Neuer Streit mit Erdogan

Kommentar zu Erdogan-Streit: Der lange Arm Ankaras

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Das deutsch-türkische Verhältnis ist schwer belastet. Das verbale Getöse von Staatschef Erdogan und die Festnahme des Schriftstellers Dogan Akhanli am Wochenende verschlechtern die Beziehungen weiter. Ein Kommentar von Merkur-Autor Mike Schier.

Mit den Grundregeln diplomatischer Gepflogenheiten hatte der hemdsärmelige Recep Tayyip Erdogan schon immer Probleme. Der Ton, den der türkische Staatschef nun gegenüber Sigmar Gabriel. immerhin Außenminister eines Nato-Verbündeten, anschlägt, verschlägt einem dennoch den Atem: „Wer sind Sie denn, um den türkischen Präsidenten anzusprechen? Erkennen Sie Ihre Grenzen“, poltert Erdogan, der sich selbst kurz zuvor erlaubt hatte, den Deutsch-Türken hierzulande eine Wahlempfehlung auszusprechen. So ist das in Erdogans Welt: Europa sollte sich gefälligst aus dem türkischen Referendum raushalten, für ihn selbst gilt die Regel natürlich nicht.

Es war insgesamt kein gutes Wochenende für die deutsch-türkischen Beziehungen. Fast noch besorgniserregender als das verbale Getöse, das Erdogan offenbar zur Befriedigung seines großen Egos braucht, mutet die (vorübergehende) Festnahme des Schriftstellers Dogan Akhanli an, der wohlgemerkt ausschließlich deutscher Staatsbürger ist. 4500 Menschen in Deutschland haben die türkischen Behörden, die laut Erdogan natürlich völlig frei von politischem Einfluss arbeiten, als Terroristen ausgemacht. Bei den meisten reicht vermutlich, dass sie die Regierung kritisch sehen. Wenn sie sich nicht mehr in Europa bewegen könnten, ohne in anderen Staaten eine Verhaftung und anschließende Auslieferung an die zunehmend von Willkür geprägte türkische Justiz zu riskieren, hätte das freie Europa ein Glaubwürdigkeitsproblem. Der Vorfall zeigt, dass auch Auslieferungsabkommen und polizeiliche Zusammenarbeit zu hinterfragen sind.

Tatsächlich hilft es aber wenig, wenn nur die Bundesregierung ihren Ton gegenüber Ankara verschärft. Gerade die spanische Episode zeigt, dass Europa gemeinsam vorgehen muss. Die EU als Ganzes hätte genügend Druckmittel in der Hand. Erdogan mag verbal die Muskeln spielen lassen, doch auch er braucht Europa, vor allem wirtschaftlich. Ein geschlossenes Auftreten könnte zumindest kleine Erfolge im schwierigen Umgang mit ihm zeitigen.

Lesen Sie dazuDeutschlands Kurden-Vorsitzender im Interview: „Türkei ist unser Gegner“

Sie erreichen den Autor unter Mike.Schier@merkur.de

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