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Die Begeisterung ist ungebrochen: Trump-Fans bei einer Veranstaltung vor zwei Wochen in Elkhart, Indiana.

“Das Fernsehen hat viel zur Spaltung des Landes beigetragen“

USA-Experte im Interview: „Trump hat gute Chancen auf Wiederwahl“

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Es war keine gute Woche für die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Beim Besuch von Außenminister Heiko Maas (SPD) in Washington wurde die Eiszeit zwischen den Verbündeten offensichtlich.

München Die Basis steht fest zu Donald Trump: Drei von vier weißen Evangelikalen in den USA sind mit der Politik ihres Präsidenten einverstanden. Jan Philipp Burgard, ARD-Korrespondent in Washington, hat für sein neues Buch die Wähler Trumps besucht, meist weit weg der Hauptstadt. Ein Gespräch über die Gründe für den politischen Wandel in den USA – und was Deutschland daraus lernen kann.

-Herr Burgard, Europa beobachtet mit Schaudern die Politik von Donald Trump. 82 Prozent der Deutschen halten die USA für keinen verlässlichen Partner mehr. In den USA sieht die Stimmungslage anders aus.

Viele Amerikaner nehmen Trump als ihren Anwalt wahr, der für ihre Interessen kämpft – gerade in den Momenten, in denen die Deutschen ihn nicht als verlässlichen Partner wahrnehmen. Wenn er Zölle auf Stahl und Aluminium erhebt, haben viele US-Bürger das Gefühl, dass er damit Jobs zurückbringt.

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-Sie haben viele Trump-Wähler besucht – weit weg von den Metropolen. Wie genau verfolgen diese Menschen überhaupt, was in Washington geschieht?

Im Kernland werden die großen Qualitätszeitungen kaum gelesen. Dort läuft vor allem der Fernseher. In den USA geht jeder in seine Echokammer, wo er seine bereits bestehenden Meinungen bestätigt bekommt: Wer Trump gut findet, schaut Fox News. Wer Trump schlecht findet, guckt MSNBC. Dazwischen gibt es wenig. Das Fernsehen hat viel zur Spaltung des Landes beigetragen.

-Aber die Konservativen müssten Trump Affären wie mit der Pornodarstellerin Stormy Daniels doch übel nehmen.

Mich hat bei den Recherchen zu meinem Buch immer wieder überrascht, dass seine Sympathisanten alles entschuldigen. Ich war beispielsweise in Arizona an der Grenze zu Mexiko bei einem Cowboy zu Gast. Vor dem Abendessen haben wir gebetet. Dann habe ich ihn gefragt: „Jim, ich verstehe dass du die Mauer wünschst, weil die Drogenschmuggler über dein Grundstück laufen. Aber wie kann ein konservativer Christ einen Präsidenten wählen, der Schimpfwörter benutzt und offenbar seine Frau betrügt?“

-Und was hat er geantwortet?

Er sagte: „Ich wollte einen Präsidenten, der anders ist. Und das habe ich bekommen. Die anderen Dinge muss ich als Teil des Pakets akzeptieren.“

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-Wird sich das noch ändern? Haben die Amerikaner nicht doch irgendwann genug von all den Skandalen?

Ich habe nicht das Gefühl. Die Loyalität draußen im Land verstärkt sich eher, je größer der Gegenwind für Trump in Washington wird. Man darf nicht vergessen: Sein Sieg war eine Wahl gegen das politische, mediale und kulturelle Establishment.

-Das heißt: Wenn jetzt der schwer kranke republikanische Senator John McCain gegen Trump schießt, dringt er bei den Konservativen nicht durch – gerade weil er zum Establishment gehört?

Genau. Die Ironie dabei ist, dass 2008, als McCain gegen Barack Obama antrat, darüber diskutiert wurde, ob der temperamentvolle und cholerische McCain überhaupt als Präsident tragbar wäre. Heute gilt er plötzlich als Stimme der Vernunft.

-Viele US-Medien und Politiker hatten die Sorgen und Nöte der ländlichen Bevölkerung nicht auf dem Schirm – deshalb waren sie vom Trump-Erfolg auch so überrascht. Haben sie aus den Fehlern gelernt?

Ich glaube schon. Auch ich selbst habe sehr schnell entschieden, dass ich raus aus Washington muss, um mit den Menschen zu reden, die Trump gewählt haben und nicht nur über diese Menschen. Für mein Buch habe ich mich umgehört entlang der Route 66, in Las Vegas und in Silicon Valley. Ich habe Cowboy-Kids in Texas getroffen, einen Sheriff an der Grenze zu Mexiko, Arbeiter in Kentucky, Öl-Lobbyisten in Alaska. In West Virginia erzählte mir ein Kohlekumpel von seiner Sorge, dass ihm die Demokraten mit ihrer Umweltpolitik den Job wegnehmen. Da ist mir aufgefallen, wie viele Amerikaner sich von diesem Establishment vergessen, verraten, ja verachtet gefühlt haben.

-Gibt es daraus etwas, was man für Deutschland lernen könnte – auch im Umgang mit der AfD?

Ich denke schon, dass es Parallelen gibt. Da sollten wir Deutschen nicht arrogant auf die USA blicken: Die Angst vor der Globalisierung ist auch in Europa weit verbreitet. Man muss den Menschen zuhören: Nicht jeder Bürger, der Sorgen artikuliert, ist ein Rassist. Hier in Washington wird immer von der „Bubble“ gesprochen, der Blase, die man verlassen muss, um andere zu verstehen.

-Was haben Sie noch zu hören bekommen?

Mir haben hier viele frühere Wähler der Demokraten erzählt, dass sich die Partei nicht mehr um die Jobsicherheit von Arbeitern kümmert, sondern lieber um genügend Transgender-Toiletten. Das Ergebnis konnte man am Wahltag sehen.

-Gibt es die Demokraten eigentlich noch? Trump liefert so viele Vorlagen, dass es für jede Opposition ein Fest sein müsste. Aber man hört nichts.

Richtig. Die Demokraten sind sowohl personell als auch programmatisch überraschend schwach.

-Und das kurz vor den Midterm-Elections des Kongresses im Herbst...

Wenn es gut für sie läuft, könnten die Demokraten das Repräsentantenhaus gewinnen, den Senat aber wohl nicht. Es ist ihnen bisher nicht gelungen, Wechselstimmung zu erzeugen.

-In Deutschland kann man sich schwer vorstellen, dass Trump eine zweite Amtszeit bekommt. Bei Ihnen klingt das anders.

Für viele Amerikaner zählt in erster Linie die Wirtschaft. Die Arbeitslosenzahl ist niedrig, die Stimmung an der Börse gut. Nach den Eindrücken meiner Reisen hat Trump gute Chancen, wiedergewählt zu werden.

Interview: Mike Schier

Das Buch:

Jan Philipp Burgard, Ausgeträumt, Amerika? Unterwegs in einem gespaltenen Land, Rowohlt, 207 Seiten, € 14,99 Euro

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