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Aus diesem Transporter wurden drei Kinder vor dem Verdursten gerettet.

Ermittlungen in Österreich

Fast verdurstet: Kinder aus Kleinlaster gerettet

Wien/Eisenstadt - Nach dem grausigen Fund von 71 toten Flüchtlingen in einem Lkw in Österreich dauern die Ermittlungen an. Unterdessen retteten Beamte drei Flüchtlingskinder aus einem Transporter. Sie waren fast verdurstet.

Die ungarische Polizei hat nach eigenen Angaben einen fünften Verdächtigen gefasst. Der bulgarische Staatsbürger sei den Beamten am Samstagabend ins Netz gegangen, teilte die Polizei am Sonntag mit. Gegen den Mann werde wegen des begründeten Verdachts auf Menschenschmuggel ermittelt, hieß es. Einzelheiten teilte die Behörde nicht mit.

Das Fahrzeug werde nun „Millimeter für Millimeter“ durchsucht, zitierte der ORF am Sonntag einen Polizeisprecher. Es gehe dabei auch darum, die Identität der 59 Männer, acht Frauen und vier Kinder festzustellen, um deren Hinterbliebene informieren zu können. Bislang sei lediglich ein syrischer Pass aufgetaucht. Die Ermittler konzentrierten sich daher auf die Handys der Toten. Die österreichische Polizei sei jedoch auch auf Hinweise von Angehörigen angewiesen, hieß es. Sie richtete daher eine rund um die Uhr auch mit Dolmetschern besetzte Hotline ein.

Parallel läuft die Obduktion der Leichen in der Gerichtsmedizin Wien weiter. Dies werde noch mindestens bis Mitte der neuen Woche dauern, hieß es. Was danach mit den Toten geschehe, sei noch nicht klar.

Kinder in Transporter bei Braunau völlig dehydriert

Die Polizei in Österreich griff am Samstag zudem erneut einen Laster mit 26 Flüchtlingen auf. Aus dem stickigen Laderaum wurden nahe Braunau drei entkräftete Kleinkinder gerettet, die kurz vor dem Verdursten waren. Wie die Polizei mitteilte, ging es den Kindern am Sonntag bereits wieder besser. Sie konnten die Klinik verlassen. Der Schlepper, ein 29-jähriger Rumäne, wurde gefasst.

Als Reaktion will die Regierung an der Grenze gründlicher nach Schleppern fahnden. An allen wesentlichen Grenzübergängen im Osten werden Fahrzeuge mit möglichen Verstecken für Asylsuchende bis auf weiteres angehalten und kontrolliert, sagte die konservative Innenministerium Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) am Sonntag. Die Maßnahmen seien mit Bayern, Ungarn und der Slowakei abgestimmt.

Es sei mit mehr Verkehr und Staus zu rechnen. „Um Menschenleben zu retten und die Schlepperkriminalität wirksam zu bekämpfen, müssen temporäre Verkehrsbehinderungen in Kauf genommen werden“, sagte Mikl-Leitner. Zudem soll die Polizeipräsenz in Ostösterreich verstärkt werden. Die Behörden rechnen in den kommenden Tagen mit weiter steigenden Flüchtlingszahlen. Daher sollten unter anderem Beamte aus den benachbarten Bundesländern Steiermark und Kärnten im Burgenland an der Grenze zu Ungarn eingesetzt werden.

Insgesamt 59 Flüchtlinge sind am Wochenende in der Slowakei aus zwei Kleintransportern befreit worden. Das berichtete die Nachrichtenagentur TASR am Sonntag. Bei Nove Zamky im Süden des Landes stoppte die Polizei ein Fahrzeug, in dem sich 29 Syrer und ein Libyer drängten, darunter neun Kinder. Bei Zilina im Norden der Slowakei retteten die Beamten zehn Kinder und 19 Erwachsene aus Syrien aus einem Kleinlaster mit polnischem Kennzeichen. In beiden Fällen waren die Fahrer ungarischer Nationalität. Sie müssen mit Strafverfahren rechnen. Die syrischen Flüchtlingen sollen den Behörden zufolge nach Ungarn abgeschoben werden, weil sie dort zuerst EU-Gebiet betreten haben.

Heimatvertriebene werben für mehr Anteilnahme für Flüchtlinge

Als Lehre aus der Geschichte der Vertreibungen sollten die Menschen in Deutschland nach Ansicht des Bundes der Vertriebenen (BdV) den Flüchtlingen heute mit offenen Herzen begegnen. Den leidgeprüften Menschen müsse noch mehr Empathie entgegengebracht werden, „als uns und unseren Müttern und Vätern vor 70 Jahren entgegengebracht wurde“, forderte BdV-Präsident Bernd Fabritius beim „Tag der Heimat 2015“ seiner Organisation am Samstag in Berlin.

Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) sagte, viele Bundesbürger könnten in den Flüchtlingen heute die eigene Familiengeschichte wiedererkennen. „In diesen Menschen spiegelt sich dieselbe Not wieder, die vor 70 Jahren Millionen deutsche Vertriebene erlitten haben.“ Respektvoller Umgang und Mitmenschlichkeit seien die richtigen Lehren der Geschichte, sagte Weil. Vom Bund forderte er, „die Asylverfahren so zu beschleunigen, dass die Bleibeperspektive rasch geklärt wird“.

Fabritius bewertete die Vertreibung Deutscher nach dem Zweiten Weltkrieg und die Lage der Flüchtlinge heute als nicht vergleichbar. Denn heute handele es sich um Menschen mit anderer Sprache und oft Religion. Das erschwere die Lage für die Betroffenen und für die aufnehmende Gesellschaft - und mache deutlich, dass Anteilnahme nötig sei.

Zugleich forderte Fabritius, zwischen Opfern von Flucht und Vertreibung sowie Menschen zu unterschieden, „die sich selbst meist aus wirtschaftlichen Gründen für eine freiwillige Migration entscheiden“. Die Zuhörer stimmten sowohl den Solidaritätsaufrufen als auch dieser Einschränkung zu.

Der ungarische Justizminister László Trócsányi rief Deutschland zu gemeinsamen Lösungen in der Flüchtlingsfrage auf. Ungarn stellte derweil den umstrittenen Zaun an der 175 Kilometer langen Grenze zu Serbien vorzeitig fertig. Die rechts-konservative Regierung hofft, dass nun weniger Flüchtlinge über die „Balkanroute“ durch Südosteuropa über Ungarn nach Norden und Westen ziehen. Frankreichs Außenminister Laurent Fabius verurteilte das Vorgehen: „Ungarn respektiert die gemeinsamen europäischen Werte nicht.“

Der slowakische Ministerpräsident Robert Fico warf der EU „absolutes Versagen“ vor. Ängste der Menschen in der Slowakei und in ganz Europa würden nicht ernst genommen, sagte der Linkspolitiker. In Griechenland kamen erneut Tausende Flüchtlinge auf Booten an, die von der türkischen Küste in See gestochen waren. Im Kreuzfeuer einer Schießerei zwischen einem Patrouillenboot der EU-Grenzschutzagentur Frontex und Schleppern in der Ägäis starb ein 17-jähriger Migrant.

Wirken sich Flüchtlingskosten auf Kitas aus?

Die steigenden Ausgaben für Asylbewerber verschärfen den Streit um eine bessere Bezahlung von Kita-Beschäftigten. Die Kommunen würden den Gewerkschaften „schon wegen der großen Flüchtlingsbelastung keine Zugeständnisse machen“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds, Gerd Landsberg, dem Nachrichtenmagazin „Focus“. „Auch Streiks werden wir nicht auffangen können.“ Das werde die Eltern finanziell voll treffen.

„Ich appelliere an die Gewerkschaften, den Zusammenhang zwischen der angespannten Finanzlage der Kommunen, unter anderem durch die hohen Kosten für die Flüchtlinge, und unrealistischen Gehaltsforderungen der Kita-Beschäftigten zu erkennen und einzulenken“, sagte Landsberg.

Städtetagspräsidentin Eva Lohse erklärte im „Focus“, schon nach dem Ergebnis der letztlich gescheiterten Schlichtung kämen erhebliche Belastungen auf die Haushalte der Kommunen zu. Besonders treffe das finanzschwache Städte und Gemeinden mit hohen sozialen Ausgaben.

Feuer in Sporthalle wohl von zündelnden Kindern ausgelöst

Zündelnde Kinder haben wahrscheinlich das Feuer in einer Sporthalle in der Nähe einer Berliner Flüchtlingsunterkunft verursacht. Wie die Polizei am Samstag mitteilte, konnten mehrere Jungen ermittelt werden, die am Mittwoch in das Gebäude auf dem Gelände der einstigen Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf eingedrungen waren. Zeugenaussagen hätten die Ermittler zu einem Achtjährigen geführt. Dieser habe zugegeben, dass er mit anderen Kindern in der Halle gekokelt habe. Dabei sei der Brand entstanden. Laut Polizei konnten auch die anderen Jungen ermittelt werden.

Die Halle, die von Sportvereinen und Flüchtlingskindern genutzt wurde, war am Mittwoch niedergebrannt. Nicht weit von ihr entfernt wohnen rund 900 Flüchtlinge in vier Häusern. Da die Kinder strafunmündig sind, bleiben sie den Angaben zufolge bei ihren Eltern. Laut Polizei wohnen die Flüchtlingskinder in den Unterkünften auf dem einstigen Klinikgelände.

In Mecklenburg traten die Toten Hosen gegen Neonazis auf, deutschlandweit prostestierten Menschen gegen rechte Gewalt.

dpa

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