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Vertasuchte Rollen: Philipp Rösler kann wieder lachen, die Option mit Rainer Brüderle rückt etwas in den Hintergrund.

Rösler profitiert von Niedersachsen-Wahl

FDP: Schlechte Zeiten für Königsmörder

München - Kurioser geht es kaum: Eigentlich wollte die FDP heute ihren Vorsitzenden loswerden. Längst waren die Messer gewetzt. Doch jetzt ist das Ergebnis in Niedersachsen zu gut ausgefallen. Im Vorstand kommt es heute zum Showdown.

Es ist der Moment der Genugtuung. Um 19.21 Uhr versucht ein strahlender Philipp Rösler ein paar Worte zu sagen, aber die Parteifreunde lassen ihn nicht. Sie jubeln und feiern ihren Parteichef. Jenen Parteichef, den sie in den vergangenen Tagen sturmreif geschossen haben. „Das ist ein großer Tag für die FDP und alle Liberalen in ganz Deutschland“, ruft Rösler schließlich. Am Rand steht ein gewisser Rainer Brüderle und klatscht höflich Beifall, während Rösler Dinge sagt, die man am Wahlabend eben sagt. Dank an die Wahlkämpfer und so. Nur zu sich sagt Rösler nichts. Er schließt mit: „Heute Abend werden wir gemeinsam feiern, morgen werden wir uns dann wieder an die Sacharbeit machen.“

Da stimmt nicht. Der Montag wird mitnichten der Tag der Sacharbeit. Es ist der Tag der Abrechnung im Thomas-Dehler-Haus, der FDP-Parteizentrale im Regierungsviertel. Vor 100 Jahren war hier mal eine Siechen-Station drin, vor 80 Jahren wäre der Bau wegen eines morschen Fundaments fast eingestürzt. Nur was heute passieren wird, weiß keiner. Hinter der roten Backsteinfassade in Berlin tagt morgens das Parteipräsidium, ein enger Zirkel nicht so enger Freunde. Um 11.30 Uhr kommt der ganze Vorstand dazu, gut 50 Leute. Wer sich da umhört, stößt auf Ratlosigkeit: Viele Liberale haben keine Ahnung, ob sie an Rösler festhalten sollen. „Am friedlichsten wird das ablaufen, wenn der Philipp aus einer Position der Stärke sagt: Ich bleibe Wirtschaftsminister, und ein anderer wird Parteichef“, sagt einer aus der Runde. Wenn nicht? „Ich weiß nicht, ob die anderen dann den Arsch in der Hose haben, ihn zu stürzen.“

Seit Wochen haben sie in der FDP erzählt, dass der Montag der Tag des Rösler-Sturzes würde. Als sich in der vergangenen Woche ein gutes Ergebnis abzeichnete, wagte sich das Duo Rainer Brüderle und Christian Lindner erstmals aus der Deckung. Jetzt haben sie ein Problem: Denn das Ergebnis der Partei in Niedersachsen ist so gut ausgefallen, dass Rösler wieder Herr des Verfahrens ist.

Irgendwie kommt einem das alles furchtbar bekannt vor. Zum dritten Mal in Folge ist die FDP vor einer Landtagswahl totgesagt worden. Zum dritten Mal kam es ganz anders. Erst holte Wolfgang Kubicki in Schleswig-Holstein 8,2 Prozent, dann folgte Lindner in Nordrhein-Westfalen mit 8,6. Das habe nur an den charismatischen Spitzenkandidaten gelegen, hieß es hinterher. Aber diesen Stephan Birkner in Niedersachsen, den kenne doch kaum einer! Stimmt. Am Sonntag sind es die Leihstimmen, die die FDP weit über die Fünf-Prozent-Hürde heben. Diesmal aber darf sich auch Rösler als Sieger fühlen. Mit Verve hat er in seinem Heimatland Wahlkampf gemacht. „Ein Erfolg in Niedersachsen ist ein Erfolg für Philipp Rösler“, sagt der stets loyale Generalsekretär Patrick Döring.

