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Demonstranten setzen sich für die Freilassung von Deniz Yücel ein – in Berlin, nicht in Ankara.

Journalist in Polizeigewahrsam

Pressefreiheit in der Türkei: „Es war noch nie so finster“

Seit mehr als einer Woche befindet sich „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel in türkischem Polizeigewahrsam. Sein Fall zeigt exemplarisch, in welch schwieriger Lage sich Journalisten in der Türkei derzeit befinden.

München – 154 Journalisten sitzen derzeit in türkischen Gefängnissen. Seit dem 17. Februar dieses Jahres befindet sich auch einer in Polizeigewahrsam, dessen Inhaftierung in Deutschland besonders hohe Wellen schlägt: Der „Welt“-Korrespondent Deniz Yücel. Die türkische Regierung verdächtigt ihn, „Mitglied einer Terrorbande“ zu sein sowie „Datenmissbrauch“ betrieben zu haben. Grund dafür sind vor allem zwei Artikel Yücels, die gegen Ende 2016 erschienen sind: Darin berichtete er über türkische Ölgeschäfte mit Kurden im Irak sowie über eventuelle Waffenlieferungen von türkischem Territorium an den „Islamischen Staat“. Die Informationen dazu stammten aus E-Mails von Berat Albayrak, dem Schwiegersohn und Energieminister Erdogans.

Berichten, aber nicht auffallen

Zwei Wochen nach Erscheinen des zweiten Artikels suchte Yücel Zuflucht auf dem Gelände der Kulturakademie in Tarabya und wandte sich mit der Bitte um Schutz an das deutsche Generalkonsulat. Der Axel-Springer-Verlag, zu dem Yücels Arbeitgeber „Die Welt“ gehört, wusste von der bedrohlichen Situation, in der sich sein Korrespondent befand. Auf der Suche nach Lösungsmöglichkeiten wurden konkrete Informationen aber zunächst zurückgehalten. Der Fall Deniz Yücel hieß schlicht „die Angelegenheit“ oder „Fall Ypsilon“.

Besonders kompliziert wird „Fall Ypsilon“ auch dadurch, dass Yücel neben einem deutschen Pass auch die türkische Staatsbürgerschaft besitzt – deshalb konnte er trotz fehlender Presseakkreditierung im Land bleiben und arbeiten. Aufgrund seines türkischen Passes wird er nun aber nicht wie ein Auslandskorrespondent behandelt, sondern wie ein türkischer Journalist. Und unliebsame einheimische Reporter landen unter Erdogans Regie hinter Gittern.

Gefahr vor allem für türkische Journalisten

Die 350 akkreditierten Auslandskorrespondenten in der Türkei laufen weniger Gefahr, inhaftiert zu werden, als einheimische Journalisten. „Im Moment ist es das Beste, keinen türkischen Pass zu haben“, erklärt der Korrespondent einer deutschen Tageszeitung, der namentlich nicht genannt werden will. Stattdessen bedient sich die türkische Regierung meist anderer Schikanen: Als ausländischer Journalist ist man darauf angewiesen, für seine Arbeit eine Pressekarte zu bekommen – das sogenannte „Ikamet“. An diese Karte ist auch die Aufenthaltsgenehmigung für die Türkei geknüpft. Alle ausländischen Journalisten müssen die Karte Ende des Jahres beantragen, und hier beginnt das Problem: Manche bekommen sie schnell, manche warten mehrere Wochen. Kein Korrespondent kann erklären, wie genau die Karten vergeben werden: „Das scheint relativ willkürlich zu sein“. Dem „Spiegel“-Korrespondenten Hasnain Kazim etwa wurde die Pressekarte verweigert, er arbeitet seither aus Wien.

