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Eindringlicher Appell: Erwin Huber. 

Interview zum Machtkampf in der CSU

Erwin Huber: „Man kann sich nicht die Rosinen rauspicken“

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München - Die CSU debattiert über die personelle Aufstellung: Horst Seehofer wünscht sich Markus Söder in Berlin, doch der Kronprinz will nicht. Jetzt bekommt Seehofer Beistand von unerwarteter Seite: 

Erwin Huber kennt die CSU wie kaum ein zweiter. Aus der niederbayerischen Provinz hat er sich ganz nach oben gearbeitet – bis zu einer kurzen Episode als Parteivorsitzender im Tandem mit Ministerpräsident Günther Beckstein. Nach dem blamablen Wahlergebnis 2008 musste er das Feld räumen und ging klaglos in die zweite Reihe zurück. Statt mit Chauffeur fährt Huber heute wieder S-Bahn. Aber noch immer ist er bestens vernetzt und zieht als Ausschussvorsitzender im Landtag viele Strippen. Im Interview springt er nun Horst Seehofer bei, mit dem er sonst in inniger Abneigung verbunden ist. Der 70-Jährige plädiert für einen neuen Parteichef, der ab 2017 im Bundeskabinett sitzen soll. Für Rosinenpickerei, sagt Huber, sei der falsche Zeitpunkt.

Herr Huber, Sie sind ja ein gebranntes Kind. Ganz generell: Sind Doppelspitzen gut für die CSU?

Auf diese Frage gibt es keine Patentantwort. Ich glaube nicht, dass man einfach auf Rezepte zurückgreifen kann, die in der Vergangenheit erfolgreich waren. Stattdessen müssen wir uns der mühevollen Aufgabe unterziehen, für die heutige Zeit und Konstellation die richtige Antwort zu finden. Das ist ein schwieriger, aber wichtiger Prozess.

Gut, dann werden wir doch konkreter: Wäre es denn in der jetzigen Situation angebracht, wieder Tandem zu fahren?

Sicher ist: Es wird nicht möglich sein, einen alten Löwen einfach durch einen neuen Löwen zu ersetzen, damit alles einfach munter weiter läuft. Wir müssen uns bewusst sein: Solche Übergangsphasen sind für eine Partei sehr riskant. Horst Seehofer weiß das – und hat das strategisch sehr klug angestellt.

Ein Lob für Seehofer aus Ihrem Mund! Was gefällt Ihnen denn an seiner Strategie?

Er hat einen Prozess angestoßen und selbst die Moderation übernommen. Wir müssen die Gesamtkonstellation in Bund und Land für die nächsten fünf bis zehn Jahre neu ins Auge fassen. Ich hoffe, die CSU ist diszipliniert genug, sein Angebot anzunehmen und die Fragen ernst und tiefgründig zu diskutieren. Sonst stolpern wir wieder in eine Situation wie 2007 hinein mit einem ungesteuerten Ablauf.

Die Tandem-Konstellation wäre diesmal anders: Früher trat die dominante Figur ab, dann versuchten zwei, sie zu ersetzen. Diesmal schlägt diese dominante Figur freiwillig eine Art Altersteilzeit vor . . .

Ich spreche aus Erfahrung: Es ist nicht so einfach, aus dem Stand heraus in die Fußstapfen eines erfahrenen Vorsitzenden und Ministerpräsidenten zu gehen. Deshalb hat die Idee Charme, wenn einer aus der Erfahrung des anderen lernen und in die Aufgabe hineinwachsen könnte. Das erfordert mehr Geduld und Disziplin – verspricht aber Erfolg.

Ist Horst Seehofer im kommenden Jahr mit dann 68 Jahren noch jung genug, nach Berlin zu gehen?

Horst Seehofer hat sowohl in der Bundes- wie in der Landespolitik unglaublich viel Erfahrung. Aber man tut ihm sicher nicht unrecht, wenn man feststellt, dass er nicht die Zukunftsperspektive der CSU darstellt. Er hat selbst gesagt, nicht auf ewig „den Libero machen“ zu können. Deswegen stößt er diese Diskussion an, die für ihn selbst eher unangenehm ist.

Was ist die Lösung?

