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Dieses Bild aus dem Video des mutmasslichen Attentäters von Christchurch zeigt ihn während der Fahrt in einem Auto.

Peter R. Neumann im Interview

Experte nach Christchurch: Rechter Terror wird genauso bedrohlich wie islamistischer

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Der Terror-Experte Peter R. Neumann, 44, vom Londoner King’s College warnt vor einer extremistischen Subkultur im Internet und glaubt: Rechter Terror wird genauso bedrohlich wie islamistischer.

München – In einem Manifest gibt sich der Hauptattentäter von Christchurch als Bewunderer des Massenmörders Anders Breivik und Rechtsextremist zu erkennen. Welche Entwicklung nimmt der rechte Terror? Ein Interview mit Terror-Experte Peter R. Neumann, 44, vom Londoner King’s College.

Herr Neumann, der Täter bezeichnet Anders Breivik, der 77 Menschen getötet hat, als Inspiration. Klingt ziemlich verstörend...

Breivik ist eine Strahlfigur für Leute, die sich in virtuellen rechtsextremen Subkulturen bewegen. In Chatforen wie „4chan“ wird er als Held verehrt, als Mann der Tat. Viele derer, die dort unterwegs sind, sehen sich als moderne Kreuzritter, die den Westen vor muslimischen Invasoren schützen müssen. Ich bin ziemlich sicher, dass der Christchurch-Attentäter Teil eines dieser Foren war.

Man denkt bei Terror fast reflexhaft an Islamismus...

Peter R. Neumann Terrorismusforscher in London.

Terror hat die Absicht, eine Botschaft über den Anschlag hinaus zu senden. Das ist hier ganz klar der Fall und ich glaube, dass es mehr solcher Anschläge geben wird. Das ist auch das Ergebnis der Polarisierung unserer Gesellschaft. Ich finde das sehr gefährlich. In seinem Manifest bezieht sich der Täter ja direkt auf dschihadistische Anschläge und sagt, diese Tat sei seine Vergeltung. Das kann eine Gegenreaktion zur Folge haben und so weiter.

Unterschätzen wir die rechtsterroristische Szene?

Natürlich beobachten die Sicherheitsbehörden in allen westlichen Ländern Rechtsextremisten. Meine Vermutung ist aber, dass sie sich dabei zu sehr auf die aufmarschierende Kameradschaft in Sachsen konzentrieren und zu wenig auf die diffuse Subkultur im Internet, die Breivik oder auch den aktuellen Attentäter hervorgebracht hat.

Sie beobachten den falschen Teil der Szene?

So kann man das sagen, ja.

Wie gut ist die Szene im Internet organisiert?

Nicht besonders gut. Sie ist relativ chaotisch und anarchistisch. Natürlich entstehen „virtuelle Milieus“, in denen sich Menschen weltweit vernetzen, Briten, Amerikaner, sicher auch Deutsche. Die Netzwerke dienen aber nicht so sehr dazu, einen Anschlag operativ vorzubereiten, sondern eher dazu, sich gegenseitig anzufeuern. Und manchmal kommt es dabei zu einer Art sozialem Druck nach dem Motto: Macht doch endlich mal was, statt nur vor dem Computer zu sitzen.

Mehr zum Thema: Attentat mit 50 Toten: Australischer Todes-Schütze kommt in Neuseeland vor Gericht

Klingt nach vielen kleinen tickenden Zeitbomben...

Das könnte sein. Aber bei Terrorismus ist es ja so, dass viel weniger passiert, als man sich vorstellen könnte. Die dschihadistische Szene in Deutschland umfasst 2000 bis 3000 Leute: Es könnte täglich irgendein Anschlag stattfinden, aber so ist es nicht. Bei Rechtsextremisten ist das genauso.

Der islamistische Terror nimmt ab. Ist Rechtsterror die neue große Gefahr?

Es stimmt, große Anschläge wie in Paris und Brüssel hat es länger nicht gegeben. Ich würde trotzdem warnen, zu sagen, die Gefahr des islamistischen Terrors sei vorbei. Ist sie nicht. Aber ja: Wir müssen uns darauf einstellen, dass rechtsextremistischer Terror eine genauso ernsthafte Bedrohung für uns wird.

„Bevölkerungsaustausch ist die beliebteste Verschwörungstheorie rechter Gruppen“

Der Attentäter schreibt von „Bevölkerungsaustausch“ und „Invasion“. Solche Worte fallen auch im Bundestag...

Das sind genau die Argumente, die Identitäre oder Rechtspopulisten formulieren. Der große Bevölkerungsaustausch ist momentan die beliebteste Verschwörungstheorie rechter Gruppen. Die Idee, dass Muslime Invasoren sind, äußert Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban jede Woche. Wenn existenzielle Bedrohungsszenarien rhetorisch so konstruiert werden, darf man sich nicht wundern, dass manche wenige darauf ähnlich extrem reagieren.

Welche Antwort braucht es nach diesem Attentat?

Das Ansteigen des Problems auf der rechten Seite muss artikuliert und zu einer Priorität gemacht werden. Die Sicherheitsbehörden müssen in den Subkulturen im Internet genauso präsent sein wie auf einem Marktplatz, auf dem sich Rechtsextremisten treffen. Das ist nicht so schwer, die Foren sind durchlässig. Hier ist noch Luft nach oben.

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