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In der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft wird die sogenannten "Jamaika-Koalition" zwischen CDU, CSU, FDP und Bündnis 90/Die Grünen in Sondierungsgesprächen verhandelt.

„Je müder, desto starrsinniger“

Experte: Das richten die nächtlichen Jamaika-Verhandlungen bei den Beteiligten an

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Nächtelang sitzen die Parteispitzen in Berlin bei den Jamaica-Sondierungen zusammen. Welche Auswirkungen hat das auf die Verhandlungen? Der Sozialpsychologe Jan Häusser erklärt, warum das sogar kontraproduktiv sein kann.

München – Jan Häusser hat erforscht, wie sich Schlafmangel auf die Entscheidungen von Gruppen auswirkt. Im Interview spricht er über die Macht der Nacht und die rauschähnlichen Folgen von Schlafmangel. In unserem News-Ticker erfahren Sie alle aktuellen Entwicklungen rund um die Sondierungsgespräche.

Die Sondierungen von Union, FDP und Grünen sind auf der Zielgeraden. Welche Rolle spielt Müdigkeit?

Jan Häusser: Es tut Verhandlungen nicht besonders gut, wenn man die Nächte durchmacht. Müde Menschen tun sich schwerer, die Wünsche der Gegenseite aufzunehmen. Schlafmangel führt auch dazu, dass Leute stärker an ihrem einmal beschlossenen Vorgehen festhalten. Zugespitzt: Je müder, desto starrsinniger.

Klingt nach dem, was CSU und Grüne jetzt schon von sich geben – und zwar am helllichten Tag.

Häusser: (lacht) Man muss unterscheiden zwischen der Position und dem dahinter liegenden Interesse. Eine Position wird nach außen hin trompetet – 200 000 als Obergrenze für Asylsuchende oder Kohle-Ausstieg bis 2030. Aber das sind zunächst nur Zahlen.

Wichtiger ist also das grundlegende Interesse?

Häusser: Genau. Für einen Verhandlungserfolg muss man erkennen, warum mir selbst oder der Gegenseite eine Position wichtig ist. Ob man 2030 oder 2032 aus der Kohle aussteigt, ist relativ egal. Es geht um das Interesse, in diesem Fall die Reduzierung von Emissionen. Dann können die anderen auch alternative Wege zu diesem Ziel anbieten.

Irgendwann in der Nacht muss man die eigene Maximalforderung fallen lassen?

Häusser: Anders geht es nicht. Man muss über die Interessen sprechen. Ein Beispiel aus der Management-Forschung: Zwei Schwestern streiten sich um eine Orange. Man könnte sie einfach teilen – oder beide fragen, warum sie die Orange wollen. Nun stellt sich raus: Die eine möchte Saft, braucht das Fruchtfleisch. Die andere möchte einen Kuchen backen, braucht die Schale.

Nettes Beispiel. Aber wie kann man es auf die Vielleicht-Jamaikaner übertragen?

Häusser: Das ist natürlich komplexer. Beispiel Obergrenze: Sicher ist problematisch, dass diese Zahl 200 000 beliebig wirkt. Die müsste man viel besser begründen. Dieses laute Fordern hängt wohl auch mit einem anderen strategischen Ziel zusammen – der Landtagswahl in Bayern 2018.

Zunächst geht es aber um Schwarz-Gelb-Grün. Angela Merkel gilt als Meisterin der schlaflosen Nacht, abgehärtet in Brüssel. Ein Vorteil für sie?

Häusser: Ja, das denke ich schon. Allerdings sagen viele Politiker von sich, dass sie nicht viel Schlaf benötigen. Schon Winston Churchill betonte das. Wer acht Stunden Schlaf braucht, hat kaum eine Chance im politischen Betrieb.

Es heißt: Wer dauernd vier Stunden oder weniger schläft, rutscht bald in eine Art betrunkenen Zustand.

Häusser: Man nennt das Schlafschuld. Es gibt Studien, die Folgen von akutem Schlafmangel mit denen von Trunkenheit vergleichen. Da kommt man als Übermüdeter in einen Zustand von 0,5 bis ein Promille. Auto fahren ginge dann theoretisch nicht mehr.

Koalitionen verhandeln schon. Und kürzere Pausen gibt es immerhin auch in der Nacht. Wie nutzt man die am besten?

Häusser: Kaffee, Bewegung. Auch einige Minuten Mikro-Schlaf ist möglich, Piloten machen das gerne. Aber jeder ist anders. Hillary Clinton hat sich immer mit sehr scharfen Chilischoten wach gehalten. Und generell gilt: In diesen Gesprächen geht es um sehr viel. Das erhöht die Motivation, wach zu bleiben.

Lesen Sie hier einen Kommentar zu dem Thema: „Sondierer am Rande des Nervenzusammenbruchs“.

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