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Kardinal Reinhard Marx ist erschüttert angesichts der vielen Menschen, die vor Leid, Tod und Verderben weltweit auf der Flucht sind. Er mahnt: Diejenigen, die sich zu uns retten, brauchen eine menschenwürdige Aufnahme. Das Schicksal dieser Menschen lenke den Blick auf Jesus, das Kind in der Krippe. Auch seine Eltern mussten mit ihm fliehen.

Beitrag für den Münchner Merkur

Exklusiv: Kardinal Marx ruft zu Mitmenschlichkeit auf

München - Die Flucht vor grausamen Schergen, die Suche nach einer Herberge: Die Weihnachtsgeschichte hat erschreckende aktuelle Bezüge. In einem Exklusiv-Beitrag für den Münchner Merkur lenkt der Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx zu Weihnachten seinen Blick auf das Schicksal der Flüchtlinge in aller Welt.

„Fort, fort, wir müssen fliehen!“ Fest drückt die junge Frau ihr Neugeborenes an sich. Sie hat Angst. Gerade hat sie erfahren, dass der grausame Herrscher ihren Sohn töten will, ihr erstes Kind, das sie vor ein paar Tagen in einem armseligen Stall weit weg von ihrem Heimatdorf geboren hat. In der ganzen Gegend bringen die Schergen des Königs gnadenlos alle neugeborenen Buben um. Wenn sie ihr Kind retten wollen, müssen sie fliehen. Sie wollen nach Ägypten, denn dort soll es sicherer sein. Aber in der Fremde kennen sie doch niemanden. Wo sollen sie wohnen, wovon sollen sie leben? Wir kennen die beiden: Maria und Josef. Es ist ein Aufbruch in höchster Not, von dem der Evangelist Matthäus berichtet. 2000 Jahre sind seitdem verstrichen. Die Bilder der Gewalt, des Elends, des Schreckens indes stehen klar vor uns, gerade weil sie sich durch die ganze Geschichte der Menschheit ziehen.

Auf der Flucht vor den Schergen: Eine syrische Kurdin bringt sich und ihre Kinder in Sicherheit. Auch Josef und Maria mussten mit ihrem neugeborenen Kind flüchten.

Niemand flieht gerne aus seiner Heimat. Es geht um das bloße Überleben, wenn die chaldäischen Christen oder die Jesiden so wie viele andere Menschen die Länder des Nahen und Mittleren Ostens verlassen. Und nicht nur von dort flüchten die Menschen, 51 Millionen sind derzeit auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung oder aus wirtschaftlicher Not. Und es werden immer mehr, damit müssen wir leider rechnen. Flucht und Vertreibung ist eines der großen Themen des 21. Jahrhunderts.

Wir wissen: Wir werden nicht alle Flüchtlinge der Welt in Bayern, Deutschland und Europa aufnehmen können. Ohnedies kommt nur ein kleiner Teil von ihnen auf unsere Insel des Wohlstands. Die meisten fliehen in die jeweiligen Nachbarländer oder sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht; hier leisten auch die Hilfswerke aus Deutschland lebensnotwendige Unterstützung. Aber wie sollen sie dort leben angesichts der ständigen Bedrohung? Uns stellt sich politisch die Frage, wie wir die Ursachen der Flucht wirksam bekämpfen können. Werden wir darauf eine Antwort finden, ohne uns in der Logik von Gewalt und Gegengewalt zu verlieren? Denn nicht nur an Weihnachten dürfen wir uns Frieden in der Welt wünschen. Dieses Ziel bleibt, auch wenn es die Menschheit zu keinem Zeitpunkt ihrer Geschichte verwirklichen konnte. Nur eins ahnen wir: Kriege sind keine Lösungen, sondern rufen neue Gewalt hervor.

Spannungen und Brüche gibt es aber auch in anderen Bereichen. Ich denke an die weltweite wirtschaftliche Ungerechtigkeit, die ungleiche Verteilung nicht nur des rein materiellen Wohlstands. Eine gerechte Welt braucht Teilhabe aller an Bildung, braucht die Eröffnung von Lebenschancen und Perspektiven. Mich beschäftigt der Gedanke einer global verankerten Sozialen Marktwirtschaft, die, inspiriert von der Katholischen Soziallehre, ein Schlüssel dazu sein kann, dass wir in einer gemeinsamen Menschheitsfamilie friedlich zusammenleben können.

