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Drei für Reihe eins? Ch ristian Lindner mit Katja Suding und Wolfgang Kubicki.

Koalition oder Opposition?

FDP vor der Wahl: Die Liberalen hinter Lindner

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Die FDP steht vor dem Wiedereinzug in den Bundestag, die Truppe hinter Christian Lindner ist aber weitgehend unbekannt. Die Partei sieht darin eine Chance – bei einer Regierungsbeteiligung könnte das aber gefährlich werden.

München – Christian Lindner hat sich angewöhnt, schnell zu gehen. Seit Wochen eilt der FDP-Chef von einem Termin zum anderen, sieben Minuten bleiben ihm gerade zwischen einem Gespräch mit Journalisten und einem Auftritt 200 Meter weiter am Münchner Marienplatz. Diese Taktung zehrt, seine Augenringe sind in den vergangenen Tagen immer größer geworden. Gerade in dem einstündigen Gespräch trank er eine große Tasse Kaffee, fragte dann nach einer zweiten. „Ich bin leidenschaftlich gern unter Menschen“, sagte er. „Es ist ein Fest. Dennoch darf es am Sonntag zu Ende gehen.“ Vermutlich wird Lindners Kraft gerade noch so reichen für die Feier, die die FDP am Abend feiern wird. Das Fest zum Wiedereinzug in den Bundestag.

Für die FDP geht es vier Tage vor der Wahl eigentlich nur noch darum, wie stark sie wird. Sollten sich die Umfragen – etwa neun Prozent – bestätigen, dürfte die Partei auf 60 Abgeordnete kommen (beim Rekordergebnis 2009 waren es 93). Bayern könnte die größte oder zweitgrößte Landesgruppe stellen. Nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition und der Zwangsschrumpfung von Budget und Mitarbeitern ergibt sich aber ein Problem: Es fehlen erfahrene und bekannte Leute, auch die Wahlkampagne ist voll auf Lindner ausgerichtet. Wer sind die Liberalen, die mit in den Bundestag einziehen?

Die Truppe ist eine „bunte Mischung“, sagt Bayerns Spitzenkandidat Daniel Föst (41), selbst ein Neuling. „Wir sind alle hungrig.“ Gestartet in der Münchner Kommunalpolitik ist Föst seit 2013 Generalsekretär. In die erste Reihe im Bund wird er wohl aber nicht treten, genau wie die meisten Kandidaten aus Bayern. Einzig Thomas Sattelberger, 68, der Ex-Telekom-Vorstand und Polit-Quereinsteiger und Digitalisierungsexperte, wird mit aller Vorsicht genannt, wenn es um Ministerien geht.

Der typische FDP-Kandidat: Studiert und erfolgreich

Der typische FDP-Kandidat lässt sich gut beschreiben: meist studiert und in gehobenen Berufen tätig – als Juristen, Unternehmer, Geschäftsführer und IT-Spezialisten. Politisch gearbeitet haben sie, wenn überhaupt, meist auf Landesebene. Katja Suding (41) führt beispielsweise seit 2011 die FDP-Fraktion in Hamburg, sie könnte die gesuchte Frau der FDP im Kabinett werden. Christian Dürr (40) leitet seit 2009 die Geschicke in Niedersachsen, Wolfgang Kubicki (65) seit 1996 in Schleswig-Holstein. Auch der ist Ministerkandidat, hat aber immer beteuert, das gar nicht zu wollen. Der einzige mit Ministererfahrung ist Volker Wissing (47), Wirtschafts- und Verkehrsminister in der Jamaika-Koalition in Rheinland-Pfalz. Würde er nach Berlin wechseln, würde das die Landesregierung aber empfindlich schwächen.

Alte Haudegen gibt es nur wenige. Der Bekannteste ist wohl Hermann Otto Solms (76) aus Hessen, er saß schon 33 Jahre im Bundestag. Alexander Graf Lambsdorff (50) aus Köln, seit 2004 im Europaparlament und dort Vize-Präsident, ist derzeit ranghöchster Parlamentarier der FDP. In die Bundespolitik müsste auch er sich erst einarbeiten.

FDP könnte auch mit Oppositionsrolle gut leben

FDP-Politiker beschreiben ihre Situation gern als die eines Start-ups: wenig Ressourcen, aber hohe Motivation und, ganz wichtig, Geschlossenheit, wie sie derzeit wohl keine andere Partei hat. „Es ist spannend, wenn man eine Fraktion auf weißem Papier aufbauen kann“, sagt Christian Dürr, der Fraktionschef aus Niedersachsen. Und es gebe ja die Erfahrenen, die im Hintergrund zur Verfügung stünden. In Bayern ist Martin Zeil so einer, der frühere bayerische Wirtschaftsminister.

Die neuen Liberalen treten selbstbewusst auf. Dazu passt Lindners Aussage, auch mit der Oppositionsrolle gut leben zu können. In einer Koalition bestünde die Gefahr, dass das Profil verwässert, so wie 2009. Und falls sie mitregieren sollten, haben die Liberalen die Ministerien im Blick, wo sie glauben, gestalten zu können: Ressorts für Digitalisierung und für Integration, Bildung und Wirtschaft. Auch das Finanzministerium ist Thema, das will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) aber wohl für Wolfgang Schäuble halten.

Auch Lindner, der müde Mammut-Wahlkämpfer, hält sich die Zukunft offen. Als Fraktionschef könnte er alle Themen kritisch ansprechen, er wäre nicht in Merkels Kabinettskorsett gezwungen. Er könnte so Kontra geben, wie es Horst Seehofer für die CSU gemacht hat. Das Wohl der FDP hänge nicht an ihm allein, sagt Lindner und trinkt wieder einen Schluck Kaffee. „Aber alle wollen ja im Wahlkampf nur einen sehen.“ Ab Montag werde das wieder anders sein. „Und da bin ich froh drüber.“

dor

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