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„Ich habe alles erlebt. Genug von allem.“ Walter Schön im Justizpalast. 

Walter Schön und seine Runde

Das Ende des legendären "Küchenkabinetts"

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München - Sie waren Stoibers engste Einflüsterer: Ein kleiner Zirkel diskreter Top-Beamter prägte Bayerns Politik über ein Jahrzehnt. Das legendäre „Küchenkabinett“ ist Geschichte. Nun geht der Vorletzte in Pension.

Die Rüge erfolgte handschriftlich, notiert auf einem offenbar sterbenslangweiligen Vermerk. „Ceterum censeo: VISIONEN!“, setzte der Amtschef der Staatskanzlei schwungvoll aufs Papier und ließ den Vermerk an die Untergebenen zurückgehen. Mit anderen Worten: Strengt euer Hirn an! Denkt kreativer! Verwaltet nicht nur eure Bedenken! Die Mitarbeiter haben Walter Schön den Vermerk später zurückgegeben, seine Mahnung ausgerissen, vergrößert und respektvoll gerahmt. „VISIONEN!“ hängt jetzt in Schöns Amtszimmer.

Am 30. Mai wird er den Rahmen abnehmen. Schön, 65 Jahre und drei Monate alt, geht in den Ruhestand. Viel Tamtam wird es nicht geben, einige sehr freundliche Worte zum Abschied für den Herrn Ministerialdirektor und einen Händedruck. Dann ist einer der rätselhaftesten Beamten Bayerns pensioniert.

Man stellt sich Visionäre ja gemeinhin anders vor: junge Wuschelköpfe in Kapuzenpullis vielleicht. Den hageren Dr. Schön hingegen traf kaum je ein Kollege ohne perfekt gebundene Krawatte im Dienst an. Korrekt wirkt er, unlocker, Mineralwassertrinker und Respektsperson.

Das stimmt in Teilen. Schön war von 1999 an elf Jahre lang Amtschef der Regierungszentrale: oberster Beamter der obersten Behörde. An die Spitze kommen selten leichtfüßige Scherzbolde.

Noch dazu umreißt der Posten Schöns Einfluss nur vage. Wichtiger ist: Er saß im legendären Küchenkabinett Stoiber. Eine Handvoll Beamter beriet den Ministerpräsidenten in allen Polit-Fragen: Regierungssprecher, Büroleiter, Amtschefs, Planungsstab.

Diese Juristen-Runde gab es offiziell nie, beteuern Beteiligte. Und falls es sie doch ein bisschen gab, soll man sie sich ja nicht als arroganten Zirkel mit hochgelegten Füßen vorstellen. Es herrschte strenges „Sie“, die Anrede „Herr Ministerpräsident“, auch in einer Küche tagte man nie. Zu Stoibers besten Zeiten aber, als er im kleinen Kreis um Rat und echten Widerspruch bat, erzeugte die diskrete Runde viel Schub. Die loyalen Beamten entwickelten vor allem Stoibers Hightech-Offensiven, also Zukunfts-Investitionen aus Privatisierungs-Milliarden, auch den ausgeglichenen Etat. Sie dachten in großen Linien weit über Bayern hinaus. Schön ist auch Architekt der Föderalismusreform bis 2006.

„Es hat keine verschworenen Runden gegeben, sondern einen informellen, dienstlichen Austausch“, sagt Schön: „Zu Tages- und Nachtzeiten.“ Was in Stoibers Staatskanzlei oft ineinander überging, in wilden Phasen fuhren die Berater auch mal nur zum Rasieren nach Hause.

Rückblickend waren es die kreativsten Jahre der Staatskanzlei. „Ich habe sicher den einen oder anderen damit traktiert“, sagt Schön lachend und deutet auf den gerahmten Vermerk: „Wir Beamte sind gut darin zu sagen, was alles nicht geht. Ministerielle Arbeit heißt aber, aufzuzeigen, wie etwas geht.“

Stoibers Stern sank, als sich seine Runde stritt, schleichend ab der Kanzlerkandidatur 2002. Er hörte auf immer weniger Leute aus dem Zirkel, wirkte wie ferngesteuert, ließ sich Zettelchen mit Kommandos zuschieben, galt als zunehmend unnahbar. Die Runde zerstreute sich vor und nach seinem Sturz.

Die Stoiberflüsterer sind heute weit verteilt. Friedrich W. Rothenpieler, Klaus Weigert: pensioniert. Ulrich Wilhelm: Beriet später die Kanzlerin, jetzt BR-Intendant. Der neue Regent Horst Seehofer tilgte 2010 die letzten Spuren der Runde, versetzte Martin Neumeyer als Amtschef ins Agrarministerium und Schön ins Justizressort. Auch viele Inhalte der späten Stoiber-Zeit revidierte er. Die Berater tagten nie mehr, sie eint nur noch, dass sie über die Stoiber-Zeit Diskretion wahren.

Für Schön selbst folgte nichts Besseres. Pläne, ihn zum Bundesverfassungsrichter zu befördern, platzten 2010. Im Justizressort war er fortan mit Ärger um Mollath, Gurlitt, Peggy und sonstwas befasst. Selten machte die Justiz eine gute Figur, die damalige Ministerin Beate Merk sogar nie. Schön schweigt diplomatisch auf die Frage, ob er sie falsch beriet oder sie seinen Rat ignorierte. Er erinnert nur daran, dass kein Minister in Urteile eingreifen könne: „Das ist der – von der Gewaltenteilung vorgegebene – große Unterschied zu anderen Ressorts. Sie können als Minister nicht einfach reinfuhrwerken in etwas, selbst wenn Sie es als unglücklich ansehen.“ Die Justiz müsse diese Rolle besser erklären, sagt er. Das erodierte Vertrauen in die Justiz schmerze ihn.

„Man muss loyal dienen können beim Staat, ohne willfährig zu sein“, beschrieb Schön mal sein Ethos. Das gelte unverändert, sagt er. Allerdings ab Juni so nicht mehr für ihn. Die Familie wartet in Gröbenzell, und am Ammersee liegt „Jenny“, das Sechs-Meter-Segelboot. Er wird reisen, will ein paar der Länder kennenlernen, durch die er auf Stoibers Staatsbesuchen in Blaulichtkolonnen raste. „Ich bin zwar viel durch die Welt gekommen, aber gesehen habe ich davon nicht viel.“

Ob er insgeheim verlängern wollte, vielleicht bis 67 auf dem Posten als Justiz-Amtschef? Schön lächelt milde. „Ich habe alles erlebt, genug von allem. Ich bilde mir nicht ein, noch irgendeine Heldentat zu vollbringen.“

Christian Deutschländer

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