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Siegerfaust: Horst Seehofer feiert vor Parteifreunden den Wahlsieg.

Bundstagswahl

CSU feiert – mit angezogener Handbremse

München – 650 Meter. Geradeaus, einmal abbiegen, noch ein Stück. Horst Seehofer geht am Sonntagabend zu Fuß zur Wahlparty, von der CSU-Zentrale an der Nymphenburger Straße zur Hanns-Seidel-Stiftung.

Passanten jubeln ihm zu, ein Gewusel aus Journalisten bugsiert ihn in Richtung Halle. Fast zerdeppern die Kamerateams die Glastüren am Eingang – dann, um 18.56 Uhr, ist er drin, der Chef.

In der Halle schwitzen sie, klatschen mit roten Wangen, ein paar rufen: Bravo! Die erste Hochrechnung wabert durch den Raum: 50 Prozent für die CSU in Bayern. „Famos“, hört man oft, dicht gefolgt von „sensationell“ und „gigantisch“. Hier hat man sich jetzt eine knappe Stunde in Fahrt gefeiert. Nur Seehofer, schweißfrei, frisch gepudert, verdrückt sich das Sieger-Gesicht noch. Noch.

Vor der Feier hatte Seehofer mit der Kanzlerin telefoniert, ihr gratuliert, die Strategie des Abends abgesprochen. Die lautet grob: abwarten, wie sich die Ergebnisse der kleinen Parteien über die Nacht entwickeln. Ob der Koalitionspartner FDP vielleicht doch noch über die Fünf-Prozent-Hürde stolpert. Ob es für eine Alleinregierung reicht. Und alle halten sich brav an die Order: Party ja – aber mit angezogener Handbremse.

Ilse Aigner, Chefin der CSU Oberbayern, juchzt zwar vor Freude wie ein kleines Mädchen, als die ersten Ergebnisse über die Bildschirme flimmern. Dann aber fällt sie in den Chor der Vorsichtigen ein: Zum Abschneiden der FDP könne man noch nichts sagen, man müsse auch das Ergebnis der Briefwähler abwarten. Das Maximum an offiziellem Gefühlsausbruch fischt sie schließlich aus ihrer Handtasche: eine schwarz-rot-gelbe „Schland“- Kette, wie sie neulich die Kanzlerin im TV-Duell trug. JU-Chefin Katrin Albsteiger gibt bei einem Glas Weißwein zögerlich zu: „Ich fühl mich echt gut“ – leicht untertrieben, denn es ist praktisch sicher, dass sie über die Liste in den Bundestag einzieht, wohl noch vier bis zehn Kandidaten mehr. Und Vize-Generalsekretärin Dorothee Bär zeigt Mitleid statt Euphorie: „Es wäre eine Katastrophe, wenn die FDP als Partei nicht mehr im Bundestag vertreten wäre.“

Jubel und Entsetzen: Die Bundestagswahl 2013

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Als der Merkel-Auftritt aus Berlin übertragen wird, wird den CSU-Anhängern kurz schwindelig. Aber nicht, weil jetzt die Sause steigt: Über drei Bildschirme flimmert die Kanzlerin – der Ton passt nur zu einem. Verwirrend, aber egal: Irgendwo reckt einer ein „Angie“-Schild in die Luft.

Jetzt aber: Auftritt Seehofer. Auf der Bühne wirkt er geschäftsmäßig, fast steif. Neben ihm lächeln die Generalsekretäre Bär und Dobrindt, Verkehrsminister Ramsauer und Noch-Agrarministerin Aigner um die Wette, Seehofer aber steht wie ein Baum am Mikro und sagt: „Der Sieger des Abends steht fest. Das ist die Christlich Soziale Union.“ Als wieder alle jubeln, und manche „So sehen Sieger aus“ skandieren, zückt Seehofer seinen Kugelschreiber, kritzelt, steckt ihn wieder ins Sakko. Als wollte er einen wichtigen Gedanken notieren. Dann spricht er von einem „goldenen September für die CSU“. „Wir wollten beide Wahlen gewinnen. Wir haben beide Wahlen gewonnen.“ Jetzt, endlich, ballt er die Faust, erlöst die Menge: Sie tobt. Es sei zwar nicht seine Art, sagt Seehofer. Aber heute Abend, da werde auch er feiern. „Jetzt sag ich mal: Ozapft is – jetzt feiern mir!“ Ein wenig abseits stiert der ehemalige Parteivorsitzende Erwin Huber Löcher in die Luft. Er dürfte sich noch an die Wahlparty 2009 erinnern, die keine war – sondern ein Debakel. Die CSU wurde mit 42,5 Prozent abgewatscht. Heuer ist alles anders. Heuer verlieren in Bayern die anderen: Die SPD fährt das zweitschlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl seit 1945 ein. Die FDP rutschte von den 14,7 Prozent auf unter fünf ab. Die Grünen verlieren mindestens zwei Punkte. Die Freien Wähler kommen grad mal auf drei mickrige Prozent.

Nach der kurzen Ansprache, ein paar Interviews zieht sich Seehofer mit seinen engsten Vertrauten zurück in den ersten Stock. Die meisten trinken Bier, der CSU-Chef lässt sich ein Glas Rotwein einschenken. Dann wartet er. Auf die richtige Party.

Carina Lechner

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