Die Türkei macht gezielt Druck

Die türkische Regierung nutzt das Vergabeverfahren gezielt, um Druck auf ausländische Journalisten auszuüben und sie bei Missfallen aus dem Land zu drängen. Ein weiterer Korrespondent, der seit vielen Jahren in der Türkei arbeitet und ebenfalls anonym bleiben will, erklärt die Vorgehensweise der türkischen Regierung ungefähr so: „An erster Stelle wird auf das deutsche Fernsehen und die TV-Korrespondenten geachtet. Danach kommen ,Bild‘ und ,Spiegel‘, das sind die Wichtigsten. Natürlich ist zum Beispiel ein ,Spiegel‘-Korrespondent mehr im Fokus als der Korrespondent einer kleineren Zeitung. Im Moment ist es das Beste, unter dem Radar zu bleiben.“

Yücel fiel auf, seine Verhaftung soll einschüchtern

Unter dem Radar bleiben heißt: berichten, aber bloß nicht auffallen. Doch das ist gar nicht so einfach. In Ankara wird täglich die internationale Presse ausgewertet, darunter auch die deutschen Medien. Übersetzer übertragen jeden erschienenen Text ins Türkische, damit Erdogans Regierung im Bilde bleibt, was im Ausland über sie geschrieben oder gesendet wird. Yücel lag weniger daran, unter dem Radar zu bleiben, sein spezieller Stil und sein Renommee ließen ihn schneller auffallen als andere. Viele halten ihn für den besten deutschen Türkei-Korrespondenten, an dem man thematisch kaum vorbeikommt. „Er war der Exponierteste von uns allen“, sagt der deutsche Tageszeitungs-Korrespondent. Der zweite: „Dass sie so jemanden in Haft stecken, hat mich trotzdem überrascht. Der Sinn der Sache ist, alle anderen einzuschüchtern – was teilweise auch gelingt. Man denkt schon mehr nach. Das zu bestreiten wäre Quatsch.“

Wenn jemand redet, dann anonym

Mehr nachdenken, mehr abwägen, immer noch vorsichtiger sein: Das ist ein großes Problem der Korrespondenten. Das andere lautet: Woher bekomme ich eigentlich Informationen? Erdogan spricht zwar fast täglich im türkischen Fernsehen, doch ansonsten fährt seine Partei AKP spätestens seit den Gezi-Protesten 2013 eine Nicht-Informations-Politik. Termine bei Ministern gibt es für Journalisten quasi nie, die Korrespondenten sprechen daher vor allem mit der Opposition. Tatsächlich existieren immerhin einige Whatsapp-Gruppen, in denen etwa der Sprecher des türkischen Außenministeriums Einladungen oder Ankündigungen verbreitet. Manche Journalisten nutzen sie, andere nicht – weil sie „nicht wirklich von Belang“ seien. Auch die Frequenz scheint abzunehmen: Kurz nach dem Putschversuch im Juli 2016 gab es relativ häufig Informationen über diese Whatsapp-Quellen. Mittlerweile passiert in den Chats nur noch wenig. Auch die Akquise von Gesprächspartnern außerhalb der Politik wird zunehmend schwieriger: „Die Leute haben Angst, einem etwas zu erzählen. Früher war es relativ einfach, jemanden zu finden, der Auskunft gab. Heute will niemand mehr etwas sagen.“ Sogar der sonst so redselige Basar-Händler scheut mittlerweile die Zusammenarbeit mit den Medien. Wenn überhaupt noch jemand redet, dann fast ausschließlich anonym.

„Noch nie so finster, wie jetzt“

„Ich mache meinen Job. Wenn ich rausmuss, muss ich raus“, sagt der deutsche Tageszeitungs-Korrespondent. Angst vor einer Inhaftierung hat er nicht, fast alle ausländischen Journalisten rechnen im Fall der Fälle eher mit einer Abschiebung als mit Gefängnis. Auch bei der Deutschen Presse-Agentur gibt man sich vergleichsweise optimistisch: „Die Arbeitsbedingungen in der Türkei sind für ausländische Korrespondenten derzeit nicht so schlecht, wie viele oft glauben. Sofern man Ausländer ist und professionell arbeitet, kann man die nötigen Themen recherchieren“. Kleiner Zusatz: „Unsere Korrespondenten in der Türkei sind durchweg krisenerfahren.“

Das kann nicht schaden. Der Korrespondent, der seit Jahren in der Türkei arbeitet und von dort berichtet, sagt: „Es war noch nie so finster wie jetzt.“

Tatjana Kerschbaumer

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