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FDP-Chef Christian Lindner beim Merkur-Interview in der Redaktion in München.

Vor der Bundestagswahl

FDP-Chef Lindner im Merkur-Interview: „Wir wollen Mut statt Angst“

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Viele sehen ihn als Lichtgestalt der FDP, er selbst sieht sich als unglamourösen Wahlkämpfer. Ein Gespräch mit Christian Lindner, der erklärt, warum Deutschland die FDP im Bundestag braucht.

München - Er spricht etwas flapsig vom „Bildungsurlaub“, den die Wähler der FDP erteilt hätten, vier Jahre außerhalb der Parlamente. Doch erholt sieht Christian Lindner nicht aus, eher urlaubsreif. Seit Dezember 2013 führt der 38-Jährige die Partei und kämpft in einer fast aberwitzigen Termindichte um ihre Wahrnehmbarkeit, um den Wiederaufstieg. Bei mehreren Landtagswahlen ist das gelungen, nun soll es auch für den Bundestag klappen. Wir haben Lindner zum Interview in unserer Redaktion getroffen. Ein Auftritt ohne Bugwelle übrigens, ohne Kofferträger, Referenten, aufgeregte Sicherheitsleute – Lindner kommt angefahren, fragt, wie lang er bleiben kann, nimmt einen Kaffee und wartet auf Fragen.

Herr Lindner, es gibt gerade einen kleinen Hype um Sie, manche vergleichen Sie mit Macron. Wie lebt es sich als Lichtgestalt?

Christian Lindner: Gott sei Dank werden wir jeden Tag geerdet durch den rauen Alltag außerhalb des Bundestages. Als FDP-Politiker arbeitet man eher als Sisyphos: Jeden Tag den Fels neu auf den Berg rollen – und an manchen Abenden kommt er wieder runter. Herr Macron reist zu G20, ich zum Wahlkampf in Turnhallen nach Gundelfingen – das ist schon eine andere Liga.

Den Wiederaufstieg der FDP verknüpft man allein mit Ihnen...

Christian Lindner: Ich teile Ihre These nicht.

Gehen Sie mal auf die Straße vor der Redaktion und fragen: Wen gibt es da so bei der FDP?

Christian Lindner: Ich werd’s gleich probieren. Entscheidender ist doch: Wir haben neu beantwortet, warum es uns gibt. Wir wollen nicht, dass die Menschen klein gemacht werden durch Bürokratismus, übermächtige Konzerne, außer Kontrolle geratene Währungspolitik. Groß gemacht wirst du durch Bildung, indem dich jemand ernst nimmt, dir etwas zutraut. Dieser wohlverstandene Individualismus ist unsere Mission: Mut statt Angst.

Das Wahlplakat von Ihnen im Unterhemd – jeden Spitzenkandidaten möchten wir so auch nicht sehen. Wo ist die Grenze zum Personenkult?

Christian Lindner: Das stammt aus unserer Kampagne in NRW. Und das war eben keines dieser gephotoshoppten, künstlichen Bilder aus dem Studio mit gecasteten Statisten. Mich hat ein Fotograf einige Wochen durch meinen Alltag begleitet. Eines seiner 15 000 Fotos: als ich im Sport-T-Shirt nach dem Training in der Mittagspause am Handy E-Mails lese.

Lindners NRW-Wahlplakat

So bescheiden? Im Polit-Barometer sind Sie jetzt schon Nummer 4, hinter Merkel, aber schon weit vor Schulz zum Beispiel...

Christian Lindner: Ich kenne Höhen und Tiefen. Mir geht es um Inhalte. Da sehe ich: Schulz macht Agenda 1995 mit mehr Bürokratie, Umverteilung, unfinanzierbaren Versprechen. 20 000 Euro „Chancenkonto“ für jeden Bürger – wer so was verspricht, disqualifiziert sich für jede finanzpolitische Verantwortung. Frau Merkels Programm lässt sich in zwei Worte fassen: „Weiter“ und „so“.

Sie waren jetzt vier Jahre nicht im Bundestag. Deutschland ist nicht untergegangen; im Gegenteil – uns geht’s so gut wie nie. Warum genau brauchen wir Sie zurück?

Christian Lindner: In einer Welt des Wandels ist Kontinuität eine Gefahr für den Wohlstand. Ein Beispiel: unser Außenhandelsüberschuss. Wer sich genauer damit befasst, stellt fest: Wir exportieren viel, aber schicken das Geld gleich hinterher. Wir investieren zu wenig davon in Deutschland, weil Bürokratie, Steuerlast und die nur schleppende Digitalisierung unser Land hemmen. Start-ups entstehen woanders. Ich sehe nicht, dass die Bilanz der Großen Koalition so bullig wäre. Mindestens brauchen wir endlich eine Opposition, die spannender ist als eingeschlafene Füße.

