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Neuer Klassensprecher des Realo-Flügels: Dieter Janecek will die Grünen stärker für die Wirtschaft öffnen.

Leiser Parteichef mit klarer Linie

Bayerns Grüne erst ökologisch, jetzt ökonomisch

München - Bayerns Grüne waren schon immer relativ pragmatisch. Das neue Programm soll sie nun noch weiter für Wirtschaftsthemen öffnen. Dahinter steckt vor allem Dieter Janecek. Der Landeschef entwickelt sich zum Sprachrohr der Realos.

Nein, Berührungsängste kennt Dieter Janecek wirklich nicht. Zum Mittagessen verabredet sich der Grünen-Vorsitzende im Restaurant des Hauses der bayerischen Wirtschaft. Ein Cordsakko inmitten von Maßanzügen. Eben kommt der 36-Jährige mit dem dezent angegrauten Vollbart von einem Termin bei der Handwerkskammer, am Abend muss er zum Wirtschafts-Verband. Dazwischen liegen vier Stunden grüne Kärrnerarbeit: Änderungsanträge für den Parteitag am Wochenende.

Die Grünen tagen in Würzburg diesmal, und dort geht es um einiges für den jungen Parteichef: Der Münchner hat das Wahlprogramm inhaltlich geprägt – und packt in die 109 Seiten einige Provokationen für Ur-Grüne. Ganz vorne hin stellt er das Kapitel Wirtschaft, preist die Bedeutung der Industrie für Arbeitsplätze und Wertschöpfung. „Wenn wir mit der Wirtschaft nicht vorankommen bei der Nachhaltigkeit, können wir viele unserer Vorstellungen vergessen“, sagt Janecek. In anderen Worten: Ohne Moos nix los.

Hinter dem Grünen mit seinen notorisch zu kurzen bunten Hemden würde man zunächst keinen Wirtschaftspolitiker vermuten. Janecek lässt den Landesparteitag aber sogar über den Kammerzwang beraten („Das wird ein besonderes Schaulaufen“). Er plädiert zwar für Reformen, will aber das umstrittene System prinzipiell halten. Zum Vergleich: Sogar die verbändelastige FDP hatte neulich gegen die Kammern gestimmt – sehr zum Verdruss des eigenen Wirtschaftsministers.

Die Liste der potenziellen Streitthemen ist lang. Unter 18-Jährige sollen künftig kostenfrei im Nahverkehr durch Bayern fahren, für rund 300 Millionen Euro aus dem Steuertopf. Janecek will im Programm zudem ein klares Ja zur Energiewende fixieren, was nur so lange sehr grün klingt, bis er deutlich macht: Das schließe ein Bekenntnis ein zu dicken Strom-Autobahnen quer durch die Republik. „Energiewende bedeutet auch ein Stück Eingriff in die Landschaft. Das ist eine harte Entscheidung für uns.“

Hauptstadtadresse klopft an

Die klare Linie ist typisch für den Parteichef, der leise spricht, aber klare Aussagen schätzt. Hinter ihm liegt eine erstaunliche Karriere, die so eigentlich nur bei den Grünen möglich ist: Mit 18 gründete er den Ortsverein Eggenfelden. 2007 zwang er München mit einer Klage die Umweltzone auf. Ein Jahr später wählten ihn die bayerischen Grünen zum hauptamtlichen Vorsitzenden. Auf Twitter und Facebook, aber auch via Bus und Bahn vernetzte sich der mandatslose Münchner im ganzen Freistaat. Nun ist ihm ein Platz im nächsten Bundestag so gut wie sicher – weshalb er längst seine Fühler nach Berlin ausstreckt. Mit dem Bundesvorsitzenden Cem Özdemir und der Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt pflegt er engen Kontakt. Das alles steht in krassem Gegensatz zu Janeceks Bekanntheit in der Bevölkerung: Der letzte Bayerntrend des BR-Magazins „Kontrovers“ bescheinigt ihm magere 16 Prozent – selbst die blasse Europaministerin Emilia Müller kennen doppelt so viele.

Doch das könnte sich ändern. Inzwischen ist auch die Hauptstadtpresse auf Janecek aufmerksam geworden. Inoffiziell koordiniert der Münchner schon länger den Realo-Flügel der Partei, nun spricht er auch für ihn: Regelmäßig ruft der Spiegel an, seit er keck für ein Ende der dauerhaften Bindung an die SPD plädierte („Wer jetzt noch auf Lagerwahlkampf setzt, reitet ein totes Pferd.“). In der eigenen Partei sehen sie solche schwarz-grünen Gedankenspiele im Wahljahr mit maximalem Missvergnügen. Von Özdemir bekam er öffentlich zwischen die Hörner. Seitdem schlägt Janecek zwar leisere Töne an, seine Meinung hat er aber nicht geändert. In München pflegt er einen regen Austausch mit jungen CSU-Politikern wie dem hoffnungsvollen Wirtschaftspolitiker Markus Blume.

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In Würzburg steht für den jungen Realo-Boss und seine Co-Chefin Theresa Schopper also einiges auf dem Spiel: Folgt ihm die traditionell unzähmbare Basis? Schopper liegt weitgehend auf Janeceks Linie – nur sein Nein zu einer Olympia-Kandidatur trägt sie nicht mit. Auch sie wehrt sich gegen Oppositions-Utopien: „Wir wollen raus aus der Trockenübung. Es soll ein Regierungsprogramm werden.“

Viel Spaß: Skeptiker haben bereits 400 Seiten Änderungsanträge angeliefert.

von Mike Schier und Christian Deutschländer

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