Den Elenden, die heute zu uns kommen, schulden wir jedenfalls eine menschenwürdige Behandlung. Es geschieht bereits Großartiges. Beispielsweise engagieren sich mehr als tausend Gläubige in den Pfarreien des Erzbistums München und Freising ehrenamtlich, haben Helferkreise gegründet, begleiten die Flüchtlinge zum Arzt oder aufs Amt, geben Deutschkurse. Wohlfahrtsverbände wie die Caritas unterstützen sie. Allein in München betreut der Alveni-Dienst der Caritas 1400 Asylsuchende und Flüchtlinge und kümmert sich in einem eigenen Jugendhaus um die 50 dort untergebrachten minderjährigen Jugendlichen, die unbegleitet zu uns gekommen sind. Das Erzbistum stellt derzeit in 34 kirchlichen Gebäuden Unterkünfte für rund 700 Flüchtlinge bereit, und es sollen noch mehr werden. Im Kloster Beuerberg werden 50 bis 60 Plätze eingerichtet, und die Haushaltsmittel der Erzdiözese für Flüchtlinge werden erheblich aufgestockt. Ich kann nicht alles aufzählen, was in Kirche und Gesellschaft geleistet wird, möchte aber allen danken, die sich so engagiert ehrenamtlich und hauptamtlich einsetzen.

Gleichzeitig meine ich aber, dass noch mehr geschehen muss. Ich habe Gemeinschaftsunterkünfte besucht und mit den Bewohnern gesprochen, ihre Lage ist bedrückend. Die Quartiere sind auf Dauer viel zu eng. Wenn eine Familie mit vier Kindern jahrelang in ein oder zwei Zimmern leben muss, weil sich Duldung an Duldung reiht oder die Asylverfahren nicht vorwärts kommen, dann ist das nicht akzeptabel. Hier steht es auch der Staatsregierung gut an, wenn sie mehr Finanzmittel bereitstellt. Ich finde es deprimierend, dass in einem reichen Land wie Bayern ein großer Teil der Flüchtlinge keine Sozialberatung erhält. Und mit besonderer Sorge erfüllt mich die Situation der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die oftmals schwer traumatisiert sind und für die wir dringend mehr geeignete Plätze brauchen.

Ganz grundsätzlich geht es um eine Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen. Deutschland wird durch diese Menschen auch bereichert. Es ist keine Einbahnstraße, wenn wir ihnen etwas abgeben. Wir bekommen immer etwas zurück. Die meisten von ihnen möchten übrigens lieber heute als morgen eine Arbeit aufnehmen. Lassen wir sie teilhaben und so beitragen zu unserem Gemeinwesen. Auch über schnellere Wege auf den Arbeitsmarkt sollten wir deshalb nachdenken. Denn die meisten werden nicht zurückkehren können in ihre Heimat.

Politisch sind wir auch in Europa noch nicht am Ziel, so lange im Mittelmeer Menschen auf dem Weg zu uns ertrinken und in den Mitgliedsländern der Europäischen Union die Flüchtlinge nicht überall gleich gut behandelt werden. Der europäische Verteilschlüssel für Flüchtlinge geht von falschen Voraussetzungen aus. Es gelten eben nicht in allen EU-Ländern die gleichen sozialen und rechtlichen Rahmenbedingungen. Das so genannte Dublin-System funktioniert nicht, die daraus resultierenden Abschiebungen sind keine menschenwürdige Lösung. Ein gerechtes, gemeinsames europäisches Einwanderungsrecht sollte dafür sorgen, dass die Menschen sicher zu uns kommen.

Das Schicksal dieser Menschen lenkt unseren Blick in dieser Zeit wie von selbst auf das Kind von Bethlehem, das fliehen musste. Schauen wir auf die Krippe: Wir sehen dort Gott im Jesuskind, der Armut und dem Elend ausgesetzt. Er hat Leid und Not, Schmerzen und Tod der Menschen selbst auf sich genommen. Er ist ganz Mensch geworden. Gleichzeitig sind wir alle Ebenbild unseres Schöpfers, Kinder der einen Menschheitsfamilie, Brüder und Schwestern Jesu, alle, ohne Ausnahme! Wir teilen dieselbe Menschenwürde, gleich welcher Nation, welcher Religion, welchen Geschlechts wir sind – ob wir Flüchtlinge sind oder alteingesessene Bürger. Diese aufrüttelnde und herausfordernde weihnachtliche Botschaft ruft uns zur Solidarität und zur Barmherzigkeit! Die Menschenwürde ist unteilbar! Nicht immer leben wir auf dem Niveau unserer christlichen Tradition. Wir vergessen oft, dass es eine sehr radikale und revolutionäre Botschaft der Liebe ist, die uns die Bibel zumutet.

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