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Streitthema: Der Familiennachzug von Flüchtlingen.

Wie viele sind es denn nun?

Experte: So einfach wäre das Zahlen-Rätsel um den Familiennachzug zu lösen

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Beim Thema Familiennachzug hantieren die Jamaika-Sondierer mit vielen Zahlen, die sich widersprechen. Ein Experte erklärt, wie viel davon Spekulation und Fantasie entspringt.

München – Manchmal wäre die Lösung des Problems ganz einfach. Im Streit um den Familiennachzug zum Beispiel müssten die Behörden den Asylbewerbern nur zwei Fragen stellen: Sind Sie verheiratet? Wie viele Kinder haben Sie? Dann könnten sie berechnen, wie viele Nachreisende zu erwarten sind – und würden den Jamaika-Sondierern viel Ärger ersparen. Gerade tobt um den Familiennachzug nämlich ein Riesenkrach, durch den die geplante Koalition scheitern könnte.

Leider werden die Familienverhältnisse im Asylverfahren aber nicht erfasst. Es gibt daher nur einen Haufen Spekulationen. Bei der CSU reden sie von bis zu 750 000 Personen, die im kommenden Jahr über den Nachzug einreisen könnten, bei der CDU von 300 000. Die Grünen sehen nur bis zu 60 000. Wer hat also Recht?

Herbert Brücker, Experte für Migration und Integration aus Nürnberg

„Es gibt nur eine Möglichkeit“, sagt Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. „Man muss nachfragen und hochrechnen.“ Brücker und sein Team haben das gemacht – bislang als Einzige in Deutschland, sagt er. In einer repräsentativen Befragung erfassten sie die Daten von 75 Prozent aller Schutzsuchenden, die im Zeitraum von 1. Januar 2013 bis 31. Januar 2016 nach Deutschland kamen. Das Ergebnis: Pro Asylbewerber gebe es im Schnitt 0,28 Nachzugsberechtigte. „Nur 46 Prozent der Flüchtlinge sind überhaupt verheiratet“, sagt der Experte, „und nur 43 Prozent haben Kinder.“ Die meisten von denen seien schon im Land – nur 26 Prozent der Ehepartner und 31 Prozent der Kinder noch nicht.

Der Jamaika-Streit konzentriert sich nicht auf alle Asylbewerber, sondern auf die subsidiär Schutzberechtigten. In dieser Gruppe sind bis zum Jahresende etwa 200 000 Personen, die wegen grundsätzlichen Bedrohungen in ihrer Heimat zeitweise geduldet werden. Für sie bleibt der Nachzug von Ehepartnern und minderjährigen Kindern bis März 2018 ausgesetzt – geht es nach dem Willen von Union und FDP, auch länger. Brückers Erkenntnissen zufolge würde eine Aufhebung des Stopps 60 000 Nachkommende bedeuten – zusätzlich zu bis zu 120 000, die auch jetzt von anerkannten Asylbewerbern nachgeholt werden dürften.

In Summe ist beides deutlich weniger als von der CSU erwartet. „Deren Zahlen sind viel Spekulation und Fantasie“, sagt der Fachbereichsleiter für Migration und Integration. „Sie sollen demonstrieren, dass man grundsätzlich gegen Familiennachzug ist.“ Die CSU-Werte ergäben nur Sinn, „wenn jeder Asylbewerber einen Ehepartner und sechs Kinder im Ausland hätte. Das ist Quatsch.“

Die Bundesregierung zweifelt aber an der Verlässlichkeit der Daten. „Nachhaltig belegbare Zahlen“ gebe es nicht, sagt das Innenministerium. Generell passt viel nicht zusammen. Laut einem Blick in die Statistik des Außenministeriums bemühten sich zuletzt 70 000 Syrer und Iraker an den deutschen Auslandsvertretungen um Familiennachzug. Von 2015 bis Mitte 2017 erteilte das Auswärtige Amt 102 000 Visa. In den vergangenen 20 Jahren habe ein Flüchtling durchschnittlich einen Angehörigen nachgeholt, heißt es. Bei Irakern und Syrern (die meist subsidiär geduldet werden) sei die Quote niedriger. Von Anfang 2015 bis Ende 2018 könnten laut Auswärtigem Amt insgesamt bis zu 280 000 Personen einreisen – wieder eine neue Zahl.

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