Corona-Warn-App
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Alles im grünen Bereich? Kritiker sehen Luft nach oben

Zu wenige Nutzer, zu wenige Funktionen, Testergebnisse tauchen nicht auf

Die offenen Baustellen bei der Corona-Warn-App

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Die Corona-Warn-App ist eine der wenigen Waffen im Kampf gegen das Virus. Doch der strenge Datenschutz und zurückhaltende Nutzer schwächen sie. Zudem scheinen Testergebnisse nicht immer in der App anzukommen.

  • Die Corona-Warn-App steht immer wieder in der Kritik
  • Auf alten Geräten läuft sie nicht, Testergebnisse scheinen nicht immer anzukommen
  • Die FDP fordert, die App weiterzuentwickeln

München – In Südkorea laufen die Dinge gerade etwas anders. Wer sich in dem komplett durchdigitalisierten Land mit dem Coronavirus infiziert, wird gezwungen eine App auf seinem Smartphone zu installieren, die an eine elektronische Fußfessel erinnert. Sie kontrolliert per GPS, dass er die Quarantäneregeln einhält. Er darf keinem anderen Menschen näher als zwei Meter kommen – auch nicht seiner Familie. Wenn das Smartphone sich länger nicht bewegt, weil es vielleicht liegen gelassen wurde, folgt ein Kontrollanruf. Obendrein gibt es eine zweite App, die ihre Nutzer im Nachhinein warnt, wenn sie einer später positiv getesteten Person näher als 100 Meter gekommen sind. Mitgeliefert werden Infektions-Datum, Geschlecht und Nationalität. Datenschutz? Kein Thema.

Die Datenschützer sind begeistert, die Gesundheitsämter teilweise frustriert

In Europa ist das undenkbar. Die portugiesische Regierung hat gerade ihren Versuch, die dortige Corona-App als erstes EU-Land verpflichtend einzuführen vertagen müssen. Der Widerstand war zu groß. Auch in Deutschland haben sich die Verfechter der Privatsphäre auf ganzer Linie durchgesetzt. Herauskam eine App, die auf Freiwilligkeit basiert. Die Datenschützer sind begeistert, die Gesundheitsämter teilweise frustriert. Da die App automatisch erst mal keine relevanten Informationen an sie weiterleite, spiele sie in der alltäglichen Arbeit „so gut wie keine Rolle“ klagen die Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes. Deutschland habe sich entschieden, den Datenschutz über den Pandemieschutz zu stellen.

„Die App muss weiterentwickelt werden“, fordert die FDP

Manuel Höferlin (FDP) hält derlei Pauschalkritik für falsch. „Dass unsere App nicht so funktioniert, wie sie funktionieren kann, liegt nicht am Datenschutz“, sagt der Vorsitzende des Digitalausschusses im Bundestag. Auch wenn die derzeitige Zahl von 21,5 Millionen Downloads noch zu gering sei, erkennt er in der App sehr großes Potenzial. „Sie muss aber weiterentwickelt werden“, sagt Höferlin. Manche Nutzer erwarteten sich beispielsweise mehr Funktionen – und einige Startups seien schon heute in der Lage, ihnen das anzubieten. Die Bundesregierung solle deshalb ein kleine Anzahl verschiedener Apps mit unterschiedlichem Funktionsumfang zulassen. Stattdessen lehne sie sich aber selbstzufrieden zurück. „Es reicht nicht, nur eine gute App auf den Markt bringen, sondern man muss auch das System drum herum richtig gestalten“, sagt Höferlin.

Leser berichten, dass Testergebnisse nicht auftauchen

Rund 38 000 positiv getestete Corona-App-Nutzer haben ihr Laborergebnis weitergegeben und damit ihre Kontaktpersonen informiert, berichtete gestern Kanzlerin Angela Merkel. Bezogen auf deutschlandweit mehr als 500 000 Infizierte seit Beginn der Pandemie, ist das allerdings nur ein Bruchteil. Und nicht nur die Zurückhaltung der Nutzer schwächt die App. Leser unserer Zeitung berichten, dass Testergebnisse auch nach Tagen nicht darin auftauchen, obwohl sie angefordert wurden. Auch Höferlin kennt diese Fälle – und zwar in relevanter Zahl, sagt er. Es handle sich dabei weder um einen Einzelfall noch um ein Versehen. Die Ursache sei stattdessen „sehr wahrscheinlich eine Grundsatzentscheidung mancher Labore“, die zwar an die nötige Technik angeschlossen seien, sie aber nicht nutzten. Das Testergebnis werde also schlicht nicht an die App weitergegeben. Ein Zustand, den man nicht akzeptieren dürfe. „Da muss die Bundesregierung als App-Herausgeberin härter sein“, sagt Höferlin.

Auf alten Geräten läuft die App nicht

Dazu kommt, dass die Corona-App noch immer nicht auf älteren Smartphones läuft. „Letztlich liegt das an Apple und Google“, sagt Höferlin. Denn technisch sei die Anpassung durchaus möglich. Doch aus Sicht der Unternehmen reiche eine Abdeckung von 80 Prozent der Geräte, die sich auf dem Markt befinden aus. „Ich finde, das ist nicht genug“, sagt Höferlin. Doch um Druck zu machen, fehle der Bundesregierung offenbar der Zugang zu Apple und Google.

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