Protest

Fachärzte: "Es geht um die Existenz"

München - In Bayern blieben gestern viele Facharztpraxen geschlossen. Auch in München beteiligten sich etwa 80 Prozent der Mediziner an dem Protest gegen die neue Honorarreform. Diese macht ihrer Ansicht nach eine angemessene Versorgung der Patienten unmöglich.

Selbst eisiger Schneeregen kann die Wut der Fachärzte nicht kühlen. "Wir werden behandelt wie Underdogs", schimpft ein Augenarzt. "So kann man keinen Kassenpatienten auch nur annähernd vernünftig behandeln", fällt ein Gynäkologe ein - und zieht dabei seine OP-Mütze etwas tiefer.

Der Anblick ist mittlerweile nicht mehr neu: Die einstigen Halbgötter in Weiß sammeln sich Transparente schwenkend zur Straßendemo. Nach den Klinik- und Hausärzten treibt die neueste Reform jetzt auch die Vertreter des dritten Standbeins des deutschen Gesundheitssystems auf die Straße: die niedergelassenen Fachärzte. Überall in Bayern formiert sich der Protest. In Miesbach wollen die Fachärzte ab kommenden Montag ihre Praxen sogar für zwei Wochen zusperren. In München sammelten sich gestern etwa 250 Mediziner zum Protestzug zur Staatskanzlei.

Auf dem Marienplatz stehen Augenärzte und Gynäkologen, Psychiater und Orthopäden. Sie alle haben verschiedene Probleme. Eine halbe Stunde Beratung pro Quartal und Patient, das werde ihm künftig noch von der Kasse erstattet, sagt ein Psychiater empört. "Stellen Sie sich das bei einem schwer depressiven Patienten vor!" "Eine Investition in neue Geräte ist nicht möglich", bekräftigt indes ein Kardiologe. Aber alle eint der Frust über ständig neue Regelungen und Kürzungen. Seit Jahren sorgen diese für wachsenden Unmut. Doch die jüngste Honorarreform hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Denn jetzt geht es für viele ums Überleben. "Stoppt den Ärzte-Tod", fordert ein Transparent.

Besonders ein Schlagwort hätte dabei beste Chancen als Anwärter für das Unwort des Jahres: Regelleistungsvolumina. Seit 1. Januar bestimmen diese Fixbeträge, wie viel ein Facharzt pro Patient und Quartal bekommt. Das dumpfe Murren über begrenzte Budgets und unsichere Punktwerte hat sich seither in einen lauten Protest gewandelt. 21 Euro erhält ein Augenarzt pro Kassenpatient und Quartal. 16 Euro ein Gynäkologe. Ob der Patient einmal oder fünfmal in die Praxis kommt, macht keinen Unterschied. Zwar können Fachärzte zudem sogenannte "freie Leistungen", etwa ambulante OPs, abrechnen. Doch Tatsache ist: Durch die Reform erhalten sie bis zu 50 Prozent weniger.

Für viele steht fest: Die Politik will den Tod des niedergelassenen Facharztes. Doch statt das klar zu sagen, nützt sie lieber eine Taktik: Sie hungert die Praxen aus. Doch das wollen sich die Ärzte nicht gefallen lassen - auch zum Wohle der Patienten.
Denn für diese, davon sind die Spezialisten überzeugt, hat die neue Reform kaum absehbare Folgen. Lange Wartezeiten und eine schlechtere Versorgung, schließlich der Zusammenbruch der flächendeckenden, wohnortnahen Facharzt-Versorgung - das sei die Zukunft. Vor allem ältere und schwer kranke Patienten hätten darunter zu leiden.

Um dies zu verhindern, haben die Fachärzte eine Liste mit Forderungen ausgearbeitet. Doch lassen sich diese auf einen Punkt bringen: "Für gute Leistung ein angemessenes Honorar", sagt Thomas Scharmann, Landesvorsitzender der Gemeinschaft Fachärztlicher Berufsverbände. Für dieses Ziel wollen die Fachärzte kämpfen, wenn nötig mit weiteren Protesten.

Unterstützung erhalten sie vom bayerischen Gesundheitsminister Söder. Er will eine Initiative im Bundesrat starten, um zum alten Vergütungssystem zurückzukehren. "Die Honorarreform ist gescheitert."

Sonja Gibis

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

UN-Klimakonferenz: Minister beginnen Verhandlungen
Madrid (dpa) - Auf der UN-Klimakonferenz in Madrid präsentiert die Entwicklungsorganisation Germanwatch heute den neuen Klimaschutz-Index, der die Bemühungen der Staaten …
UN-Klimakonferenz: Minister beginnen Verhandlungen
Ukraine-Friedensgipfel mit Merkel in Paris - Putin und Selenskyj einigen sich auf nächste Schritte
Beim Friedens-Gipfel für die Ukraine in Paris treffen Putin und Selenskyj erstmals aufeinander. Merkel und Macron wollen als Vermittler fungieren.
Ukraine-Friedensgipfel mit Merkel in Paris - Putin und Selenskyj einigen sich auf nächste Schritte
Nerven liegen blank: Streit um Foto eines kranken Jungen - Johnson entreißt Reporter das Handy
Am 12. Dezember finden die Wahlen in Großbritannien statt. Auf den letzten Metern scheinen die Nerven blank zu liegen - dafür spricht eine schräge Szene bei einem …
Nerven liegen blank: Streit um Foto eines kranken Jungen - Johnson entreißt Reporter das Handy
„Höchst fragwürdige Praxis“ im Kanzleramt: Heftige Kritik an Angela Merkel 
Bundeskanzlerin Angela Merkel sieht sich aktuell scharfer Kritik ausgesetzt: Sie soll Parteimitgliedern, wie AKK, auch ohne Regierungsamt Zugang zu Regierungstreffen …
„Höchst fragwürdige Praxis“ im Kanzleramt: Heftige Kritik an Angela Merkel 

Kommentare