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Polizisten führen bei einer Razzia gegen Islamisten am 4.2.2016 in Berlin einen mit einem Tuch verdeckten Verdächtigen ab.

Abschiebungen lösen das Problem nicht

Experte im Interview: Kann man Gefährder wirklich deradikalisieren?

Der Pädagoge und Politologe Thomas Mücke versucht, Islamisten zu deradikalisieren. Er fürchtet, dass eine Abschiebung das Problem nicht löst. Ein Interview.

München - Thomas Mücke, Pädagoge und Politologe, will mit seinen Kollegen Jugendliche vor religiösem Extremismus bewahren, auch in München. Dazu hat er das Violence Prevention Network mitgegründet. Im Interview mit unserer Zeitung warnt Mücke davor, Probleme schlicht wegschieben zu wollen.

Welche Menschen radikalisieren sich denn?

Thomas Mücke: Auffällig ist, dass wir einen hohen Anteil von Konvertiten haben. Das zeigt, dass nicht nur bestimmte Gruppen betroffen sind. Es kann so gut wie jeden treffen. Manchmal kommen die Jugendlichen aus schwierigen Lebensverhältnissen. Manchmal auch nicht. Dann sind sie auf der Suche nach Orientierung, in einer vorübergehenden Krise oder Konflikten mit den Eltern, wie sie jeder junge Mensch durchmacht.

Was sind die ersten Anzeichen?

Thomas Mücke: Da bekommt der junge Mensch zu hören, dass Islam und Demokratie nicht zueinander gehörten. So wird er schon entfremdet von der Gesellschaft, in der er aufgewachsen ist. Im zweiten Schritt: Du musst andere überzeugen, und wer sich nicht überzeugen lässt, der gehört nicht zu uns. Hier entsteht der Konflikt mit den Eltern, die gehören plötzlich zu den Ungläubigen. Die merken dann sehr schnell: Mein Kind hat sich verändert, ich erreiche es nicht mehr, plötzlich legt es religiöse Regeln sehr extrem aus. Drittens: der Abbruch des Kontakts zum Freundeskreis. Geschieht das, sollten Eltern, Lehrer oder Freunde schnell zu einer Beratungsstelle gehen.

Kann man Gefährder deradikalisieren? Gibt es einen Punkt, an dem es kein Zurück gibt?

Thomas Mücke: Nein, diesen Punkt gibt es nicht. Man hat immer die Chance, die Menschen wieder zurückzuholen. Es kommt darauf an, wie die Gesellschaft reagiert. Extremismus ist auch eine Flucht aus der Realität. Wenn man sich dessen annimmt und fragt: Was war der Schmerz vor der Radikalisierung? Dann hat man gute Möglichkeiten, diese Jugendlichen aus dieser Szene wieder herauszuführen, und diese Chancen müssen wir nutzen.

Kommen Sie mit Ihren Kapazitäten hinterher?

Thomas Mücke: In den letzten 20 Jahren hatten wir immer nur Modellprojekte. Jetzt erst gehen wir über zu Länderprogrammen. Wichtig ist, dass es hier nicht nur eine Konjunktur gibt, jetzt, da es Anschläge gibt. Wenn es die einmal gerade nicht mehr gibt, nimmt man Extremismusprävention vielleicht nicht mehr ernst. Aber diese Arbeit muss stetig passieren und langfristig abgesichert sein. Viele staatliche Institutionen müssen auch erst lernen, mit NGOs wie uns zusammenzuarbeiten.

Was macht eine Abschiebung mit solchen jungen Männern? Radikalisieren die sich dann weiter?

Thomas Mücke: Ja, das ist ein großes Problem. Man muss gucken, wie man dem Sicherheitsbedürfnis der hiesigen Gesellschaft gerecht wird. Aber das Problem, das ein Radikalisierter darstellt, ist nicht durch Abschiebung in ein anderes Land gelöst. Der Bumerang kann zurückkommen. Am Geld sollte es nicht liegen. Sonst bleiben diese Leute im Extremismus verfangen, das führt zu weiterer Radikalisierung, vor allem im Handeln. Das kann das Leben anderer gefährden. Ich hatte einen Fall eines Mannes, der war nicht radikalisiert, aber er drohte: Wenn ich abgeschoben werde, dann radikalisiere ich mich, schließe mich dem IS an. So kam es, und er hat versucht, nach Deutschland zurückzukommen. Jedes Problem, das wir wegdrücken, kann uns wieder direkt vor die Füße fallen.

Interview: Sophie Rohrmeier

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