1. Startseite
  2. Politik

Ukraine mischt sich in deutschen AKW-Streit ein: Selenskyj-Berater wendet sich direkt an Grüne

Erstellt:

Von: Bettina Menzel

Kommentare

Mychajlo Podoljak (Mitte rechts), Berater des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, spricht im März mit Hilfe eines Übersetzers (Mitte) zu den Medien
Mychajlo Podoljak (Mitte rechts) spricht zu den Medien (Archivbild vom März 2022). © picture alliance/dpa/kyodo | -

Deutschland debattiert über die Verlängerung der Laufzeit der drei deutschen Atomkraftwerke. Die Ukraine hat dazu eine klare Meinung - und spricht sich für den Weiterbetrieb aus.

Kiew - In die Debatte um die Abschaltung der letzten drei deutschen Atommeiler mischt sich nun auch die Ukraine ein. Angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen sei es sinnvoll, die drei Anlagen in Deutschland weiterlaufen zu lassen, sagte Mychailo Podoljak, der Berater des ukrainischen Präsidenten dem Tagesspiegel in der Sonntagsausgabe.

Gaskrise in Deutschland: Ukraine appelliert für Weiterbetrieb der deutschen Atommeiler

Deutschland muss Energiesparen. Angesichts des Ukraine-Kriegs und Russlands Drosselung der Gaslieferungen erreichen Energiepreise hierzulande neue Rekordmarken. Die ukrainische Regierung hat nun an die Grünen appelliert, die letzten Atomkraftwerke in Deutschland über das Jahresende hinaus weiterlaufen zu lassen.

Momentan sind noch Emsland in Niedersachsen, Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg am Netz. Der kommende Winter sei ein „Schlüsselwinter“, so Podoljak, der engste Berater von Wolodymyr Selenskyj, zum Tagesspiegel. Es sei angesichts der Drosselung russischer Gaslieferungen nicht sinnvoll, die drei Anlagen im Dezember abzuschalten, so der Präsidentenberater weiter.

„Wir müssen zwingend alles nutzen, was wir haben, um schnellstmöglich eine neue Energielandkarte in Europa zu schaffen und um nicht weiter den Krieg Russlands zu finanzieren“, betonte Podoljak. Es gehe in dieser Frage auch um Führungsstärke. „Wir zahlen einen hohen Preis, viele Menschen sterben. Wir hoffen, dass unsere Partner diesen Preis sehen und verstehen und ihrerseits alles tun, was möglich ist“, sagte Podoljak.

Atomkraftwerke abschalten? Diese Positionen vertreten die Parteien

CDU und CSU sind wegen der angespannten Lage auf den Energiemärkten dafür, das eigentlich für den 31. Dezember geplante endgültige Abschalten der letzten drei deutschen Atommeiler zu verschieben. Sie wollen mindestens einen sogenannten Streckbetrieb, also einen möglichst langen Weiterbetrieb mit den vorhandenen Brennstäben, lieber aber noch die Beschaffung neuer Brennstäbe und eine Laufzeitverlängerung bis ins Jahr 2024 hinein.

„Wir werden uns noch lange Zeit Putins brutalem Versuch, den Westen durch Energieterror zu destabilisieren, ausgesetzt sehen“,sagte etwa CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt. „In dieser Lage sind Laufzeitverlängerungen für die Kernkraft von mindestens weiteren fünf Jahren denkbar“, so der Unionspolitiker im Interview mit der Welt

Energie-Krise: AKW-Laufzeiten in der Ampel-Koalition umstritten

In der Ampel-Koalition ist das Thema umstritten. SPD und Grüne sind zwar skeptisch, doch im Krisenfall wollen sie eine Verlängerung zumindest nicht mehr generell ausschließen, sondern „ergebnisoffen prüfen“. Kritiker eines Weiterbetriebs der Akw führen an, dass die Kraftwerke zuletzt lediglich sechs Prozent des deutschen Strombedarfs deckten. Außerdem würde bei einer Laufzeitverlängerung zusätzlicher Atommüll entstehen.

Die Kraftwerke wurden zudem wegen des beschlossenen Ausstiegs in den vergangenen Jahren nicht so eingehend auf Sicherheitsprobleme überprüft wie sonst üblich. Eine TÜV-Überprüfung des Atommeilers in Bayern stand zuletzt in der Kritik - auch vom Bundesumweltministerium.

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) äußerte sich lange kritisch zu einer Verlängerung der Atomkraftwerke: „Die Fachleute sagen uns: Das wird nicht funktionieren“. Der Atomausstieg sei lange beschlossen. Brennelemente und die nötigen Wartungsintervalle der Anlagen seien genau darauf abgestimmt. So reichten die Brennstäbe noch bis zum Ende des Jahres. Neue zu besorgen, würde mindestens 12 bis 18 Monate dauern, betonte Scholz etwa im Juni. Am Mittwoch kam dann ein leichtes Einlenken. Trotz eines geringen Beitrags zur Stromproduktion könne eine kurzzeitige Verlängerung „Sinn machen“, so der Kanzler. Vor einer Entscheidung wolle er aber das Ergebnis des Stresstests abwarten (AFP/bme).

Auch interessant

Kommentare