Die CSU sollte sein Angebot annehmen und im kommenden Frühjahr außerplanmäßig einen neuen Vorsitzenden wählen, der sie in die Bundestagswahl führt. Seehofer selbst bliebe Ministerpräsident, vielleicht über 2018 hinaus. Ich halte das für eine sehr überlegenswerte Strategie. Die CSU macht einen Fehler, wenn sie das jetzt personell verkürzt und nicht strategisch angeht.

Warum?

2017 und danach wird die CSU in eine sehr schwierige Zangensituation kommen. Auf der einen Seite positioniert sich bereits Rot-Rot-Grün, auf der anderen stehen die Rechtspopulisten. Und noch etwas Drittes kommt hinzu: Die CDU wird uns künftig nicht mehr schwesterlich-liebevoll behandeln, sondern ruppig mit uns umspringen.

So wie umgekehrt.

Tatsache ist: 2009 und 2013 hat uns die Zuglokomotive Angela Merkel die Wahlen gewonnen. Damals war nicht so entscheidend, wen wir aufstellen. 2017 sind wir auf uns selbst angewiesen. Deshalb muss der neu gewählte Vorsitzende nach Berlin.

Das Problem ist nur: Dieser neue, schon halbgekürte Parteivorsitzende wehrt sich mit Händen und Füßen. Markus Söder will nicht nach Berlin.

Es ist noch niemand gekürt. Den Parteivorsitzenden wählt der Parteitag. Manche, die sich die Ämter so aussuchen, sollten sich überlegen, dass sie im Dienst einer Sache, in der Mission einer Partei unterwegs sind. Nicht die Partei ist für den einzelnen da, sondern umgekehrt. Da kann sich niemand wie im Kuchen die Rosinen herauspicken.

Aber die CSU braucht Markus Söder, oder?

Wir brauchen einen, der im Frühjahr 2017 die Zuglokomotive für die CSU macht, die Verhandlungen in einer Drei-, vielleicht auch Vier-Parteien-Koalition führt und dann ein klassisches Ministerium übernimmt. Das muss jemand mit Zukunftsperspektive sein, dem man auf viele Jahre die Wortführerschaft in der CSU zutraut. Das ist elementar dafür, dass wir nicht untergehen. Im Landtag schauen zu viele Kollegen nur auf die absolute Mehrheit 2018 – übersehen aber, dass die Grundlage schon 2017 gelegt wird.

In der Fraktion gab es diese Woche Unmutsäußerungen einiger Hinterbänkler. Ist das für Seehofer gefährlich oder eher ein Zwergenaufstand?

Es zeigt den Diskussionsbedarf. Aber manche dieser Wortmeldungen sind interessengelenkt. Ich empfehle der Partei, nicht auf irgendwelche Spring-ins-Felds zu hören, sondern auf Leute, die seit Jahrzehnten Verantwortung tragen.

Die Debatte droht auch den Parteitag in zwei Wochen zu überlagern.

Es wird viele Diskussionen geben. Das ist auch notwendig. Aber mein Appell lautet: Reduziert das nicht auf persönliche Sympathien. Seehofer hat ein beachtliches Angebot gemacht. Wir müssen uns Zeit für die Debatte nehmen.

Da ist es natürlich schwierig, wenn ausgerechnet Markus Söder in diesem Fall eher persönlich argumentiert. Könnte das zum Problem für ihn werden?

Dieses Denken springt zu kurz, wenn man die ganz große Verantwortung anstrebt. Wer sich als Alphatier versteht, muss auch die Fähigkeit zu strategischem Denken demonstrieren. Das erwarte ich auch von jüngeren Kollegen, die mit viel Emotionen und hitzköpfig an die Sache gehen.

Welche Risiken sehen Sie?

Solche Übergangsphasen können für eine Partei existenzbedrohend werden. Schauen Sie, wo die SPD steht, die in den vergangenen zehn Jahren zu oft ihre Vorsitzenden gewechselt hat.

Machen Sie sich konkret um die CSU Sorgen?

Ja. Weil die Bereitschaft in der Partei fehlt, das Problem mit der nötigen Tiefe anzugehen. Wer das auf Ämtergeschacher reduziert, versündigt sich an der Zukunft der CSU.

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