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Wieder vereint: Vergangenes Jahr hat das Auswärtige Amt 103.883 Visa zur Familienzusammenführung erteilt. Die Zahlen der Menschen, die nach Deutschland nachkommen, sind deutlich geringer als prognostiziert.

Deutlich niedriger als prognostiziert

Familiennachzug bei Flüchtlingen: „Die Zahlen werden hochgespielt“

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Laut einer aktuellen Studie kommen über den Familiennachzug deutlich weniger Menschen nach Deutschland als bisher angenommen. Auch die Asylhelfer in den Landkreisen berichten, dass die Zahlen sehr niedrig sind. Probleme bereitet ihnen allerdings etwas ganz anderes.

München – Prognosen bringen Jost Herrmann schon lange nicht mehr aus der Ruhe. Schon gar nicht, wenn es um das Thema Familiennachzug geht. Er ist Asylkoordinator im Kreis Weilheim-Schongau. Anfang des Jahres war von etwa 70 Menschen die Rede, die über den Familiennachzug in den Landkreis kommen würden. „Das Jahr ist fast zu Ende und bis jetzt waren es 35 Personen“, sagt Herrmann. Und für alle von ihnen hat sich schnell eine Lösung gefunden. Weil Kommunen und Ausländerbehörde pragmatisch zusammenarbeiten. „Das ganze Thema wird viel zu sehr aufgebauscht“, sagt Herrmann.

Nur ein Antrag in 2017 in Oberhaching

Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Auch Claudia Köhler, Sozialreferentin in Unterhaching (Kreis München), berichtet, die Zahlen würden „hochgespielt“. „In Oberhaching gab es in diesem Jahr nur einen einzigen Antrag“, sagt sie. Auch landkreisweit sind die Zahlen niedrig. 34 Menschen, die mit Visa nach Deutschland gekommen sind, leben aktuell in den Gemeinschaftsunterkünften und suchen nach einer Wohnung. „Dazu kommen noch einige, deren Angehörige hier bereits eine Wohnung gefunden haben“, sagt Köhler. „Aber um die müssen sich die Gemeinden ja nicht kümmern.“

Dass die Zahlen deutlich niedriger sind als vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) prognostiziert, ist nicht nur ein subjektiver Eindruck der Asylhelfer. Eine aktuelle Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat dasselbe ermittelt. Demnach kommen auf jeden anerkannten Flüchtling nur 0,28 Ehepartner oder minderjährige Kinder. Das BAMF war bisher von einem Nachzugsfaktor von 0,9 bis 1,2 ausgegangen. In Zahlen bedeutet das einen großen Unterschied. „Wir müssen für die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland eingereisten Flüchtlingevon 100.000 bis 120.000 nachziehenden Ehepartnern und Kindern ausgehen“, sagt der Migrationsforscher Herbert Brücker, der für die Studie gemeinsam mit seinem Team 4800 Flüchtlinge befragt hat. Diese Zahl hält er für bewältigbar. Das BAMF hatte bisher mit einer halben Million Menschen gerechnet.

„Nur etwa 45 Prozent der Asylbewerber sind verheiratet“

Es ist die bisher erste wissenschaftlich fundierte Studie zum Familiennachzug. Für Migrationsforscher Brücker ist das Ergebnis jedoch keine große Überraschung. „Nur etwa 45 Prozent der Asylbewerber sind verheiratet, und nur etwa genauso viele haben Kinder“, berichtet er. „Außerdem sind zwei Drittel der Familien zusammen geflüchtet.“ Der Kinderdurchschnitt liege bei 2,7 pro Familie. „Die wenigsten sind Großfamilien, so wie immer behauptet wird.“

90 bis 95 Prozent der Befragten hatten laut Brücker zwar angegeben, dass sie Familienangehörige gerne nachholen möchten. Doch in der Praxis gelinge das deutlich weniger Familien, berichtet er.

Einen Anspruch auf Familiennachzug haben nur anerkannte Flüchtlinge. Sie haben nach Abschluss des Asylverfahrens drei Monate Zeit, um bei den Ausländerbehörden in ihren Heimatländern einen entsprechenden Antrag zu stellen. Daran scheitert es im Alltag am häufigsten, erklärt Brücker. „In Syrien gibt es kein deutsches Konsulat, die Anträge müssen in Beirut im Libanon gestellt werden.“ Dafür sind Dokumente nötig, die vielen Familien fehlen.

Nachzügler müssen für Flug und die Visa zahlen

Auch das Geld für den Flug und die Visa müssen die Familien selbst aufbringen. „Es ist nur ein Gerücht, dass Deutschland ihnen die Flüge oder die Visakosten zahlen würde“, sagt Migrationsberaterin Lisa Braun-Schindler. „Deutschland gibt ihnen das Recht zu kommen – nicht mehr, nicht weniger.“ Ihr Landkreis Miesbach vergibt aber Darlehen an Flüchtlinge, die sie ratenweise abzahlen können. Dennoch liegen die Zahlen auch dort im zweistelligen Bereich. Aktuell weiß Braun-Schindler von 29 Anträgen, die 79 Personen betreffen. Diese Größenordnung sei gut zu bewältigen, betont sie. Auch in Miesbach arbeiten die Behörden eng zusammen, helfen, Wohnungen und pragmatische Lösungen zu finden.

„Das größte Problem ist, dass es immer schnell gehen muss“, berichtet Jost Herrmann aus Weilheim. „Wir erfahren nur wenige Tage vorher, dass Familien unterwegs sind.“ Das ist die Herausforderung, vor der die Helferkreise stehen. Viel Zeit bleibt ihnen meist nicht, um eine geeignete Wohnung zu finden. Außerdem helfen sie beim Deutschlernen, bei der Beantragung der Integrationskurse, bei der Einschulung der Kinder. „Das sind viele Aufgaben“, sagt Herrmann. Trotzdem ist er dankbar, dass es den Familiennachzug gibt. „Für die Integration ist er sehr wichtig“, betont er. Sie gelingt schneller, wenn die Sorge um die Familie wegfällt – und das schlechte Gewissen, die Angehörigen im Stich gelassen zu haben.

Lesen Sie auch: Bayerns Innenminister Herrmann: Beschränkung von Familiennachzug soll bleiben

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