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Wer blieb, der kämpft: Die FDP um Parteichef Christian Lindner beim Dreikönigstreffen. Rechts: Katja Suding.

Erstmals wieder über fünf Prozent

FDP: Mit einer Wutrede aus der Krise?

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München - Die Totgesagten winken aus der Gruft. Zum ersten Mal seit einem Jahr landen die Liberalen in einer Umfrage bundesweit über fünf Prozent. Harte Arbeit und ein bisschen Glück helfen der FDP.

Die Wutrede beginnt mit einem Moment der Fassungslosigkeit. „Bitte?!“, fragt Christian Lindner. Er spricht gerade im NRW-Landtag über Gründer und den Mut, hinzufallen, da piesackt ihn ein SPD-Abgeordneter mit Zwischenrufen: Lindner habe in jungen Jahren ja selbst ein Unternehmen in den Sand gesetzt. Der FDP-Chef verliert die Contenance, pflaumt zurück, was für ein „dümmlicher Zwischenruf“ das sei von Sozialdemokraten, die ihr Leben lang vom öffentlichen Dienst bezahlt würden. Zwei Minuten zerpflückt Lindner zur Freude des Plenums den Zwischenrufer, gestikuliert wütend mit dem Zeigefinger. „So“, brummt Lindner am Ende und knöpft sein Sakko zu, „das hat Spaß gemacht“.

Seine Wutrede geht seit zwei Wochen durchs Internet, hunderttausendfach geklickt. Die Menschen mögen das, wenn bei einem Politiker mal die Fassade aufzubrechen scheint, wenn er emotional aus sich herausgeht. In der FDP heißt es, das zufällig entstandene Landtags-Video sei einer der Gründe dafür, warum die Partei zurzeit wieder positiv im Gespräch ist.

Tatsächlich scheint die FDP gerade wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Nach einer Serie spektakulärer Wahlniederlagen, dem Verlust vieler Landtags- und aller Bundestagsmandate war die Partei abgeschrieben. Jetzt gilt ihr Wiedereinzug am Sonntag in die Hamburger Bürgerschaft als wahrscheinlich. In der jüngsten Umfrage liegt die FDP sogar bundesweit bei fünf Prozent.

Die Wende hängt mit Lindner zusammen. Er stellte die Partei nach 2013 grundlegend neu auf, berief die kaum bekannte Nicola Beer aus Hessen zur Generalsekretärin. Die FDP streifte die Brüderle-Behäbigkeit ab. Die Partei suchte sich in einem Dialogprozess ein neues Leitbild. 15 000 Mitglieder hätten sich an 300 Veranstaltungen und der Online-Plattform beteiligt, jubelt die Parteiführung. Optisch schlug sich das vor allem im neuen Magenta-Farbton nieder, der neben dem traditionellen Blau und Gelb nun das Parteilogo ziert.

Mehr als um die Farbe ging es dabei um die Aufarbeitung der Wahldesaster, ein therapeutischer Prozess der Selbstheilung. Wofür steht diese Partei noch, lautete die Frage. Das Ergebnis brachte keine Sensationen (Freiheit, Eigenverantwortlichkeit, Innovationsgeist) – motivierte aber die eigenen Truppen neu. „Wer nach all den Niederlagen noch dabei ist, dem ist die FDP wirklich ein Anliegen“, sagt einer aus der Parteispitze. Die Mitläufer sind weg. Beim Dreikönigstreffen sprach Lindner der FDP mit einer starken Rede ins Gewissen, motivierte die Mitstreiter.

Wer blieb, der kämpft. Als gutes Beispiel taugen Bayerns Liberale. Ihr neuer Landeschef Albert Duin kam im Januar mit der etwas verzweifelten Aktion in die Schlagzeilen, als er den saudischen Botschafter um eine Auspeitschung bat, ersatzweise für einen vom Regime geknechteten Blogger. Im Februar nahmen sich 40 Liberale Urlaub, fuhren im Reisebus von München nach Hamburg und halfen dort frierend drei Tage im Straßenwahlkampf. Das ist recht viel Einsatz für Feierabendpolitiker.

Tatsächlich kommen bei der FDP Glück und Kampfgeist zusammen. Glück bei Lindners Wutrede zum Beispiel ist, dass kaum jemand merkte, wie hanebüchen der Parteichef am Pult argumentierte. Der SPD-Mann, den er für den öffentlichen Dienst verspottete, kommt aus der freien Wirtschaft. Lindner selbst allerdings lebt seit seinem 21. Lebensjahr von Abgeordneten-Diäten. Glück ist auch, dass die „Tagesschau“ eine Kamerafahrt über die langen Beine der Hamburger Spitzenkandidatin Katja Suding zeigte und damit eine Debatte über Altherren-Journalismus auslöste. Am Ende musste Suding nur kokett anmerken, mit ihren Beinen werde sie die Fünf-Prozent-Hürde schon überspringen. Alle redeten über sie.

Bei der FDP geben sie unumwunden zu, dass Zufälle dabei sind. Warum solle man nicht auch mal Glück haben, fragt ein Stratege. Und erinnert daran, wie es einst immer wieder Affärchen im unglücklichsten Moment gegeben habe: „Früher hätte zu diesem Zeitpunkt Dirk Niebel wieder ’nen Teppich geschmuggelt.“

Der Rückweg der FDP in die Berufspolitik wird allerdings lang und mühsam. Wie tief sie zwischenzeitlich gefallen ist, lässt sich ebenfalls an Umfragen ablesen. In Bremen, wo am 10. Mai gewählt wird, präsentiert die Partei mit Lencke Steiner zwar ein junges Gesicht: Eine erst 29 Jahre alte Unternehmerin, die nicht mal Parteimitglied ist. Ihre Chancen aber sind ungewiss. In der letzten Umfrage, die schon ein halbes Jahr auf dem Buckel hat, wurde die FDP nicht mal mehr eigens ausgewiesen. Auftraggeber waren die früheren Freunde von der CDU.

Die Daten der Umfrage

Bei fünf Prozent liegt die FDP in der neuen Forsa-Umfrage für Stern und RTL. Forsa-Chef Manfred Güllner erklärte, die FDP werde vor der Bürgerschaftswahl in Hamburg am kommenden Sonntag wieder stärker wahrgenommen. „Falls die FDP wieder in die Hamburger Bürgerschaft einzieht, dürfte der Trend stabil bleiben, wenn nicht, war’s nur ein Zwischenhoch.“ Die anderen Parteien in der Umfrage: 42 Prozent für CDU/CSU, 23 für die SPD, 10 für die Grünen. Die Linke liegt bei 9, die AfD bei 6 Prozent.

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