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Kämpferischer Auftritt: Anfang Februar warb Premier David Cameron in einer britischen Siemens-Fabrik für einen Verbleib in einer „reformierten EU“.

Binnenmarkt

EU-Gipfel: Die Angst vor dem Brexit

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München - Für die Wirtschaft ist es ein Schreckensszenario: Im Sommer will Großbritannien über einen möglichen EU-Austritt abstimmen. Die Folge wären Verluste auf allen Seiten. Ob das Land noch zu halten ist, dürfte sich ab Donnerstag auch auf dem EU-Gipfel entscheiden.

Der Ort für den Auftritt war schon fast eine Provokation für seine Gegner. Gerade hatte Großbritanniens Premier David Cameron sich mit EU-Ratspräsident Donald Tusk auf einen Reformkurs in Europa geeinigt, da stand er in einer Siemens-Fabrik im britischen Chippenham und sprach über die Ergebnisse. „Mein Ziel ist es, Großbritannien die Chance zu geben, Teil einer reformierten EU zu sein“, rief Cameron. Das Land sei nun mal eine „Handelsnation“ und die EU ein Markt mit 500 Millionen Menschen.

Ausgerechnet eine Fabrik des deutschen Global Players. Der Termin Anfang des Monats war ein Bekenntnis. Denn die Zukunft ausländischer Unternehmen auf der Insel scheint bedroht. Im Sommer werden die Briten abstimmen, ob sie aus der Europäischen Union austreten wollen. Das Referendum hatte Cameron den europakritischen Bürgern versprochen – und auch damit die vergangene Wahl gewonnen.

Nun wirbt der Premier dafür, dass sein Land in der EU bleibt. Denn ein Ausscheiden, der sogenannte Brexit, wäre aus wirtschaftlicher Sicht ein schwerer Schlag – für die Briten, aber auch für die deutsche Wirtschaft. Ein Meilenstein auf dem Weg zum Referendum steht ab Donnerstag an. Auf dem EU-Gipfel in Brüssel entscheiden die Staats- und Regierungschefs über die von Cameron geforderten Reformen (siehe Kasten).

Lange galt ein Brexit als undenkbar, inzwischen ist er zur realen Gefahr geworden. Vergangenen Sommer lagen die britischen Europa-Befürworter in Umfragen 20 Prozent vor den Gegnern. Zuletzt waren es noch vier Prozent. Offenbar macht vor allem die Flüchtlingskrise viele Briten immer EU-skeptischer.

Auch bayerische Unternehmen würde ein Brexit massiv treffen. Die Briten wären dann auch im europäischen Binnenmarkt außen vor. Waren und Arbeitskräfte könnten nur noch mit deutlich höheren Kosten die Grenze überschreiten. Dabei haben die wirtschaftlichen Beziehungen auf die Insel eigentlich Hochkonjunktur. Großbritannien ist der wichtigste Handelspartner in Europa. 120 Milliarden Euro haben deutsche Unternehmen derzeit dort investiert.

Die Wirtschaft ist alarmiert. Ein Brexit würde „erhebliche Rechtsunsicherheit für deutsche und für britische Unternehmen bedeuten“, warnt der Geschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Markus Kerber. „Wir sind wichtigstes Lieferland der Briten.“ Binnen 25 Jahren seien die deutschen Direktinvestitionen im Königreich um das 16-Fache gewachsen. Laut einer Studie von Bertelsmann-Stiftung und Ifo-Institut könnte der Brexit das Bruttoinlandsprodukt in Deutschland schon allein wegen der reinen Handelseffekte bis zu 0,3 Prozent schrumpfen lassen. Mit allen Folgewirkungen liegt die Prognose bei einem Minus von bis zu zwei Prozent.

Kaum eine Handelsbeziehung ist so dynamisch wie die auf die Insel – vor allem aus Bayern. 2014 exportierten bayerische Unternehmen Waren im Wert von 12,7 Milliarden Euro dorthin. Vergangenes Jahr waren es von Januar bis November schon 14,4 Milliarden Euro. Hinter den USA sei Großbritannien der zweitwichtigste Absatzmarkt weltweit, sagt Frank Dollendorf, Außenwirtschaftsexperte bei der IHK für München und Oberbayern. „Bayern würde ein Brexit überproportional treffen.“ 460 bayerische Unternehmen seien jenseits des Ärmelkanals aktiv, Gesamtumsatz: 36 Milliarden Euro.

Am anschaulichsten machen das Problem die Zahlen der beiden größten bayerischen Unternehmen auf dem Markt: Siemens und BMW. Rund 14 000 Mitarbeiter beschäftigt Siemens in Großbritannien. Vergangenes Jahr machte der Konzern dort vier Milliarden Euro Umsatz. Über den Ausgang des Referendums wolle man nicht spekulieren, sagt ein Sprecher. Siemens sei seit 170 Jahren im Land tätig. „Wir werden dies auch weiterhin sein.“ So oder so.

Auch bei BMW will man sich auf Szenarien nicht einlassen. Doch der Autobauer würde die Folgen eines Brexit wohl besonders zu spüren bekommen. Seit 2000 hat die BMW Group 1,75 Milliarden Pfund (2,25 Milliarden Euro) in seine vier Werke im Vereinigten Königreich investiert. Mini und Rolls-Royce werden auf der Insel produziert. Vertriebsvorstand Ian Robertson, selbst Brite, formuliert es vorsichtig: Der Konzern würde einen Brexit „sehr bedauern“.

Tatsächlich ist die Sorge groß. Anfang Januar nahmen Vorstandschef Harald Krüger und Robertson Premier Cameron persönlich ins Gebet. Nach seinem Besuch bei der CSU in Wildbad Kreuth war der Regierungschef in der BMW-Zentrale in München zu Gast. Hauptthema: Der mögliche EU-Ausstieg der Briten. Nach dem Gespräch im Hochhaus, gab es noch eine Werksführung.

Wie hoch die Einbußen am Ende wären, hängt auch davon ab, was nach dem Brexit käme. Die britischen Euro-Gegner träumen vom unveränderten Zugang zum Binnemarkt – allerdings ohne einen Beitrag zum EU-Haushalt leisten zu müssen und mit der Möglichkeit, sich bei Bedarf abschotten zu können. Das dürfte eine Wunschvorstellung sein. In die völlige Isolation dürfte das Land aber auch nicht abdriften. Ein Szenario irgendwo dazwischen wäre wahrscheinlich. Ähnlich wie bei Norwegen und der Schweiz, die ebenfalls nicht der EU angehören. Klar wäre allerdings: Die Briten müssten sich zumindest teilweise Regeln unterwerfen, die sie in Brüssel selbst nicht mehr mitbestimmen könnten.

Wirtschaftlich würden die Briten wohl selbst am meisten unter einem Brexit leiden. Mehrere Studien sagen erhebliche Wohlstandsverluste voraus. Bertelsmann und Ifo prognostizieren für den schlimmsten Fall inklusive aller Folgewirkungen einen Einbruch des Inlandsproduktes um 14 Prozent in 2030. Jeder einzelne Brite hätte dann jährlich durchschnittlich umgerechnet 4850 Euro weniger im Geldbeutel. Der Finanzplatz London, derzeit einer wichtigsten weltweit, dürfte deutlich an Bedeutung verlieren.

Sollte Großbritannien die EU verlassen, so stellt es der britischen Industrieverband CBI in einer Broschüre fest, erwarteten das Königreich „Jahre der Unsicherheit und der gestörten Wirtschaft, während das Verhältnis zur EU neu verhandelt wird“.

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