Gehen wir in ein paar Details. Zum Thema Flüchtlinge fällt den großen Parteien im Wahlkampf arg wenig ein. Ihnen auch?

Christian Lindner: Wir machen das zum Thema. Die wesentlichen Probleme sind nicht gelöst. Europa muss seine Außengrenze kontrollieren, wir brauchen eine echte europäische Grenzpolizei. Wir wollen ein Einwanderungsgesetz, das klar drei Türen unterscheidet. Tür 1: Asylbewerber, individuell bedroht – da kann es keine Obergrenze geben. Tür 2: Flüchtlinge vor Krieg, denen wir auf Zeit humanitären Schutz gewähren, soweit es unsere logistischen, sozialen, finanziellen Möglichkeiten erlauben. Tür 3: qualifizierte Fachkräfte. Bei uns drängen sich aber zurzeit alle durch eine Tür, nichts ist geordnet.

Die FDP würde also auch Türen schließen? Abschieben?

Christian Lindner: Nichts ist daran liberal, auf Regeln zu verzichten und alle Grenzen zu öffnen. Unsere Freiheit lebt von Regeln, die aus dem Recht des Stärkeren die Stärke des Rechts machen.

Thema Wohnen: Sie sagen, die beste Vorsorge gegen Altersarmut sei das Wohnen in den eigenen vier Wänden. Wissen Sie, was eine kleine Wohnung heute in München kostet?

Christian Lindner: Kommt auf Größe und Viertel an. Ich weiß: in vielen Fällen schon jenseits der Million.

Wie soll ein Normalo da Eigentum bilden?

Christian Lindner: Unser Land findet sich zu sehr damit ab, dass Eigentum Luxus wäre. Wir brauchen mehr Wohnraum: geringere Baustandards – Stichwort Dämmung! –, mehr Bauland in den Städten. Wer 30 Wohnungen baut und viel mit dem Penthouse auf dem Dach verdient, kann darunter aber doch auch günstigen Wohnraum anbieten. Wir wollen zudem hohe Freibeträge bei der Grunderwerbssteuer – 250 000 Euro pro Person.

Sie wollen viel liberalisieren, entbürokratisieren. Was, wenn Sie am Ende nur der Cheflobbyist für Uber, AirBNB und Versandapotheken sind?

Christian Lindner: Beispiel Uber: Was ich will, ist die Liberalisierung des Taxigewerbes, damit es eine Chance gegen Uber hat. Mehr Regeln für Uber – Versicherung, Qualifikation der Fahrer –, damit es fairen Wettbewerb und Wahlfreiheit gibt. So sieht die Geschichte aus: Die FDP ist die Partei vom Staat als Schiedsrichter, nicht von Einzelinteressen.

Oft stellte die FDP den Außenminister. Wie ginge Ihre Partei mit Erdogan und der Türkei um?

Christian Lindner: Es ist Zeit, die Beitrittsgespräche zur EU endgültig zu beenden. Es darf keine weiteren Finanzhilfen geben. Alle Ampeln auf Rot, Kooperationen einschränken. Dann wird Erdogan sehen, dass er wirtschaftlich einen hohen Preis für seine Politik zahlt. Wenn er wieder rechtsstaatliche Standards einführt, kann man vielleicht neu über Zollunion und Visafreiheit nachdenken.

Lindner an der Weltkarte im Politikressort.

Merkel wird wohl zum vierten Mal gewählt. Ist das gesund fürs Land?

Christian Lindner: Wenn die Wähler das für richtig halten – ich wähle sie bei der Bundestagswahl jedenfalls nicht.

Sie koalieren dann aber mit ihr?

Christian Lindner: Ich sehe eher, dass viele in der Union auf die nächste Große Koalition spekulieren oder mit Schwarz-Grün flirten. Wir haben in Baden-Württemberg bewiesen: Die FDP will nicht um jeden Preis mitregieren. Auch Opposition ist staatsbürgerliche Verantwortung. Eine Große Koalition darf nicht nur von links kritisiert werden.

Rechnen Sie mit dem Einzug der AfD?

Christian Lindner: Ich weiß es nicht – halte es aber letztlich für belanglos. Die Erfahrung mit der AfD in Landesparlamenten lehrt: Die lassen ein paar politische Rülpser los, sind dann die Ersten am Büfett – echten Druck mit Argumenten macht die AfD nirgendwo.

Blicken Sie auf den 24. September mit Angst? Respekt? Demut?

Christian Lindner: Eine Mischung aus all dem. Vor allem bin ich froh, wenn der Wahlabend erreicht ist. Seit 2013 bin ich jetzt im politischen Außendienst, ein enormer Verschleiß. Ich sehne mich nach einem normalen Spitzenpolitiker-Job mit 80 Wochenstunden.

Lesen Sie auch: So sehen Sie das TV-Duell vor der Bundestagswahl live im TV und im Live-Stream

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