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Jubel bei Nigel Farage über das Wahlergebnis.

Wahl im Königreich

Europawahl 2019: Farage feiert mit Brexit-Partei unglaubliches Ergebnis

Nach dem Brexit-Chaos hat EU-Gegner Nigel Farage mit seiner Partei die Europawahl in Großbritannien gewonnen. Wer ist dieser Mann, der seit 20 Jahren gegen die EU kämpft?

Update 27. Mai, 13.40 Uhr: 

Nach ihrem Sieg bei der Europawahl in Großbritannien hat die EU-feindliche Brexit-Partei ein Mitspracherecht bei möglichen neuen Austrittsverhandlungen mit Brüssel gefordert. Seine Partei habe die Wahl mit einer "starken und einfachen Botschaft" gewonnen, sagte Parteichef Nigel Farage am frühen Montagmorgen in Southhampton. Die Briten seien von den regierenden Tories und der oppositionellen Labour-Partei "schwer enttäuscht" worden, weil beide Parteien ihre Versprechen gebrochen hätten. Daher wolle seine Partei nun beim künftigen Brexit-Kurs mitreden, forderte Farage. Er warnte die anderen Parteien zudem davor, den Brexit Ende Oktober wieder nicht zu vollziehen. Dann werde seine Partei auch die nächste Parlamentswahl gewinnen. "Wir bereiten uns darauf vor", warnte Farage.

Update 27. Mai, 7.57 Uhr: Die Brexit-Partei ist bei der Europawahl in Großbritannien als deutlicher Sieger hervorgegangen. Nach Auszählung von rund 90 Prozent der Wahlbezirke erhielt die EU-kritische Partei von Nigel Farage 31,6 Prozent der Stimmen. Als zweitstärkste Kraft erwiesen sich die proeuropäischen Liberaldemokraten. Sie kamen auf 20,3 Prozent.

Die Konservativen der scheidenden Premierministerin Theresa May wurden wie erwartet empfindlich abgestraft. Sie landeten mit gerade einmal gut neun Prozent der Stimmen auf Platz fünf. Auch Labour schnitt deutlich schlechter ab als 2014 an dritter Stelle mit rund 14 Prozent der Stimmen. Erstaunlich stark war das Ergebnis der Grünen mit etwas mehr als 12 Prozent. Mit den Ergebnissen aus Schottland und Nordirland wurde erst im Laufe des Montags gerechnet.

Europawahl 2019: So tickt EU-Gegner Nigel Farange

London – Kaum ein Politiker hat so großen Anteil am Brexit wie Nigel Farage. Der 55-jährige Engländer scheint von einem unermüdlichen Hass auf die EU getrieben und ist doch selbst Teil ihres Betriebs. Bereits bei der vergangenen Wahl zum EU-Parlament vor fünf Jahren trieb er mit seiner EU-feindlichen Ukip-Partei den damaligen britischen Premierminister David Cameron vor sich her. Nun ist er wieder zurück, mit neuer Partei zwar, aber stärker als je zuvor.

Sein Hass auf die EU scheint unermüdlich: Nigel Farage hat den Brexit initiiert und profitiert nun mit seiner neuen Partei vom Chaos, das er damit ausgelöst hat.

Nachdem die Briten 2016 mit knapper Mehrheit für den Brexit gestimmt hatten, wollte sich Farage eigentlich zur Ruhe setzen. Ukip galt als tot. Doch weil Premierministerin Theresa May ihren mit Brüssel ausgehandelten Brexit-Deal nicht durchs Parlament bekommt, lässt der Austritt auch drei Jahre später auf sich warten. Die Briten müssen wieder Europaabgeordnete wählen. Notgedrungen. Dabei überlassen die Konservativen Farage mit seiner Brexit-Partei das Feld. Bei den Tories gibt es nicht einmal ein Wahlprogramm.

Farage in Umfragen weit vorne: Großbritannien vor der Europawahl gespaltener denn je

Entsprechend sehen die Umfragewerte aus. In jüngsten Erhebungen kommt die Brexit-Partei auf 34 Prozent und vereint damit mehr Stimmen auf sich als die Konservativen und Labour zusammen. Kürzlich verkündete ein wohlhabender Parteispender, er habe nun statt den Konservativen der Brexit-Partei mehrere hunderttausend Pfund überwiesen.

Farage zieht die Wähler förmlich an. Im Alleingang macht er die Brexit-Partei zu einer ernst zu nehmenden Kraft. Den Margaret-Thatcher-Spruch „I want my money back“ (Ich will mein Geld zurück) aus der Zeit, als die Eiserne Lady einen Briten-Rabatt von den EU-Beiträgen aushandelte, vereinnahmte er vor dem Referendum als „I want my country back“ (Ich will mein Land zurück). Dabei schwingt oft ein fremdenfeindlicher Unterton mit – was Farage stets bestreitet.

Nigel Farage (Großbritannien): Von Auto überfahren - und dann auch noch Krebs

Der Mann mit den dicken Tränensäcken beherrscht die Inszenierung. Mit Vorliebe wettert er gegen die Elite. Die glaube nicht an Großbritannien, sagt er unlängst über Politiker der großen Parteien in der BBC-Talkshow Andrew Marr. „Die denken, dass wir nicht gut genug sind, um uns um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern.“

Dabei kommt Farage selbst alles andere als aus einfachen Verhältnissen. Er wird 1964 in der südenglischen Grafschaft Kent geboren. Sein Vater, ein alkoholkranker Börsenmakler, verlässt die Mutter, als Nigel fünf Jahre alt ist. Trotzdem geht Farage auf eine Privatschule. Mit 18 entschließt er sich gegen ein Studium und für eine Karriere als Rohstoffhändler im Finanzzentrum Londons. Mit Anfang 20 entkommt er erstmals knapp dem Tod: Nach einer durchzechten Nacht gerät er unter ein Auto. Der junge Mann überlebt – und erfährt wenig später, dass er Krebs hat. Farage übersteht auch das, heiratet zweimal, wird Vater von vier Kindern.

Farage stürzte 2010 mit einem Flieger ab - er schafft mit dem Brexit später sein Meisterstück

Erste Gehversuche in der Politik macht er bei den Konservativen – doch dann unterschreibt Großbritannien unter Premierminister John Major 1992 den EU-Vertrag von Maastricht. Farage ist außer sich und gründet mit anderen die Ukip. Schnell steigt er auf, Charisma und Redebegabung helfen. 1999 gewinnt der Engländer einen Sitz im Europaparlament, 2006 übernimmt er den Parteivorsitz.

2010 stürzt er mit einem Kleinflugzeug ab. Das Ukip-Banner, das die Maschine hinter sich her zieht, hat sich im Heckruder verfangen. Bilder zeigen, wie Farage blutüberströmt vom Wrack wegtaumelt. Doch nichts kann ihn aufhalten. Vom Vorsitz der Ukip-Partei tritt er nach dem Brexit-Referendum zurück. Später verlässt er die Partei, deren Führungspersonal mehrfach wechselt und die immer weiter ins rechtsextreme Spektrum abdriftet. Mit der Brexit-Partei ist er nun zurück im Rampenlicht. Der zu erwartende Erfolg könnte sogar den Rückzug von Premierministerin Theresa May drastisch beschleunigen.

VON CHRISTOPH MEYER
UND THOMAS STRÜNKELNBERG

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