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Kurze Schlange: In Essen kommen gestern weniger Leute zur Essensausgabe als sonst.

Aufnahmestopp bei Essener Tafel 

Essener Tafel: Es geht nicht um die Nationalität, sondern um das Benehmen

Die Essener Tafel hält an ihrem Aufnahmestopp für Ausländer fest. Bei einem Besuch vor Ort zeigt sich, dass die Probleme tiefer liegen.

EssenDie Enttäuschung ist groß bei den Ausländern vor der Essener Tafel. Sie stehen am Mittwochmorgen für eine neue Berechtigungskarte für Nahrungsmittel an, bekommen aber keine. Und die Ausländer, die am Mittag an der Ausgabe für Brot, Obst oder Gemüse anstehen, sehen bange in die Zukunft. Wenn ihre aktuell noch gültige Karte abläuft, bekommen sie keine neue mehr.

Selbst die Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat den Verein nicht zum Umdenken bewegen können. Vielleicht kann der geplante runde Tisch, an dem auch Wohlfahrtsverbände und Migrantenorganisationen sitzen, noch die Wende bringen. „Wir sollen in sechs Wochen wiederkommen“, sagt ein abgewiesenes Ehepaar. Die beiden gehören zu den ersten Bedürftigen ohne deutschen Pass, die die Zugangsregelung trifft.

Große Aufmerksamkeit, auch im Ausland

Der Grund für die Entscheidung: Der Tafel war der Ausländeranteil mit 75 Prozent zu hoch geworden. Senioren und alleinerziehende Mütter hätten sich von den fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt gefühlt, sagte Vereinschef Jörg Sartor (siehe unten). 

Die Aufmerksamkeit ist enorm, auch im Ausland wird berichtet. Ins Deutsche übersetzt schrieb die französische Agentur AFP in ihrem englischsprachigen Angebot: „Merkel kritisiert deutsche Hilfsorganisation für Migranten-Aufnahmestopp“. Und in Essen haben böswillige Kritiker Transporter mit Nazi-Parolen beschmiert, der Verein macht die Schmierereien absichtlich nicht weg. „Dann würden die nächsten kommen und neue Parolen anschmieren“, sagt ein Mitarbeiter.

Im Video: Dieser Mann hält das Vorgehen der Tafel für richtig

Lesen Sie auch: Essener Tafel hält an Aufnahmestopp für Ausländer fest – CSU-Politiker verständnisvoll

Vor der Kartenausgabe der Essener Tafel, die an einem alten Wasserturm untergebracht ist, bildet sich am Mittag nur eine kurze Schlange. Deutlich kürzer als sonst. Vielleicht hat es sich herumgesprochen, dass es zurzeit keine Karten für Ausländer gibt. Tafel-Chef Sartor lässt die Wartenden herein, Journalisten bittet er wieder hinaus. Zu sagen habe er erstmal nichts.

„Es war nicht immer schön, wie die Anstehenden und die Mitarbeiter behandelt wurden“

Frührentnerin Nicole Plica hält die Neuregelung für gerechtfertigt, weil es Konflikte bei der Ausgabe gegeben habe. „Es war nicht immer schön, wie die Anstehenden und die Mitarbeiter behandelt wurden“, sagt sie. Ein 62-Jähriger, der erst nichts sagt, stellt sich an ihre Seite. „Es war immer richtig voll, und es gab immer Krach. Da gibt es schwarze Schafe, die einfach nehmen, was sie kriegen können. Das sind aber auch Deutsche.“

Genau das ist der Punkt, sagt NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP): „Wer an einer Tafel sich nicht anständig benimmt, der gehört da dauerhaft ausgeschlossen und da ist es auch völlig egal, ob er einen Fluchthintergrund hat oder nicht“, sagt er im Landtag. Deutsch oder nicht deutsch sei die falsche Frage – es gehe um anständig oder nicht anständig.

Emotionaler Post: Hayali kritisiert Entscheidung der Essener Tafel

Bei den Ausländern herrschen vor der Ausgabe gemischte Gefühle. „Es wäre traurig, wenn mein Schein nicht verlängert wird“, sagt eine 65-Jährige aus dem ehemaligen Jugoslawien, die seit 1971 in Essen lebt. „Seit fast 50 Jahren zahle ich Steuern und Abgaben. Ich habe mir den Arsch aufgerissen.“ Ihre geringe Rente zwinge sie dazu, zur Tafel zu gehen. Ihr Schein läuft im März aus, bis dahin hofft sie auf ein Einlenken. Lena Shabo (35), eine Irakerin, pflichtet ihr bei. „Wir sind auch Hartz-IV-Empfänger. Wir brauchen auch etwas zu Essen.“

Till Bücker und Wolfgang Dahlmann

Vereinschef Jörg Sartor:

Jörg Sator, Vereinschef.

Früher war Jörg Sartor Bergmann, unter anderem in der Zeche Zollverein in Essen. Unter Tage müssten die Dinge klar angesprochen und geregelt werden, sagte der 61-Jährige der „FAZ“. Und weil oben nicht falsch sein kann, was unten gilt, handelte Sartor auch, als er bei seiner Tafel in Essen eine zunehmende Schieflage erkannte.

Sartor ist seit 13 Jahren bei der Tafel engagiert, er ist Vorsitzender in Essen und Vize-Vorsitzender des Tafelverbands in NRW. Außerdem ist er seit Kurzem deutschlandweit bekannt, weil sein Hilfsverein vorerst nur noch Notleidende mit deutschem Pass neu aufnimmt, was für jede Menge Empörung gesorgt hat. Dem ehemaligen Kumpel stinkt das gewaltig. Den Vorwurf, die Entscheidung sei diskriminierend, lässt er nicht gelten. Der Ausländeranteil unter den Tafelkunden sei von 40 auf zuletzt 75 Prozent gestiegen, mit der Entscheidung habe man mehr Gerechtigkeit herstellen wollen, sagt er. „In Wirklichkeit haben wir Deutsche diskriminiert.“

Sartor glaubt an eine „vernünftige Integration“ – wie in den Fußballteams, in denen sein Sohn jahrelang spielte. Der Ausländeranteil habe stets bei etwa 80 Prozent gelegen. „Probleme gab es nur, wenn mehr als drei von einer Sorte waren.“ Im Übrigen gilt weiterhin: Schieflagen offen ansprechen, auch im Gespräch mit ganz oben. „Von mir aus kann die Angela mich anrufen“, sagte er in einem Interview. „Ich würde der das so sagen, wie es ist.“

mmä

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