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Abgang von der Berliner Bühne: Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Fraktionschef Rainer Brüderle und Parteichef Philipp Rösler, den seine Frau Wiebke tröstend an der Hand hält (von links).

FDP: Absturz ins Nichts

Berlin/München – Die Liberalen erleben ihr Waterloo. Zum ersten Mal seit 1949 sind sie letzten Hochrechnungen zufolge nicht mehr im Bundestag. Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle übernehmen die Verantwortung. Doch was kommt jetzt?

Es ist 18.20 Uhr, als der frühere FDP-Generalsekretär und jetzige NRW-Landeschef, Christian Lindner, vor die Kamera der ARD tritt. Mit versteinerter Miene, um Jahre gealtert. Die Prognose sieht die FDP in diesem Moment bei 4,7 Prozent. „Das ist die bitterste Stunde der Partei seit 1949“, sagt Lindner. Die Niederlage sei „so grundlegend und tiefgreifend“, dass die FDP „neu gedacht werden muss“.

Im Congress Center am Berliner Alexanderplatz, wo die Freidemokraten am Sonntagabend feiern wollten, zieht bei der Prognose ein entsetztes „Oooh“ durch den Saal. Zu der Grabesstimmung passt, dass der Ton der TV-Übertragung abgeschaltet bleibt. Die FDP-Spitze um Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle verfolgt die Schreckenszahlen, die sich in der Hochrechnung bestätigten, in einem Raum im Untergeschoss. Zum ersten Mal seit 1949 wird die FDP nicht mehr dem Bundestag angehören.

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Um 18.50 Uhr übernimmt ein bleicher Brüderle die Verantwortung für „das schlechteste Ergebnis, was wir bisher erreicht haben“. Noch bestünde aber Hoffnung, dass man den Sprung über die fünf Prozent schaffe, murmelt Brüderle. Aber so müde, wie er das vorbringt, scheint er selbst nicht daran zu glauben. Neben ihm stehen Parteichef Rösler, Generalsekretär Döring und Außenminister Westerwelle mit Gesichtern wie auf einer Beerdigung. Brüderle spricht von einer „schweren Stunde“. Die tröstlich gemeinte Bemerkung, „das ist nicht das Ende der Partei“, macht es nur noch schlimmer.

Sowohl Brüderle als auch Rösler werden den Neuanfang der Partei nicht mehr mitgestalten. Das sei die bitterste Stunde in der Geschichte der FDP, sagt Rösler resigniert. „Deshalb werde ich persönlich natürlich auch politisch dafür die notwendige Verantwortung übernehmen.“ Rösler, der bei Amtsantritt versprochen hatte, die FDP nie wieder zum Stimmvieh für den Kanzler zu machen, hatte die Partei am Ende auf eine würdelose Betteltour um Zweitstimmen geschickt.

Das sehen viele so. „Eine unsägliche Kampagne!“ schnaubt Lasse Becker, der Vorsitzende der Jungen Liberalen, einer Reporterin ins Mikrofon. „Man wählt niemanden, der sich selbst zum Wurm macht.“ Vier Millionen Zweitstimmen hat die FDP verloren, die meisten an die Union. Weitere 450 000 an die Euro-feindliche Alternative für Deutschland (AfD).

Die erste Demütigung erfahren die abgewählten Liberalen bereits am Abend: In der traditionelen „Elefantenrunde von ARD und ZDF sind sie gar nicht mehr eingeladen.

Eine „Katastrophe“ sagt auch Bayerns Noch-Wirtschaftsminister Martin Zeil. Das sei die „Quittung dafür, dass die FDP nach der letzten Bundestagswahl zu viele Leute enttäuscht hat“. Es sei aber nicht der Stil in Bayern, mit dem Finger auf bestimmte Personen zu zeigen, sagt Zeil unserer Zeitung. „Sondern es gibt eine Gesamtverantwortung der Führung.“ Es gelte die Zukunft zu sichern – „und das macht man nicht, indem man wie ein Hühnerhaufen auseinanderläuft“.

Ob Zeils Bayern selbst in geordneter Formation vorgehen, darf indes bezweifelt werden. Angesichts des desaströsen Wahlgebnisses steht auch in Bayern ein Führungswechsel an. Der Rückzug von Landeschefin Leutheusser-Schnarrenberger und Generalsekretärin Miriam Gruß gilt als sicher. „Die machen den Weg frei“, heißt es übereinstimmend, wohl freiwillig.

Heute oder morgen tagt die Landtagsfraktion zum letzten Mal, zumindest das, was von ihr noch übrig ist nach Rück- und Austritten. Am Montagabend trifft sich der Landesvorstand in der Münchner Geschäftsstelle, 5. Stock, Anfang Oktober folgt eine Klausur mit Wahlanalyse: Lecken sehr frischer Wunden. Und ein Scherbengericht.

Die Wut vor allem auf Gruß ist greifbar nach dem Drei-Prozent-Desaster der Landtagswahl und dem gestrigen Abend. Allerdings hat der Landesvorstand die als verkorkst betrachtete Kampagne selbst abgenickt, die angeblich unerfahrene Agentur selbst ausgewählt. Ein neuer Chef ist noch nicht ausgemacht. Zeil ist selbst unter Beschuss. Leutheusser-Schnarrenbergers Liebling Thomas Hacker sei „vorübergehend mit einer zu großen Hypothek belastet“, sagt ein hoher Liberaler: Der Noch-Fraktionschef ist einer der Wahlverlierer, zog wochenlang mit dem Kuschel-Mantra durch Bayern, die FDP hole „acht Prozent plus x“. Landesgruppenchef Horst Meierhofer (41) wird nun als Option genannt, im Tandem mit einem jungen Landespolitiker als General, etwa dem Finanzexperten Karsten Klein (35). Beide sind weithin unbekannt, könnten aber die auch finanziell angeschlagene Landespartei mit einem langen Atem neu aufstellen.

Die Hoffnung der Bundes-FDP dürfte indes jetzt bei Christian Lindner liegen. Er hatte die FDP im letzten Jahr bei der Wahl in NRW mit 8,6 Prozent in den Landtag gebracht. Das neue Zentrum der Liberalen der außerparlamentarischen FDP wäre demnach Düsseldorf.

Monika Reuter und Christian Deutschländer

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