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Imposant: der offizielle Sitz des Eu-Parlaments in Straßburg. Die Hauptlast der Arbeit wird aber in Brüssel gestemmt.

Wahlen am 25. Mai

Das sind die CSU-Kandidaten fürs EU-Parlament

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Brüssel/München - Nur in Bayern, nur mit Bayern tritt die CSU zur Europawahl an. Faustformel: 50 Prozent reichen für acht Sitze. Sicher drin sind nur die Amtsinhaber.

Das Selbstverständnis der CSU-Europaabgeordneten ist sauber an die Wand genagelt. Im Brüsseler Büro von Markus Ferber, 49, prangt an der Wand eine Schafkopf-Karte mit seinem Konterfei, ein Schulfreund hat ihn karikiert. Ferber ist der Gras-Ober, ohne übertriebene Bescheidenheit: Es ist einer der höchsten Trümpfe im Spiel. Falls man es kennt und beherrscht.

Europawahl 2014: Der Tag nach der Wahl im Ticker

Politisch ist es für Ferber und Kollegen manchmal ähnlich. In Brüssel sind viele aus seiner CSU-Gruppe einflussreiche Nummern, top vernetzt; wer das europäische Spielchen aber nicht gut kennt (und das sind die meisten), merkt es nicht. Zuhause genießt jeder mausgraue bayerische Staatssekretär, den der Proporz wundersam in Amt und Dienstwagen gespült hat, mehr Ansehen als die Abgeordneten im fernen Brüssel.

Der Spitzenkandidat: Markus Ferber spricht vor einer Woche in Nürnberg beim CSU-Europaparteitag.

Ferber betrachtet das nach 20 Jahren im EU-Parlament ab und zu mit einer Portion Fatalismus, Frust allerdings hat sich nicht festgesetzt. Gegen anfängliche Skepsis der Münchner Parteispitze hat er sich wieder den ersten Listenplatz erkämpft. Was nicht leicht war: Zur mäßigen Prominenz der EU-Abgeordneten kommt nämlich der Umstand, dass die Parteiführung einen anderen politischen Kurs verfolgt. Ferbers Achter-Truppe gilt als europafreundlich. Sie hat die Innensicht auf die Institutionen und erkennt genau, wann Landes- und Bundespolitiker der EU zu Unrecht für umstrittene Pläne den Schwarzen Peter zuschieben.

Gauweiler über Kommissare: "Dumme, nackte Kaiser“

Die Strategen in München indes argumentieren, dass ein EU-skeptischer Kurs populärer ist, den Nerv der Wähler trifft. Mit Ausfällen gegen die Brüsseler Bürokraten durfte sich deshalb vor allem Parteivize Peter Gauweiler als inoffizieller Neben-Spitzenkandidat profilieren. „Dumme, nackte Kaiser“, schimpfte er die Kommissare. Erst die Ukraine-Krise ließ die CSU auf den Ferber-nahen Kurs schwenken, das große Friedenswerk Europas zu feiern.

Im Wahlprogramm „Europaplan“ findet sich beides wieder: das Ja zur europäischen Integration, aber auch der Ruf nach Beitrittsstopp und einer Halbierung der Kommission. Der Wahlkampf lief für die CSU mit dieser Doppelstrategie ganz gut. 48, 50 Prozent gelten als erreichbar. Ab und zu knirschte es mal, etwa wenn Ferber zu rüde auf den SPD-Spitzenkandidaten Martin Schulz eindrosch, ihn in die Nähe krimineller Menschenhändler rückte. Ferbers Umgangsform ist das eher nicht, aber er kann den eloquenten Schulz in der Tat nicht ausstehen.

Spannend wird für die CSU, ob das Ergebnis am Sonntag reicht, um acht Abgeordnete zu halten. Weil viel mehr kleine Parteien nach Brüssel ziehen, ist die Konkurrenz höher. Gerade am rechten Rand, durch die AfD, wächst der Druck. Ferber selbst muss nicht bangen – der Wähler kann die Liste in der Reihung nicht mehr ändern. Sicher kommen deshalb auch wieder die Oberbayerin Angelika Niebler (51) rein, der Niederbayer Manfred Weber (41), die eingebürgerte Fränkin Monika Hohlmeier (51), der Oberpfälzer Agrarpolitiker Albert Deß (67), der Münchner Bernd Posselt (57) und der Nürnberger Martin Kastler (39). Zittern müssen ab acht die Neulinge Barbara Becker (44), Christian Doleschal (25) und Heike Maas (46, aus Oberbayern).

Ferber und Weber sind „Bezirksfürsten“

Wie sie wo auf die Liste kamen, war wie in allen Parteien ein Hochamt der Strippenzieherei. Der Regionalproporz zählt bei der CSU auch dort, dazu die parteiinterne Macht. Das spielt den bisherigen Abgeordneten in die Hände. Die Aktiven unter ihnen haben sich nämlich jenseits der Brüsseler Welt eine Hausmacht aufgebaut. Ferber und Weber sind „Bezirksfürsten“, führen also die großen regionalen CSU-Verbände Schwaben und Niederbayern. Niebler leitet die 25.000 Mitglieder große Frauen-Union. Seehofer hält große Stücke auf die erfahrene Wirtschaftspolitikerin, die unter anderem im Kampf gegen Handy-Abzocke im Ausland („Roaming“) Erfolge erzielte. Und Posselt spricht für die Sudetendeutsche Volksgruppe; das übrigens sehr besonnen und um Aussöhnung auch mit Prag bemüht. Zudem führt er seit 1998 die Paneuropa-Union.

Untereinander pflegen sie ihre wechselseitigen Abneigungen – das aber so diskret, dass sie sich öffentlich kaum schaden. Einmal nur ließ es Weber im Wahlkampf krachen, als er die Partei zum Passauer Aschermittwoch per Gastkommentar in unserer Zeitung belehrte, Urvater Strauß hätte den Wahlkampf europafreundlicher angelegt: „Die CSU darf nicht nur kritisieren und schimpfen, sie muss den Willen zur Gestaltung zeigen.“ Weber schrieb zusammen mit Strauß-Tochter Hohlmeier, die in der Partei trotz der Querelen vor ihrem politischen Wegzug aus München 2009 noch viele Fans hat. Seehofer reagierte angemessen verärgert.

Weber war’s wurscht. Er könnte so oder so ab Herbst einer der mächtigsten Gestalter in Brüssel werden. Der nachdenkliche Niederbayer (die „Welt“ feierte ihn 2012 als „Anti-Dobrindt“) steht kurz vor einem großen Karrieresprung: Die große konservative Fraktion im EU-Parlament wählt ihn vielleicht zum Vorsitzenden. So ist es ganz oben, bis auf Ebene der Kanzlerin, angedacht. Keine wichtige Entscheidung im Parlament fiele dann ohne ihn. Das würde sich dann endlich auch mal zuhause rumsprechen.

Christian Deutschländer

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