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Experte attestiert Putin „nur noch ein Ziel“ – und kritisiert Merkel für „unbegreiflichen“ Fehler

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Von: Patrick Mayer

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Kreml-Chef: Wladimir Putin, Präsident von Russland.
Kreml-Chef: Wladimir Putin, Präsident von Russland. © IMAGO / ITAR-TASS

Russland kassiert im Ukraine-Krieg militärische Rückschläge. Dennoch hält Moskau-Machthaber Wladimir Putin an einem Ziel fest, glaubt ein Historiker. Kollegen pflichten ihm bei - auch aus München.

München/Berlin - Der russische Angriffskrieg in der Ukraine stockt. In der Region Donezk wehren sich die Verteidiger vor den Großstädten Kramatorsk (rund 150.000 Einwohner) und Slowjansk (rund 100.000 Einwohner). Dabei sollte die Oblast nach Vorstellungen von Russlands Präsident Wladimir Putin längst erobert sein.

Ukraine-Krieg: Russland kommt nicht voran, wie von Wladimir Putin gewünscht

Im Süden des Landes hat die ukrainische Armee sogar eine Gegenoffensive gestartet und nähert sich auf breiter Front der Großstadt Cherson mit ihren rund 290.000 Einwohnern (vor Kriegsausbruch). Die Verluste sind im Ukraine-Krieg dagegen enorm, auch auf russischer Seite. Darauf lassen mittlerweile viele Berichte verschiedener Quellen schließen.

Zusammengefasst: Es läuft nicht so, wie der Kreml sich das vorgestellt hatte. Weswegen Wladimir Putin sogar aufgeben könnte? Ein renommierter deutscher Historiker ist sich vielmehr sicher: Putin wird an seinem maßgeblichen Ziel festhalten.

Deutscher Historiker: Russlands Wladimir Putin will „Untergang der Sowjetunion“ rückgängig machen

„Für den Kremlchef geht es jetzt nur noch um ein Ziel: Die angebliche ‚geopolitische Katastrophe‘, als die er den Untergang der Sowjetunion bezeichnet hat, so weit wie möglich rückgängig zu machen. Das macht die Situation für den Westen so gefährlich“, erklärt der Geschichtswissenschaftler Heinrich August Winkler im Gespräch mit dem Nachrichtenportal t-online.

Winkler lehrte als Professor Neueste Geschichte an der Freien Universität Berlin, der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg und der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Publikationen wie „Der lange Weg nach Westen“ oder die „Geschichte des Westens“, gelten in der deutschen Geschichtswissenschaft als Standardwerke. Am 8. Mai 2015 hielt er im Deutschen Bundestag die Rede zum 70-jährigen Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa.

Im Video: Kompakt - Die wichtigsten News zum Russland-Ukraine-Krieg

„Vertrauen können wir Putin niemals mehr - auch wenn wir wieder mit ihm sprechen müssen. Putin hat spätestens 2014 mit der Besetzung und Annexion der Krim deutlich gemacht, dass er sich nicht mehr an die nach dem Ende des Kalten Krieges in der Charta von Paris festgelegte europäische Friedensordnung hält“, erklärt der Historiker in dem Interview: „Damals haben sich sämtliche Mitgliedsstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa wechselseitig ihre nationale Souveränität und territoriale Integrität sowie das Recht auf freie Bündniswahl zugesichert. Von alldem will Putin nichts mehr wissen.“

Weswegen zum Beispiel auch das Baltikum mit Estland, Lettland und Litauen in Gefahr ist?

Einschätzungen zu Russland-Präsident: Wladimir Putin geht es um mehr als nur die Ukraine

Winkler ist unter Wissenschaftlern längst nicht allein mit der Einschätzung, dass es dem russischen Machthaber um sehr viel mehr als die Ukraine geht. Nach wie vor.

„Der extreme Nationalismus des Putinschen Regimes und die Perspektive der Wiedergewinnung der 1990 durch die Auflösung der UdSSR ‚verlorenen‘ Gebiete durch die Schaffung eines großrussischen Reiches sind die entscheidenden Kennzeichen des Regimes. Das Regime in Russland ist nationalistisch, revisionistisch und imperialistisch“, meinte kürzlich der Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg in der taz.

Das Regime in Russland ist nationalistisch, revisionistisch und imperialistisch.

Historiker Ulrich Herbert von der Universität Freiburg

Die US-amerikanische Historikerin Anne Applebaum warnte indes im Magazin „Kontraste“ der ARD: „Jeder Versuch, diesen Krieg zu beenden, wird erst dann beginnen, wenn Russland besiegt ist oder selbst das Gefühl hat, dass es den Krieg verloren hat oder verlieren könnte.“ Applebaum ist unter anderem Mitglied des Beirats des „Center for European Policy Analysis“ und Teil der Denkfabrik „Council on Foreign Relations“. Ihre wissenschaftlichen Arbeiten über jüngere osteuropäische Geschichte wurden mehrfach ausgezeichnet. Auffällig ist: Ihre Argumentation und die Winklers („es geht nur noch um ein Ziel“) ähneln sich.

Nach militärischen Misserfolgen Russlands in der Ukraine: Gibt Wladimir Putin auf?

Dass Putin nicht aufgeben will, glaubt ein weiterer Historiker aus Bayern. Ebenfalls im Gespräch mit t-online hatte Martin Schulze Wessel, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München, über den 69-Jährigen gesagt: „Er orientiert sich an Herrschergestalten wie Peter I. oder Katharina II., die Russland territorial größer gemacht haben.“

Hieße deutlich mehr Gebietsgewinne als sie die russische Armee bislang im Ukraine-Krieg erzielt hat. Zeigt der russische Präsident dabei einen imperialistischen Machthunger, der so nicht vorhersehbar war? Historiker Winkler meint Nein, und übt deutliche Kritik an der Ex-Regierungschefin Deutschlands.

Gab es Fehler in ihrer Russland-Politik? Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Russlands Präsident Wladimir Putin (Archivfoto).
Gab es Fehler in ihrer Russland-Politik? Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Russlands Präsident Wladimir Putin (Archivfoto). © Pavel Golovkin/AP POOL/AP/dpa

„Man kann der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel sicherlich bescheinigen, dass sie ein wesentlich realistischeres Bild von Russland und dessen Führung hatte als ihr Amtsvorgänger Gerhard Schröder. Aber in Sachen Energiepolitik hat Merkel nahtlos an Schröders Kurs angeknüpft. Das Desaster um das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 ist eine Folge dessen“, erklärte Winkler t-online.de seine Sicht: „Merkels Vorgehen war ein strategischer Fehler. Nicht umsonst haben Polen wie auch die baltischen Staaten immer wieder schwere Bedenken geäußert. Von den existenziellen Sorgen der Ukraine ganz zu schweigen.“

Merkels Vorgehen war ein strategischer Fehler.

Der Historiker Heinrich August Winkler

Damit nicht genug. Historiker Winkler legt mit deutlicher Wortwahl nach: „Es ist mir unbegreiflich, wie Deutschland nach der Krim-Annexion sehenden Auges weiter in dieser einseitigen Energieabhängigkeit von einer expansiven Macht wie Russland bleiben konnte. Da haben wirtschaftliche Interessen den Ausschlag gegeben.“ (pm)

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