Rot-grünes Traumpaar: Die emotionale Parteivorsitzende Claudia Roth lockt Gastgeber Sigmar Gabriel aus der Reserve.

SPD-Parteitag in Augsburg

Steinbrück: Der erleichterte Kandidat

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Augsburg – Die SPD versucht den Neustart. Mal wieder. Mit dem Parteitag in Augsburg wollen die Genossen den Bundestagswahlkampf endlich richtig beginnen. Der kriselnde Peer Steinbrück hält eine überzeugende Rede.

Nach gerade mal 60 Sekunden hat der Kandidat die Bewährungsprobe bestanden. „Ich fange heute einfach mal mit dem Schluss an“, sagt Peer Steinbruck zu Beginn seiner Rede denkbar unspektakulär – um dann anzuheben: „Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden.“ Für einen Kanzlerkandidaten ist das zwar keine explosive Neuigkeit. Die 600 Delegierten aber, die ihn anfangs ganz schön reserviert empfangen haben, kriegen sich kaum noch ein. Sie klatschen, erheben sich von den Sitzen. Minutenlang. Als wäre wirklich schon Schluss. Steinbrück macht ein paar beschwichtigende Gesten. Er tut ein bisschen überrascht. Vor allem aber wirkt er unglaublich erleichtert.

Es ist der Moment, der diesen Parteitag definiert. Einen Parteitag, der eigentlich nur dem Wahlprogramm gewidmet sein sollte. Mindestlohn, Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften, Kappungsgrenzen für Mietsteigerungen. Solche Sachen. Doch natürlich schauen alle nur auf Peer. Der stolpernde, der strauchelnde Kandidat muss sich an diesem Sonntag in der Augsburger Messehalle mit seiner Partei versöhnen. Nur wenn ihm das gelingt, kann er auch Wähler gewinnen.

Es ist alles genau durchgeplant: Schon am Freitagabend reist Steinbrück an. Am Samstag spaziert er mit der örtlichen Bundestagskandidatin über die Augsburger Dult, ein Stückchen fährt er sogar mit der Straßenbahn. Ein Peer zum Anfassen. Und vor allem: Schöne Bilder vom Peer zum Anfassen. Er speist mit der örtlichen Prominenz zu Mittag, nachmittags tagen dann die Parteigremien. Am Abend wartet der heikelste Termin: In einer Privatbrauerei trifft der passionierte Weintrinker Steinbrück die herbeigereiste Hauptstadtpresse zum Bier. Das sind jene Menschen, die dem Kandidaten seit Wochen Ärger bereiten. Erst in der vergangenen Woche sind sie wieder über ihn hergefallen, weil der Wahlkampfslogan der Partei („Das Wir entscheidet“) längst von einer Firma genutzt wird. Ausgerechnet einer Leiharbeitsfirma, mit der die Mindestlohn-Partei doch nichts zu tun haben will. Nicht nur die „taz“ ätzte, die Genossen seien sogar „zu blöd zum Googeln“.

Am Sonntag dann prangt „Das WIR entscheidet“ groß über dem Kandidaten. Sie scheinen wild entschlossen, die medialen Störfeuer auszublenden. Nur wenige nehmen es wie der Münchner Christian Ude mit Humor – er witzelt, man solle das W doch einfach umdrehen, dann hätte man ein bayerisches Unikat. Die anderen, zu denen auch Parteichef Sigmar Gabriel gehört, sind ganz schön angefressen. Über die mediale Resonanz, aber auch ein wenig über das eigene Erscheinungsbild. Die Umfragen, auf die sie hier ja alle angeblich nichts geben, tun weh: Passend zum Parteitag hat Forsa ermittelt, dass bei einer Direktwahl 57 Prozent der Deutschen Angela Merkel (CDU) wieder zur Kanzlerin wählen würden – ihr Herausforderer Steinbrück landet bei kümmerlichen 19 Prozent.

Umso trotziger wird am Sonntag geklatscht. Schon die Gastrednerin Claudia Roth treibt den Roten den Blutdruck hoch. Sie setzt ein klares Zeichen: Noch nie hat eine Grünen-Vorsitzende bei einem SPD-Parteitag gesprochen. „Wir wollen mit Euch einen Politikwechsel herbeiführen – und das ist viel mehr als ein Regierungswechsel“, ruft die Augsburgerin. „Das Leben ist viel zu bunt, um es nur Schwarz-Gelb zu sehen.“ Die Genossen haben nicht vergessen, dass sie in der letzten Großen Koalition zwar ordentlich mitregierten, aber mit einem historisch miserablen Ergebnis in die Opposition geschickt wurden. Sie wollen Rot-Grün. Und die Gastrednerin trägt ein leuchtend rotes Shirt und eine nicht weniger leuchtend grüne Kette.

