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Altes Duett wieder vereint: Frank-Walter Steinmeier soll zum zweiten Mal die Weltpolitik von Angela Merkel leiten. Das Bild stammt von einer Paris-Reise aus dem Jahr 2005

Schwarz-rote Regierung

Heute gilt's: Entscheidung im Koalitionspoker

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München - Das Warten hat ein Ende: Am Samstag legt die SPD das Ergebnis des Mitgliederentscheids vor. Am Sonntag wird das Kabinett bekannt, am Dienstag Angela Merkel zur Kanzlerin gewählt.

An Tagen wie diesen gelangt sogar der Hochleistungsbrieföffner OL 1000 mit Frästechnik zu einer gewissen Bekanntheit. „Wenn die Post so richtig abgehen soll“, lautet der Werbespruch des Herstellers. Und ja: Alles spricht dafür, dass am Wochenende die Post abgeht. Die SPD hat deshalb zwei solcher Dinger in den alten Postbahnhof „Station“ in Berlin-Kreuzberg gestellt. Jede Maschine kann 20 000 Briefe pro Stunde öffnen. Briefe, in denen die deutschen Sozialdemokraten über die künftige Koalition abstimmen. Die Öffnung beginnt schon nachts. Ab Samstagmorgen machen sich 400 Freiwillige ans Auszählen. Mobiltelefone und Fotoapparate müssen draußen bleiben – sodass es Parteichef Sigmar Gabriel überlassen bleibt, am späten Nachmittag das allgemein erwartete Ergebnis zu verkünden: Die SPD spricht sich – nach anfänglichem Zähneknirschen – für die Große Koalition aus.

Die SPD hat ihren Mitgliederentscheid auf den letzten Metern geradezu zelebriert. Am Freitagabend sollten die Stimmzettel mit einem Lastwagen von Leipzig nach Berlin gebracht werden – sogar ein Sicherheitsdienst gehörte zum Begleittross. Alle in der Partei sind inzwischen vom Prozedere begeistert, auch wenn die Kosten ziemlich aus dem Ruder laufen. 1,6 Millionen muss das Willy-Brandt-Haus berappen, für all die Werbematerialien und die 32 Regionalkonferenzen. Nach einem Wahlkampf für 23 Millionen Euro und dem 150-jährigen Parteijubiläum für 3,8 Millionen muss die Partei also einiges stemmen. Immerhin hat sie nun 3000 neue Beitragszahler, die anlässlich des Entscheids eingetreten sind.

Wie sehr die Parteispitze inzwischen vom positiven Ausgang des Votums überzeugt ist, zeigt sich am späten Freitagnachmittag. Eigentlich hatten Angela Merkel, Horst Seehofer und Sigmar Gabriel auch bei ihrer letzten Besprechung am Donnerstag im Kanzleramt noch einmal Verschwiegenheit vereinbart, bis das Ergebnis der Sozialdemokraten vorliegt. Das sonst übliche Durchstechen von Personalien an die Presse blieb lange aus. Doch ausgerechnet aus der SPD dringt noch vor Beginn der Auszählung eine Personalie nach der anderen nach draußen. Vom Merkellager ist man Diskretion gewohnt, und auch in der CSU wird deutlich weniger getratscht, seitdem Horst Seehofer Personalentscheidungen nur noch mit Horst Seehofer absprechen muss.

Eigentlich wollte auch die SPD bis Sonntag warten. Am Vormittag um 11 Uhr wird der Parteivorstand der Genossen zusammenkommen. CDU-Präsidium und CSU-Vorstand treffen sich dann zeitgleich um 17 Uhr in Berlin beziehungsweise im Münchner Literaturhaus. Als gesichert gilt, dass der CDU fünf Ministerien und das Kanzleramt zusteht. Auch die SPD wird sechs Ressorts führen, für die CSU bleiben drei.

Die kuriosesten Wahlplakate aller Zeiten

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Die drei CSU-Minister Hans-Peter Friedrich, Peter Ramsauer und Alexander Dobrindt gelten als gesetzt, die Ressortaufteilung ist jedoch noch offen. Am Freitag machten Gerüchte die Runde, die CSU könne das Innenressort an die CDU abgeben. Der neue Generalsekretär soll der Berliner Landesgruppe angehören – es fallen die Namen Stefan Müller, Thomas Silberhorn, Andreas Scheuer und Daniela Ludwig.

In der CDU könnte es auf viele bekannte Gesichter hinauslaufen: Wolfgang Schäuble, Ursula von der Leyen, Peter Altmaier, Thomas de Maizière dürften auch im neuen Kabinett vertreten sein, teilweise aber in neuen Rollen. Das Kanzleramt dürfte weiterhin Ronald Pofalla führen. Offen ist, ob auch Merkel ein wenig Generationswechsel betreibt – die SPD hat mit dem 47-jährigen Heiko Maas und der 39-jährigen Manuela Schwesig gleich zwei jüngere Kräfte eingebaut. In der Union ist nur Dobrindt jünger als 50.

Am Dienstagmittag sollen die Minister von Bundespräsident Joachim Gauck im Schloss Bellevue ernannt werden. Schon am Vormittag stünden Wahl, Ernennung und Vereidigung der Kanzlerin auf dem Programm. Angela Merkel kennt das Prozedere – sie erlebt es zum dritten Mal.

Von Mike Schier

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