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Der Retter? Christian Lindner, FDP-Landesvorsitzender in NRW, will für den Bundesvorsitz der Liberalen kandidieren

Nach Wahl-Debakel

Lindner die letzte Hoffnung der FDP?

Berlin - Tag 1 nach dem Gau: Die FDP stellt auf Neuanfang. Im Bund, im Freistaat. Personell, inhaltlich. Kein Stein bleibt auf dem anderen. An die Spitze rückt ein junger Bekannter: Christian Lindner.

So unterschiedlich können Männer von gestern sein: Rainer Brüderle sieht an diesem Morgen noch etwas älter als 68 Jahre aus. Seine vernuschelten Sätze, seine schnoddrige Art – bis Sonntagabend war der Pfälzer noch Spitzenkandidat der FDP, am Montagmorgen wirkt er plötzlich wie aus der Zeit gefallen. Neben ihm steht ein junger Mann. Einer, der eigentlich noch alles vor sich haben müsste. Mit 45 sei für ihn mit der Politik Schluss, hat Philipp Rösler vor Jahren mal vollmundig verkündet. Jetzt hat der Wähler den Vizekanzler schon mit 40 in Rente geschickt. Und Rösler kann es immer noch nicht fassen.

Man findet kaum Worte, die den Schockzustand der Liberalen erfassen. Zum ersten Mal fällt die FDP aus dem Bundestag. Kein Superlativ scheint groß genug. Am Montagmorgen beginnen die Krisensitzungen mit Präsidium, Vorstand und dann auch der Fraktion. Ja, noch dürfen sie sich im Reichstag beraten. In ein paar Wochen müssen sie den Besuchereingang nehmen. Außenminister Guido Westerwelle fliegt gestern nochmal nach New York zur Uno. Abschiedstour. Er muss sich einen neuen Job suchen. Wie Vizekanzler oder Bundesgesundheitsminister. Ein Dirk Niebel muss nun Entwicklungshilfe in eigener Sache betreiben. Die Fallhöhe ist enorm. Trotzdem muss man nicht in Tränen ausbrechen, finanzieller Notstand ist nicht zu erwarten: Die Minister bekommen schöne Übergangsgelder, auch die meisten Abgeordneten fallen weich. Bitter ist es dagegen für hunderte Mitarbeiter, die über Nacht ohne Arbeitsplatz dastehen. Dazu kommt der Hohn: „Die neue Apo“, titelt freudig die „taz“.

In der FDP beginnen am Montag die Aufräumarbeiten: Kein Stein bleibt auf dem anderen. Der Bundesvorsitzende Rösler tritt zurück. Das Bundespräsidium tritt zurück. Der Bundesvorstand tritt zurück. Die bayerische Landesvorsitzende Sabine Leutheusser-Schnarrenberger tritt zurück. Der Landesvorstand? Natürlich auch.

Im Bund hat der Neuanfang ein ziemlich junges Gesicht. Eines mit Dreitagebart. Genau genommen ist es auch nicht neu, sondern bestens bekannt. Christian Lindner tritt nicht mit Rösler und Brüderle vor die Presse. Mit denen will er nichts zu tun haben, es soll nicht nach Amtsübergabe aussehen. „Die Arbeit wird nun auf den Schultern der Landesverbände liegen“, hat Rösler gesagt. Lindner kommt – wie Westerwelle und Gesundheitsminister Daniel Bahr – aus dem mächtigen NRW-Verband.

Als er vor den Parteifreunden seine Kandidatur ankündigt, signalisieren gleich mehrere Landesverbände Unterstützung. Allen voran Niedersachsen – das ist der Verband, aus dem Rösler stammt. Landeschef Stefan Birkner erklärt sich seinerseits bereit, eine Führungsaufgabe in der Bundespartei zu übernehmen. „Ich wäre auch zu allem bereit, aber es muss passen.“

Es gibt kaum Zweifel an der Wahl Lindners, überzeugende Gegenkandidaten sind nicht in Sicht. Für ihn würde sich damit der Kreis schließen: Im Dezember 2011 hatte sich die eloquente Nachwuchshoffnung völlig überraschend aus der engeren FDP-Führung verabschiedet. Er wolle mit seinem Rücktritt als Generalsekretär eine Dynamik auslösen, erklärte er in seinem kurzen Statement. Schon damals wurde darüber spekuliert, ob er mit dieser Dynamik vor allem Rösler stürzen wollte. Viel war auch in sein „Auf Wiedersehen“ zum Schluss hinein interpretiert worden. Zwei Jahre später gibt es nun dieses Wiedersehen.

Sie waren die Chefs der FDP

Sie waren die Chefs der FDP

Lindner hat diesen Coup von langer Hand geplant. Ständig war er im Bundesgebiet unterwegs, besuchte alte Freunde und knüpfte neue Allianzen. Zugleich baute er sich in seiner Heimat Nordrhein-Westfalen im Landtag eine neue Machtbasis auf – anders als die meisten seiner Parteifreunde ist er auch an diesem Montagmorgen noch ein gewählter Volksvertreter. Der 34-Jährige, den viele schon vor der Wahl gerne in der Verantwortung gesehen hätten, wirkt wie ein Heilsbringer. „Die FDP braucht eine Phase der Besinnung und der Neuorientierung“, sagt er und meint das ganz wörtlich: Lindner wird die FDP weg von der Union führen – und auch wieder für Bündnisse mit den Sozialdemokraten öffnen. Realistisch und eigenständig solle man werden. Ein wichtiger Mitstreiter soll dabei Wolfgang Kubicki sein. Der schillernde und wohlhabende Steuerstrafrechtler aus Kiel könnte von Lindner zum ehrenamtlichen Generalsekretär bestellt werden, hieß es. Der genaue Weg und die Inhalte der künftigen FDP sind noch offen. Doch eines ist für Lindner klar: „Ich will mir zum Ziel setzen, dieser liberalen Partei den Respekt zurückzugeben.“ Es wird ein weiter Weg.

Von Mike Schier

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