Im Fall des NSU tippte Horn auf „missionsgeleitete“ Täter aus der rechten Szene. Trotzdem kamen seine Kollegen dem Terror-Trio erst auf die Schliche, als sich zwei Täter erschossen und Beate Zschäpe das gemeinsame Wohnhaus anzündete.

Alexander Horn vor NSU-Ausschuss

Der Ermittler mit dem richtigen Riecher

München – Jahrelang tappten die Ermittler auf der Suche nach den Mördern von neun türkisch- und griechischstämmigen Kleinunternehmern im Dunkeln. Eine Nazi-Terrorbande, die durch die Republik zieht und tötet, das konnte sich niemand vorstellen – außer einem Münchner Beamten.

Sie hatten schon fast alles versucht, um die unheimlichen Serienmörder zu fassen. Verdeckte Ermittler hatten sogar einen Dönerstand betrieben, doch das Einzige, was dabei herauskam, waren Ermittlungen wegen Gammelfleisch. Von den Serienmördern, die in ganz Deutschland neun türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer ermordet hatten, fehlte weiter jede Spur – so erzählt es am Mittwoch der stellvertretende Leiter der Sonderkommission „Bosporus“, Klaus Mähler, vor dem Untersuchungsausschuss im Landtag zur Mordserie der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

Dass Neonazis hinter den Anschlägen stecken könnten, darauf kamen Mähler und seine Kollegen lange nicht. Mähler kennt sich aus mit organisierter Kriminalität, Schutzgeld, Rauschgift, Glücksspiel. Bis 2005 war das die einzige Theorie: Die Opfer mussten in kriminelle Machenschaften verstrickt sein, dachten alle.

Die Ermittler mussten sich deshalb viel Kritik anhören, seit der NSU im November 2011 aufflog. Mähler ist vorsichtig geworden mit seinen Formulierungen. Er spricht von „ausländischen Ethnien“ und betont, dass man in alle Richtungen ermittelt habe. Aber für rechten Terror habe einfach der Anhaltspunkt gefehlt, nicht mal ein Bekennerschreiben gab es schließlich. „Wir waren mit Sicherheit nicht auf dem rechten Auge blind“, sagt Mähler.

Doch den Durchblick hatte nur ein Kollege – zumindest auf den zweiten Blick. Alexander Horn, der auch vor dem Ausschuss aussagte, hielt als Einziger schon 2006 ausländerfeindliche Täter für die wahrscheinlichste Lösung der rätselhaften Mordserie. Horn, 39, ist polizeilicher Fallanalytiker. In Amerika heißen seine Kollegen „Profiler“. Mit seinem Team versucht Horn Muster in Serientaten zu erkennen und so Rückschlüsse auf die Täter zu ziehen.

Auch er setzte in seiner ersten Analyse 2006, damals waren schon sieben Menschen tot, mit größerer Wahrscheinlichkeit auf einen Täter aus der organisierten Kriminalität. Doch nach wenigen Monaten, nachdem die Mörder noch zwei weitere Male zugeschlagen hatten, revidierte Horn seine Meinung. Fünf Jahre bevor das Terrortrio aufflog, beschrieb Horn die Täter so genau, dass „einem fast ein Schauer über den Rücken läuft“, sagte der FDP-Abgeordnete Andreas Fischer.

Alexander Horn ist Fallanalytiker. Er versucht, in Serienmorden Muster zu erkennen und auf die Täter zu schließen.

Er habe mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen, dass es zwei ausländerfeindliche „missionsgeleitete Täter“ mit „hoher Schießfertigkeit“ sein müssen, die Verwandte oder gute Freunde sind, jedenfalls liege offenbar „ein sehr enges Vertrauensverhältnis vor“, sagt Horn. Er empfiehlt seinen Kollegen, insbesondere nach Menschen zu suchen, die in der rechten Szene aktiv gewesen waren, aber vor Beginn der Mordserie abgetaucht sind.

Denn Horn glaubt auch den Grund für die Taten zu kennen. Es habe ein klares „Zerstörungsmotiv“ vorgelegen. Zu diesem Schluss kommt er nach den letzten beiden Morden, denn die Opfer hätten zur Tatzeit eigentlich gar nicht in den Geschäften sein sollen. Es musste sich also um Zufallsopfer handeln, die alle ein „türkisches Erscheinungsbild“ hatten. Fremdenhass lag nahe.

Eigentlich habe sich der Fall nicht besonders für die Analyse geeignet. „Es gab sehr wenig nachvollziehbares Täterhandeln. Das waren Kommandoaktionen: Schnell rein, schnell töten, schnell raus“, sagt Horn. „Es gibt Täter, die sind prozessorientiert, denen macht das Spaß. Hier waren die Täter ergebnisorientiert.“ Und es gibt weitere Auffälligkeiten: die immer gleiche Waffe, die bei den Taten verwendet wird. Durch Analysen der Schussmuster sind sich die Ermittler bald sicher, dass es immer die selben zwei Täter sind und die Waffe nicht weitergegeben wird.

Außerdem habe Nürnberg „gestrahlt“, wie es Horn sagt. Hier begann die Mordserie, hierhin kehrten die Täter nach einer längeren Pause wieder zurück und hier schlugen sie entgegen ihrer Gewohnheit nicht nur zur Wochenmitte, sondern auch einmal am Samstag zu. Es musste einen „Ankerpunkt“ geben – irgendwo im Süd-Osten von Nürnberg, so genau legte Horn sich fest. Hier gab es Tatorte, die kaum zufällig gewählt worden sein konnten, „eine gewisse Ortskenntnis“ war nötig. Man nahm die dortigen Schützenvereine genau unter die Lupe, ermittelte auch im rechten Milieu, doch das Trio lebte in Zwickau. Noch immer fehlt der Ankerpunkt, ein möglicher Mitwisser aus der Region. Dass es ihn mit hoher Wahrscheinlichkeit gab, da sind sich Horn und sein Kollege Mähler einig. Vielleicht kann der Prozess gegen die überlebende mutmaßliche Mitwisserin Beate Zschäpe Licht ins Dunkel bringen. Er beginnt am 17. April in München.

Philipp Vetter

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