Arif Tasdelen

Arif Tasdelen im Interview

„Erdogan spaltet bewusst – er interessiert uns nicht“

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München - Arif Tasdelen (SPD) ist der erste Abgeordnete mit türkischen Wurzeln im Landtag. Wir sprachen mit dem Nürnberger (40) über Erdogans Provokationen.

Muss man sich Sorgen um Erdogans Geisteszustand machen?

Das weiß ich nicht. Er schärft sein konservatives Profil. Die Wahlergebnisse deutet er wohl so, dass er auf dem richtigen Kurs ist. Ich weiß aber nicht, in welchem Zusammenhang die Äußerungen gefallen sind. Einmal sagte Erdogan, die türkische Frau sollte zwei bis drei Kinder bekommen, damit das Land eine Zukunft hat. Da hieß es: Erdogan schreibt die Zahl der Kinder vor. Aber als Angela Merkel vor vielen Jahren sagte, wenn jede Frau zwei Kinder bekommen würde, hätten wir kein Problem mit dem demografischen Wandel, wurde das nicht als Vorschrift interpretiert. Erdogan unterstellt man, er wolle die Türkei zu einem konservativen Land wie den Iran machen.

Versteht der Westen Erdogan falsch?

Nein, der Westen sieht berechtigterweise genau und kritisch hin. Das ist wichtig.

Die Sorge, dass Erdogan dem Westen den Rücken kehrt, ist begründet?

Die größte Sorge der Türken ist, dass die Trennung von Religion und Staat gefährdet wird.

Drängt Erdogan nicht genau in die Richtung?

Schon. Und klar ist: Seine letzten Äußerungen gehen gar nicht. Aber man unterstellt Erdogan manchmal automatisch eine extreme Politik. Ein Beispiel aus Nürnberg: Wir haben Alkohol auf öffentlichen Plätzen am Hauptbahnhof verboten. Es gab Belästigungen, viele Schlägereien. Die Leute fanden das gut, niemand warf uns vor, die Scharia umzusetzen. Erdogan verbot Alkohol in einem bestimmten Park, in dem sich viele Familien mit Kindern aufhalten. Da hieß es: Er will die Scharia einführen. Ich möchte Erdogan auf keinen Fall entschuldigen. Aber manche Dinge sind konservativ und sinnvoll.

Trifft er den Nerv der Türken in Deutschland?

40 Prozent der Türken in Deutschland sind gegen Erdogan, egal was er tut. 60 Prozent sind für ihn, egal was er tut. Das ist typisch türkisch. Sie werden als Galatasaray-Fan geboren und sie sterben als einer. Verliert das Team, ist der Schiri schuld. Zuzugeben, dass man schlecht gespielt hat, das kann der türkische Fußballfan nicht.

Erdogan kann seine Wähler nicht vergraulen?

Nein, sie sind Fan oder nicht Fan. Schauen wir Bayern an: Die absolute Mehrheit der CSU kam ja auch nicht von der hervorragenden Politik. Eine bestimmte Generation wählte immer CSU. Das ändert sich jetzt. Das ist bei den Türken in Deutschland auch so. Und die Jungen in der Türkei sind schon weiter: Sie wollen echte Demokratie.

Also bäumt sich Erdogan verzweifelt auf?

Ja. Und er spaltet bewusst. Meine Mutter ist absoluter Erdogan-Fan, obwohl sie nicht weiß, welche Politik er macht – sie ist Analphabetin. Mein Bruder in Istanbul hingegen ist ein Feind von Erdogan, er arbeitet für die Opposition.

Erschwert Erdogan Ihre Integrationspolitik?

Weder noch. Türken in Deutschland leben hier, Angela Merkel ist unsere Kanzlerin, Erdogan interessiert uns nicht. Die Probleme hier sind: Bekommt mein Kind Schulausbildung? Ich einen Arbeitplatz? Viele Türken hier haben mit der Türkei weniger am Hut als Deutsche, die seit den 70er-Jahren Urlaub in der Türkei machen.

Wird der EU-Beitritt der Türkei immer unwahrscheinlicher?

Ja. Ich empfehle den EU-Politikern, den Beitritt aus Trotz weiterzutreiben, Erdogan nicht Recht zu geben, der behauptet, die wollen uns gar nicht. Erdogan wird nicht die nächsten 100 Jahre regieren. Es kommen andere Politiker. Hoffe ich zumindest!

Interview: Carina Lechner

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