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"Irre Zustände" herrschten bei der Energiewende, schimpft Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD).

Stromleitungen sorgen für Streit

Energiewende: Gabriel kritisiert "irre Zustände"

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Berlin/München - Die Trassen wandern ein paar Kilometer, der Ärger darüber wandert mit. Auch die neuen Pläne für große Stromleitungen durch die Republik sorgen für Streit in der Politik und alarmierte Anwohner. Bayern bleibt bei seiner Skepsis.

In der Hauptstadt fallen mal wieder scharfe Worte. „Irre Zustände“ herrschten bei der Energiewende, schimpft Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD). Der im Norden im Überfluss produzierte Windstrom komme wegen fehlender Leitungen nicht in den Süden mit seinem hohen Energiebedarf. Dort werde dann teils Strom im Ausland eingekauft. Das sei eine „Karnevalsveranstaltung“, klagt der Vizekanzler. Die Kollegen in Österreich lieferten Strom aus veralteten Öl-Kraftwerken und kämen „vor Lachen nicht aus dem Schlaf“.

Nein, zum Lachen ist an diesem Tag wenigen Politikern zumute. Die Netzbetreiber haben neue Prognosen vorgelegt, welche Megatrassen sie derzeit für nötig halten – eine Befriedung ist aber nicht in Sicht. Einer der lautesten Gegner, Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), bleibt nämlich hart. Er bekräftigt seine generelle Drohung mit Bürgerprotesten und explodierenden Kosten. Wenn auf Druck besorgter Bürger neue Leitungen in großem Umfang unter die Erde gelegt werden müssten, drohten Belastungen von über 20 Milliarden Euro für die Stromkunden. Es brauche eine „saubere Systemanalyse“ für die Netze an, „damit uns da nicht die Kosten über den Kopf wachsen“.

Drei große Trassen sind weiterhin Richtung Süden eingeplant, zwei davon tangieren Bayern, allerdings sind insgesamt sieben größere Korrekturen geplant. So soll die von Seehofer scharf kritisierte Ost-Süd-Trasse um 110 Kilometer Richtung Norden verlängert werden und bei Magdeburg beginnen, um mehr Windstrom nach Bayern transportieren zu können.

Mit der Verlagerung des Startpunktes scheinen die Netzbetreiber Protesten Rechnung zu tragen, dass vor allem Braunkohlestrom über die Trasse nach Bayern gelangen könnte – bisher sollte sie in Bad Lauchstädt nahe eines Braunkohlereviers starten. In Bayern soll die Ost-Süd-Trasse zudem nicht mehr in Meitingen bei Augsburg, sondern 30 Kilometer weiter westlich beim AKW Gundremmingen in Schwaben enden. Seehofer, der 2013 im Bundesrat dieser Trasse und weiteren 35 Projekten zugestimmt hatte, leuchtet das nicht ein. Er schlug vor, von dem bis nach Baden-Württemberg verlaufenden SuedLink einen Abzweig nach Gundremmingen zu machen, statt eine weitere Höchstspannungstrasse durch Ostbayern zu legen.

Die Staatsregierung stellte klar, dass es sich bei den neuen Plänen um die Meinung der Netzbetreiber handle, nicht aber um eine Entscheidung. In den betroffenen Regionen in Bayern stoßen die Korrekturen auf Protest. „Ich habe die Stromtrassen nie gewollt und natürlich auch keine Verschiebung. Das führt nur dazu, dass jemand anderes die Trasse vor der Nase hat“, sagt der Landtagsabgeordnete Wolfgang Fackler (CSU) aus dem Kreis Donau-Ries. Hier soll nach den neuen Plänen die Ost-Süd-Stromtrasse laufen. Auch Kollege Hans Reichhart (CSU), ebenfalls Schwabe, kritisiert die Pläne. „Das ist viel heiße Luft von den Trassenbauern. Man geht mit irgendetwas an die Öffentlichkeit, was überhaupt nicht ausgegoren ist.“

Dillingens Landrat Leo Schrell, ein Freier Wähler, hält es sogar für eine „Schweinerei“, die Trassen so zu verschieben. Er wirft Bund und Land eine schlechte Abstimmung vor. Erstmal müsse überhaupt die Notwendigkeit von Trassen geklärt werden, sagte er dem „BR“.

Die Bundesnetzagentur muss die Vorschläge nun prüfen und genehmigen. Später werden Regierung, Bundestag und Bundesrat darüber beraten. Für die Staatsregierung ist der neue Plan Fluch und Freude zugleich. Zwar belegen die Ideen, dass die Netzbetreiber verhandlungsbereit sind. Jedoch platzt der durch Bayern wandernde Ärger in den Energie-Dialog, den Vize-Ministerpräsidentin Ilse Aigner am Vortag erst gestartet hatte. Sie will damit doch die Lage befrieden. „Bayern ist an einer gemeinsamen Lösung mit dem Bund interessiert“, sagte Aigner unserer Zeitung am Abend. Dafür habe sie auch Gabriels Zusage. Den Vizekanzler ermahnt sie allerdings zu einer zahmeren Wortwahl: „Das Vokabular ist dem Ernst der Lage nicht angemessen.“

G. Ismar, R. Krizak und C. Deutschländer

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