Heikles Treffen mit EU-Spitzen

Türkei rutscht in nächste Lira-Krise: Inflation explodiert - Erdogan benennt „Mutter allen Übels“

  • Christoph Stadtler
    vonChristoph Stadtler
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Die Türkei hat weiter mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Die Inflation im Land hält weiter an, Präsident Erdogan scheint mit seiner Geld-Politik aber nicht weiterhelfen zu können.

Update vom 7. April, 1032 Uhr: Die Irritation auf Twitter ist recht groß - und zwar über die Sitzordnung beim Treffen Erdogans und den EU-Spitzen in Ankara (siehe Erstmeldung unten).

Während für EU-Ratspräsident Charles Michel ein großer Stuhl neben dem türkischen Staatschef reserviert war, bekam EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bei dem Gespräch am Dienstag einen Platz auf einem Sofa in einiger Entfernung von Erdogan und Michel zugewiesen. Dort saß sie dem türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu gegenüber, der ebenfalls an dem Gespräch teilnahm.

Erdogan irritiert mit Sitzordnung - Özdemir vergleicht ihn mit „Macho“ Putin

Unter anderem auf Twitter wurde danach daran erinnert, dass der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bei Treffen mit Erdogan auf Augenhöhe sitzen durfte. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir kommentierte: „Solche Zeichen setzen autoritäre Unterdrücker & Machos wie #Putin, #Erdogan & Co bewusst. (...) Kann man sich gefallen lassen, muss man nicht. Respekt bekommt man so jedenfalls nicht bei den Herren!“

Bei dem Treffen mit Erdogan wollten die EU-Spitzen am Dienstag einen möglichen Ausbau der Beziehungen zur Türkei ausloten. Hintergrund sind Beschlüsse des EU-Gipfels vor eineinhalb Wochen. Bei ihm hatten sich die EU-Staats- und Regierungschefs darauf verständigt, die Beziehungen zur Türkei schrittweise wieder auszubauen. Mit dem Beschluss will die EU die Eskalation weiterer Konflikte abwenden.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (2.v.r), der türkische Außenminister Mevlut Cavusoglu (r.), EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (l.) und EU-Ratspräsident Charles Michel.

Türkei rutscht in nächste Lira-Krise: Inflation explodiert - Erdogan benennt „Mutter allen Übels“

Unsere Erstmeldung vom 6. April: Ankara - Seine Geld-Politik kommt Recep Tayyip Erdogan - im wahrsten Sinne des Wortes - teuer zu stehen. Denn die Türkei findet keine Ruhe. Hohe Arbeitslosigkeit, die dritte Corona-Welle und eine Währung, die sich weiter im Sturzflug befindet. Die türkische Lira verliert immer mehr an Wert, die Inflationsrate im Land betrug im März 16,19 Prozent.

Dadurch werden auch Lebensmittel in der wirtschaftlich gebeutelten Türkei immer teurer. Im Vergleich zum Vorjahr stiegen die Preise deutlich um 17,44 Prozent an. Und der Präsident fährt weiter einen Schlingerkurs. Erst am 20. März hatte Erdogan den Notenbankchef Naci Agbal entlassen. Der dritte derartige Fall seit Mitte 2019.

Erdogan will weiter niedrige Zinsen - Türkische Lira stürzt weiter ab

Agbal hatte versucht die Inflation des Landes in den Griff zu bekommen. Dazu erhöhte er den Leitzins überraschend deutlich um zwei Prozentpunkte auf 19 Prozent. Mit höheren Zinsen sollte die türkische Lira gestärkt werden, wodurch Importe verbilligt und der Preisauftrieb gedämpft werden sollte.

Präsident Erdogan verfolgt jedoch einmal mehr eine andere Geldpolitik. Er gilt als Gegner von hohen Zinsen und vertritt die unorthodoxe Ansicht, dass hohe Zinsen die Inflation in die Höhe treiben und will Kredite daher billig halten. Aus diesem Grund zog der 67-Jährige erneut die Notbremse und enthob Agbal seine Amtes. Er bleibt seinem Kredo treu: Erdogan will weiterhin niedrige Zinsen und bezeichnet den Leitzins daher als „Mutter allen Übels“.

Erdogan entlässt erneut Notenbankchef - Nachfolger steht schon fest

Sein Vorgehen hatte sofortige Folgen für die Landeswährung - sie stürzte nämlich weiter ab. In der kommenden Woche soll nun die erste Notenbanksitzung unter dem neuen Vorsitzenden Sahap Kavcioglu stattfinden. Kavcioglu ist ein Ex-Banker, ein Ex-Abgeordneter der Regierungspartei und ein erklärter Gegner einer straffen Geldpolitik.

Zehn Tage nach der Entlassung von Agbal wurde ein sein Stellvertreter entlassen. Warum Vize-Notenbankchef Murat Cetinkaya seinen Posten räumen musste, ist unklar. Sein Nachfolger steht jedoch bereits fest. Es ist der Banker Mustafa Duman der als Stellvertreter von Kavcioglu eingesetzt wird.

Türkei: Erdogan empfängt EU-Spitzen - heikle Themen am Dienstag

Die Lira-Krise ist allerdings beileibe nicht das einzige Problemfeld für Erdogan. Bei einem Besuch von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Ratspräsident Charles Michel am Dienstag in Ankara hat erstmals seit einem Jahr ein Treffen Erdogans mit EU-Spitzenvertretern stattgefunden. Voraussetzung für eine Wiederannäherung ist laut der EU eine Kooperationsbereitschaft der Türkei im Konflikt mit den EU-Mitgliedern Griechenland und Zypern um Gas-Bohrungen im östlichen Mittelmeer.

Trotz der Bedenken wegen der jüngsten innenpolitischen Entwicklungen in der Türkei hatten die Staats- und Regierungschefs der EU Erdogan bei einem Gipfeltreffen Ende März eine verstärkte Wirtschaftszusammenarbeit und finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt. Von der Leyen und Michel hatten Erdogan das letzte Mal im März vergangenen Jahres in Brüssel getroffen. (cs mit Material von AFP)

Rubriklistenbild: © Dario Pignatelli/European Council/dpa

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