SPD-Kandidatin in ganz Bayern, die ein Direktmandat holen konnte. Was machen Sie besser als alle anderen Genossen im Freistaat?

Man muss sagen, dass die Lage in manchen Teilen Bayerns einfach schwieriger ist. In Garmisch-Partenkirchen können Sie als Kandidat die strukturellen Nachteile, die die SPD da hat, nicht ohne Weiteres kompensieren. Deswegen verbietet es sich, von hier aus gute Ratschläge zu erteilen.

Trotzdem: Sie sind auch in München die Einzige, die das geschafft hat. Was ist Ihr Geheimnis?

Ganz wichtig ist die stetige Präsenz vor Ort. Wir sind nicht nur vor Wahlen unterwegs. Wir haben hier ein Bürgerbüro mit einer echten, sehr guten Bürgerarbeit. Wir haben hier jede Woche eine kostenlose Mieter- und Schuldnerberatung. Wir sind immer da, seit vielen Jahren.

Milbertshofen ist aber auch der einzige Stimmkreis in München, den die SPD mehrfach gewinnen konnte. Das hilft.

Jein. Es gibt nicht mehr diese Wählerbindung wie früher. Die Leute müssen bei jeder Wahl neu überzeugt werden. Die wollen was sehen.

Haben Sie mit dem Sieg gerechnet?

Ich habe mir keine Prognose zugetraut, weil ich diese erdrückende Überschwemmung mit CSU-Wahlplakaten gesehen habe. Da war kein Baum, kein Strauch, kein Pfosten sicher. Dagegen konnte ich nicht anstinken. Ich kann das nur mit persönlichem Einsatz versuchen, wettzumachen.

Gab es schon Glückwünsche aus Berlin?

Aus Berlin? Nur von meinem Cousin, der dort für die Grünen arbeitet (lacht). Sonst jede Menge Glückwünsche. Meine Homepage ist seit Stunden zusammengebrochen, das habe ich alles so noch nicht erlebt. Ich gebe Interviews Schlag auf Schlag. Zeitungen, Agenturen, es waren auch schon zwei Fernsehteams da.

Können Sie das genießen oder überfordert das?

Es macht schon Spaß.

Bald bekommen Sie es im Landtag mit einer CSU zu tun, die vor Kraft kaum laufen kann. Wie verschafft man sich da Gehör?

Wir sind das ja gewohnt. Unter Stoiber hatte die CSU eine Zweidrittel-Mehrheit. Da haben sie es dann übertrieben mit ihrer Arroganz der Macht. Die CSU ist sicher gut beraten, nicht abzuheben. Außerdem machen wir schon lange eine gute Oppositionsarbeit mit Vorschlägen, die von Seehofer übernommen worden sind.

Was Ihnen beim Wähler aber nichts bringt.

Aber wenn’s doch der Sache dient! Die Wahl ist jetzt entschieden. Oppositionsarbeit ist eine wesentliche Aufgabe in der Demokratie. Ohne die geht es nicht.

Die SPD muss sich doch fragen: Wenn es der Ude nicht schafft, wer dann?

Mei! Dass es nicht leicht wird, wissen wir schon länger. Das schreckt uns nicht ab.

Im Gegensatz zu Ude stehen Sie als Siegerin da. Würden Sie gern Ministerpräsidentin werden?

(lacht) Nein! Nein. Ich will Abgeordnete im Landtag sein.

Wissen Sie schon, welchen Antrag Sie als erstes stellen werden?

Meine erste Sofortmaßnahme wäre, die Schulgebühren für Auszubildende in der Altenpflege abzuschaffen. Aber ganz schnell!

Welche Sofortmaßnahme steht heute Abend noch an?

Ich werde mich bedanken bei allen, die mich unterstützt haben. Auch in den Schwabinger Kneipen. Da gibt es einige, die mein Plakat in ihren Fenstern ausgehängt haben. Ich glaube, es ist fällig, dass ich heut’ eine Runde ausgebe.

Interview: Thomas Schmidt

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