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Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Fachleute sollen mit einer Stimme sprechen

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Von: Markus Hofstetter

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Die Bundesregierung hat einen Expertenrat für Fragen rund um das Coronavirus installiert. Darin sollen nicht nur mehr wissenschaftliche Disziplinen zu Wort kommen.

Berlin - Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat einen neuen Corona-Expertenrat installiert, der am 14. Dezember seine Arbeit aufnahm. Danach soll er im Wochenabstand tagen. Der Expertenrat ist nicht mit dem Corona-Krisenstab zu verwechseln, den General Carsten Breuer leitet. Beide Gremien sind im Kanzleramt angedockt.

Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Expertisen sollen Grundlage für politische Entscheidungen sein

Der Expertenrats soll wissenschaftliche Expertisen liefern, auf die sich die Bundesregierung bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie in Deutschland stützen kann. Für Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) soll eine enge Zusammenarbeit mit diesem Gremium die Grundlage für seine Politik sein. Scholz erwartet von dem Expertenrat nach eigenen Worten Vorschläge, die die Regierung ihren Entscheidungen mit zugrunde legen kann.

Dem Expertenrat gehören insgesamt 19 Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Bereichen an. Darunter sind Virologen, Epidemiologen, Soziologen und Psychologen sowie weitere Fachleute. Diese sollen unterschiedliche Positionen innerhalb und zwischen den Disziplinen in Bezug auf die Corona-Bekämpfung geräuschlos unter einen Hut zu bringen und mit einer Stimme sprechen.

Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Konflikte sollen innerhalb des Gremiums ausgetragen werden

Das war in der Vergangenheit teils nicht gelungen. Bestes Beispiel sind Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, und Hendrik Streeck, Leiter des Virologischen Instituts der Uniklinik Bonn. Die Wissenschaftler, die beide dem Expertenrat angehören, hatten sich in der Vergangenheit teils sehr unterschiedlich zur Bewältigung der Corona-Krise geäußert.

Hendrik Streeck (li), Direktor am Institut für Virologie im Universitätsklinikum Bonn, Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité
Hendrik Streeck (li) und Christian Drosten haben sich in der Vergangenheit unterschiedlich zur Bewältigung der Corona-Krise geäußert © dpa/picture alliance

So hat Drosten sich für härtere Grundrechtseingriffe ausgesprochen, während Streeck für weniger harte Maßnahmen eintrat. Anders als Drosten war Streeck unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nicht zu Corona-Beratungen hinzugezogen worden. Mithilfe des Expertenrates sollen bisher öffentlich ausgetragenen Konflikte vermieden werden, auch um Verunsicherungen in der Bevölkerung vorzubeugen.

Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Bisher nicht berücksichtigte Disziplinen sollen zu Wort kommen

Der Expertenrat deckt die vielen unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen ab, die bisher bei politischen Entscheidungen wenig berücksichtigt wurden. Dadurch soll die Datenbasis für die Expertisen verbreitert werden. So sind mit Reinhard Berner und Jörg Dötsch Fachleute für Kinder- und Jugendmedizin vertreten, die an Studien etwa zum Infektionsgeschehen in Schulen und Kitas beteiligt sind. Sie könnten wertvollen Input liefern, wie sich Schulschließungen vermeiden lassen.

Eine bisher wenig beachtete Perspektive ist die Psychologie. Dieses Manko wurde mit der Berufung von Ralph Hertwig behoben. Hertwig ist Psychologe und Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin. Von ihm könnte Hinweise kommen, wie man Skeptiker zum Impfen bewegen kann und welche Anreize von politischer Seite wirken könnten.

Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Erste Stellungnahme veröffentlicht

Der neue Corona-Expertenrat der Bundesregierung muss sich schon kurz nach seiner Berufung beweisen. Bereits am 19. Dezember veröffentlichte das Gremium eine Stellungnahme. Darin wird „Handlungsbedarf“ für die kommenden Tage gesehen. „Wirksame bundesweit abgestimmte Gegenmaßnahmen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens sind vorzubereiten, insbesondere gut geplante und gut kommunizierte Kontaktbeschränkungen“, heißt es darin.

Für die kommenden Wochen und Monate erwartet der Expertenrat „enorme Herausforderungen“. In dem Dokument heißt es: „Die Omikronwelle trifft auf eine Bevölkerung, die durch eine fast zweijährige Pandemie und deren Bekämpfung erschöpft ist und in der massive Spannungen täglich offenkundig sind.“ Eine umfassende Kommunikationsstrategie mit nachvollziehbaren Erklärungen der neuen Risikosituation und der daraus folgenden Maßnahmen sei essenziell. Die Omikronwelle lasse sich in dieser hochdynamischen Lage nur durch entschlossenes und nachhaltiges politisches Handeln bewältigen.

Rolle des Expertenrats in der Corona-Pandemie: Dokument wurde einstimmig verabschiedet

In der vierten und bislang stärksten Infektionswelle nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie arbeite das deutsche Gesundheitssystem aktuell unter sehr hoher Last, heißt es. Schwerwiegende Verluste im Personalbereich der Krankenhäuser seien eingetreten und würden weiter zunehmen. „Die aktuell sinkenden Inzidenzen werden von weiten Teilen der Gesellschaft und Politik als Zeichen der Entspannung wahrgenommen. Die zu erwartende Meldeverzögerung über die kommenden Feiertage wird diesen Eindruck weiter verstärken.“ Dieser sei aber nicht gerechtfertigt.

Eine von der Politik gestellte Aufgabe haben die Experten mit der Stellungnahme bereits erfüllt. Denn am Ende des Dokuments ist prominent zu sehen, dass es einstimmig verabschiedet wurde.

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