Christian Wulff
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Seehofer mittendrin

Es begann mit Wulff: Die umstrittensten Politiker-Aussagen zum Islam

  • Florian Naumann
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Mit einem Zitat zum Islam hat Horst Seehofer die Wahl seines Nachfolgers Markus Söder überschattet. Es ist nicht das erste Mal, dass das Thema polarisiert. 

Berlin/München - Eigentlich ist es ein simpler Fakt: Zwischen 4,4 und 4,7 Millionen Muslime leben laut einer Studie aus dem Jahr 2017 in Deutschland. Viele von ihnen sind deutsche Staatsbürger. Und trotzdem ergeben sich fast reflexartig immer wieder heftige Debatten, sobald sich Politiker einer eigentlich eher theoretisch-rhetorischen Frage nähern. Gehört der Islam zu Deutschland?

Aktuell ist es der frisch gebackene Innenminister der Bundesrepublik, Horst Seehofer (CSU), der die alte Debatte wieder aufgewärmt hat. „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt“, hatte Seehofer der Bild gesagt. Und überschattet mit der erwartbaren Empörung ausgerechnet die Kür seines alten Rivalen Markus Söder zum bayerischen Ministerpräsident - einige Kommentatoren sehen gar Kalkül in dem medialen Sturm, den Seehofer so losgetreten hat.

Ob nun kalkulierte Provokation oder nicht: Seehofers Vorpreschen spaltet schon jetzt die Bundesregierung. Von der Kanzlerin bis zur Integrationsbeauftragten der Regierung, der CSU-Chef erhielt am Freitag Gegenwind auf breiter Front. Söder immerhin sprang seinem Parteikollegen bei.

Eigentlicher Urheber der Dauerdebatte war übrigens Christian Wulff. Man schrieb das Jahr 2010, als der damalige Bundespräsident just am Tag der deutschen Einheit erstmals jenen Satz sprach, der seither in mannigfaltigen Variationen die Gemüter erhitzt.

Hier gibt es eine Chronologie der turnusmäßigen Erregung über einen kurzen Satz. Vertreten ist darin übrigens auch Markus Söder - wenn auch mit einer ganz anderen Aussage als spontan zu erwarten wäre und ganz anders, als er sie an diesem Freitag getroffen hat.

Der Startschuss: Christian Wulff im Oktober 2010

Christian Wulff

„Das Christentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das Judentum gehört zweifelsfrei zu Deutschland. Das ist unsere christlich-jüdische Geschichte. Aber der Islam gehört inzwischen auch zu Deutschland.“ (Der damalige Bundespräsident Christian Wulff in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2010)

Ein Kompromissvorschlag: Joachim Gauck im Mai 2012

Bundespräsident Joachim Gauck im Jahr 2012

„Die Wirklichkeit ist, dass in diesem Lande viele Muslime leben. (...) Ich hätte einfach gesagt, die Muslime, die hier leben, gehören zu Deutschland.“ (Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck am 31. Mai 2012 in der „Zeit“)

Handfeste Überraschung im Festzelt: Markus Söder im Mai 2012

Markus Söder 2012 bei einer Pressekonferenz

„Der Islam ist ein Bestandteil Bayerns.“ (Bayerns damaliger Finanzminister Markus Söder am 30. Mai 2012 bei einem Kulturfest der staatstreuen türkischen Ditib-Gemeinde in einem Nürnberger Festzelt)

Eine klare Positionierung: Angela Merkel im Juni 2015

Empfang zum Fastenmonat Ramadan im Juni 2015

„Es ist offenkundig, dass der Islam inzwischen unzweifelhaft zu Deutschland gehört.“ (Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in einer Rede zum muslimischen Fastenmonat Ramadan am 30. Juni 2015)

Mal rein empirisch betrachtet: Norbert Lammert im Februar 2015

Bundestagspräsident a.D. Norbert Lammert

„Der Islam gehört inzwischen zu den Religionen, die in Deutschland erhebliche Verbreitung finden.“ (Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) in der „Welt“ vom 28. Februar 2015)

Ein Innenminister such Versöhnung: Thomas de Maizière im Janur 2015

Thomas de Maizière im Bundestag

„Was die Rolle des Islam angeht, so müssen wir darauf bestehen, dass Religionen versöhnen und nicht spalten, dass Religionsfreiheit Rücksichtnahme heißt - und dann gehören die Muslime und auch der Islam zu Deutschland“. (Der frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) im ARD-„Bericht aus Berlin“ am 25. Januar 2015)

Die Dialektik der Zugehörigkeit: Horst Seehofer im März 2018

Horst Seehofer im März 2018

„Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Deutschland ist durch das Christentum geprägt. (...) Die bei uns lebenden Muslime gehören aber selbstverständlich zu Deutschland.“ (Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) in der „Bild“-Zeitung, 16. März 2018)

Ein neuer Tonfall: Markus Söder im März 2018

Sondersitzung des bayerischen Landtags

„Aber der Islam gehört kulturgeschichtlich nicht zu Deutschland.“ (Söder am Tag seiner Wahl zum bayerischen Ministerpräsident in der ZDF-Sendung ‚Was nun, Herr Söder?‘)

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