In der Partei rätseln sie nun, wie es weiter geht. Gerade aus Bayern kommen deutliche Stimmen. „Natürlich ist das Ergebnis ein großer Erfolg“, sagt der oberfränkische Bundestagsabgeordnete Sebastian Körber. „Trotzdem müssen wir die Mannschaft für die Bundestagswahl neu aufstellen – inklusive Spielführer.“ Man müsse mit Rösler fair umgehen, „aber an einem Vorziehen des Parteitags führe kein Weg vorbei.“ Das mit dem Parteitag sehen auch Thomas Hacker, Vorsitzender der Landtagsfraktion, und Wirtschaftsminister Martin Zeil so.

Auf der anderen Seite sammelt sich die Zahl der Unterstützer. Bemerkenswert ist am Sonntagabend vor allem der Auftritt von Wolfgang Kubicki. Das Nordlicht mit dem südländischen Temperament galt einst als schärfster Kritiker Röslers. Jetzt sagt er: „Ich wünsche mir, dass die Debatte um meinen Parteivorsitzenden etwas mehr an Ruhe gewinnt.“ Eines sei sicher: Einen vorgezogenen Parteitag werde es nicht geben. Der Spitzenkandidat werde wie geplant im Mai aufgestellt und er selbst werde für Rösler als Parteichef stimmen.

Es ist ein vielstimmiger Chor, der sich da erhebt. In ihm spiegelt sich die ganze Ratlosigkeit der Liberalen wider. Natürlich wissen sie, dass sie bei der Bundestagswahl im Herbst keine Leihstimmen von der Union bekommen werden. Eigentlich waren sie ja auch wild entschlossen, sich von Rösler zu trennen. Selbst das Personaltableau hatten sie schon ausgetüftelt: Brüderle übernimmt den Vorsitz, Lindner rückt als Parteivize auch bundespolitisch wieder in die erste Reihe. Rösler bleibt Wirtschaftsminister. Das Amt des Vizekanzlers könnte auf Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger übergehen. Was man mit General Döring anstellet, wollte man sich noch überlegen. Im allgemeinen Stimmengewirr waberten sogar schon Gerüchte, Wolfgang Kubicki könnte vor der Wahl den Haudrauf im Thomas Dehler-Haus geben.

Sind die schönen Pläne nun Makulatur? Für all dies müsste Rösler nun nach dem guten Ergebnis freiwillig mitmachen, stürzen kann man ihn nun nur schwierig. Seine Gegner hoffen, dass der frisch gestärkte Parteichef als Teil einer souveränen Geste den Weg frei macht. Ob es eine Absprache mit Brüderle gibt, weiß keiner so genau.

Doch es gibt auch noch anderes aufzuarbeiten. Das Dreikönigstreffen in Stuttgart zum Beispiel. Zwei Wochen haben sie sich jetzt auf die Zunge gebissen, im Vorstand heute wird sich Dirk Niebel einiges anhören müssen. Der Entwicklungsminister hatte im Staatstheater den Königsmörder gegeben – obwohl ihn das Präsidium zuvor um Mäßigung angefleht hatte. Unmöglich fanden das die Parteifreunde. Gesundheitsminister Daniel Bahr erklärte gestern Abend bereits, die Parteimitglieder erwarteten jetzt endlich Geschlossenheit. „Wir müssen ja nicht die besten Freunde sein“, sagt der Minister. Aber die Querschüsse müssten endlich enden.

Vielleicht hätte Philipp Rösler ja das Schild aus der Schule mitnehmen sollen. Am Sonntagvormittag hat der Parteichef in der Grundschule von Isernhagen gewählt. „Regeln für Gespräche“ haben sich die Grundschüler an die Wand gehängt: „1. Vor dem Sprechen melden. 2. Wir hören zu. 3. Wir rufen nicht dazwischen. 4. Wir machen keinen Quatsch.“ Mit Mühe nur gelingt Rösler, einen Schnappschuss vor dem Regel-Schild zu verhindern. „Wir machen keinen Quatsch“ – wenn er sich da nur sicher sein könnte in der FDP.

Mike Schier und Christian Deutschländer

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