Die Parteitagsplaner müssen sich kurzzeitig sorgen: Die emotionale Roth bekommt nicht nur mehr Beifall als ihre im Vergleich ziemlich gesetzten Vorredner Gabriel und Ude. Sie posiert auch noch händchenhaltend mit Gabriel als rot-grünes, nun ja, Traumpaar. Das Eis ist gebrochen, die Halle tobt! Aber kann Steinbrück das noch toppen?

Er kann. Keine drei Minuten später hat der 66-Jährige den Delegierten versichert, dass er tatsächlich Kanzler werden will. Und die Delegierten versichern ihm, dass sie ihn auch als Kanzler wollen. Zuletzt schien das gar nicht mehr so selbstverständlich. Ab diesem Moment ist es Steinbrücks Parteitag. Nach etwas verkrampftem Beginn, wird er von Minute zu Minute gelöster.

Man merkt dieser Rede an, wie lange sich Steinbrück darauf vorbereitet hat: Er spricht nicht nur über die Reform des Staatsbürgerrechts, wie es das Parteiprogramm vorsieht. Nicht abstrakt über die Abschaffung des Optionsrechts. Nein, Steinbrück stellt einfach den 16 Jahre alten Bahran Kücüc vor. Der adrette jungen Mann hat Steinbrück vor ein paar Wochen in Stuttgart angesprochen. Vor 50 Jahren ist sein Großvater nach Deutschland eingewandert. Jetzt macht der Enkel seinen Realschulabschluss, den Platz am Wirtschaftsgymnasium hat Bahran sicher. Danach will er studieren. Dass er als Erwachsener einen seiner Pässe abgeben muss, will er nicht verstehen. „Das ist, als ob ich meine Wurzeln abschneiden soll.“

Steinbrück spricht auch nicht einfach über Generationengerechtigkeit. Nein: Er begrüßt fünf ältere Damen, die er neulich in Nürnberg kennengelernt hat. Sie wohnen in einem Projekt namens OLGA (Oldies leben gemeinsam aktiv). Der resolute Kandidat erzählt von seinem Besuch bei den noch resoluteren Fränkinnen, die ihn kaum zu Wort kommen ließen. Der Saal schmunzelt.

Selbstironisch spielt Steinbrück mit seinem eigenen Image. Dem jungen Bahran erzählt er vom Podium aus, dass seine eigene Schulkarriere etwas länger gedauert habe („G 10“). Ein paar Minuten später, als sich Steinbrück mächtig über das Steuerabkommen der Bundesregierung mit der Schweiz echauffiert, vergaloppiert er sich fast. „Ja meine Fr . . .“, entfährt es ihm, da stoppt er sich selbst. Der Kandidat grinst und sagt: „Jetzt muss ich aufpassen.“ Kurze Pause, dann sagt er: „Meine Güte.“

Es ist der Kampf des alten Peer mit dem neuen Peer. Der alte hat sich von niemandem etwas sagen lassen und mit hanseatischer Schnoddrigkeit einfach gemacht, was er wollte. Er werde sich nicht verbiegen lassen, hat er gesagt. Mit all seinen Ecken und Kanten würde er gegen die Teflon-Kanzlerin punkten. Dachte er. Dann kamen Diskussionen über Vortragsreisen, Kanzlergehalt und schlechte Berater und Lästereien über italienische „Clowns“. Seitdem weiß er selbst nicht mehr: Wie viel vom Menschen Steinbrück darf im Kandidaten Steinbrück noch enthalten sein? In Augsburg gibt er die Antwort, ohne es zu merken. Anfangs klammert er sich geradezu an sein Manuskript – ganz untypisch. Später streut er immer mehr diese kleine Witzchen ein.

Die Delegierten danken es ihm. „Besser hätte man’s nicht machen können“, sagt der bayerische Fraktionsvorsitzende Markus Rinderspacher. Sein Kollege aus Schleswig-Holstein, Ralf Stegner, findet: „Steinbrück hat geliefert.“ Die Delegierten, so glaubt der oberbayerische Vorsitzende Ewald Schurer, seien nun wieder voll motiviert. Es seien noch 161 Tage bis zur Wahl, hat Steinbrück ganz am Schluss gesagt. „Noch 161 Tage, um zu mobilisieren.“ Immerhin: Den ersten hat er genutzt.

Mike Schier

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