+
In Deutschland übersteigt der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 88,3 Kilogramm jährlich den Welt-Durchschnitt um das Doppelte - und den Indiens sogar um das 20-fache. Foto: Jens Kalaene/Illustration

Fleischverzicht: Umweltschützer fordern "Gülle-Euro"

Die Fastenzeit beginnt, viele Menschen fasten nun bis Ostern. Ein freiwilliger Verzicht auf Fleisch erfreut auch Klimaschützer. Doch sie erheben weitergehende Forderungen - vor allem an die Politik.

Berlin (dpa) - Umweltschützer rufen die Verbraucher in Deutschland dazu auf, ihren übermäßigen Fleischkonsum um die Hälfte zu drosseln.

Dies nütze der Gesundheit und auch dem Klimaschutz, sagte die WWF-Referentin Tanja Dräger de Teran der Deutschen Presse-Agentur vor Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch. Auch die Bundesregierung müsse das Thema endlich anpacken. "Um die Produktion von Billigfleisch zu reduzieren, sollte die Regierung eine Abgabe für Landwirte auf Stickstoffüberschüsse prüfen, einen sogenannten Gülle-Euro."

Zu viel Gülle auf den Feldern führt zur Übersättigung der Böden mit Nährstoffen und verschlechtert die Wasserqualität. Der hohe Fleischkonsum der Deutschen und der nötige Sojaverbrauch für Tierfutter beschleunigen den Ausstoß von Treibhausgasen und den Flächenverbrauch.

Zudem regt die WWF-Expertin an, dass zumindest staatlich betriebenen Kantinen vorgeschrieben werden sollte, fleischarm zu kochen. "Auch könnte die Regierung Informationskampagnen starten, um den Fleischverzehr zu drosseln", sagte sie.

In Deutschland übersteigt der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 88,3 Kilogramm jährlich den Welt-Durchschnitt um das Doppelte - und den Indiens sogar um das 20-fache. Die Viehhaltung ist global für mehr Treibhausgase verantwortlich als alle Autos, Lkw und Flugzeuge zusammen.

Auch SPD und Grüne im Bundestag prangern den Fleischkonsum in Deutschland an. Die Sprecherin der Grünen für Tierschutz und Verbraucherpolitik, Nicole Maisch, sagte der Deutschen Presse-Agentur, wenn alle Menschen so viel Fleisch äßen wie hierzulande, "bräuchten wir einen zweiten Planeten". Die Exzesse der Massentierhaltung und Dumpingpreise müssten ein Ende haben. "Ein Kilo Hackfleisch für 3,40 Euro ist pervers."

Nötig seien schärfere gesetzliche Vorgaben für die Tierhaltung, betonte Maisch. Dies sei aber nicht zum Nulltarif zu haben. Die Preise für Fleischprodukte müssten die soziale und ökologische Wirklichkeit widerspiegeln.

Die Tierschutzbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion, Christina Jantz, plädierte für einen "Mix aus gesetzlichen Maßnahmen": zum einen für bessere Haltungsbedingungen, zum anderen zur Unterstützung der Landwirtschaft im Wandlungsprozess.

Die Referentin für Welternährung bei Oxfam, Marita Wiggerthale, forderte ebenfalls eine Abkehr von der Massentierhaltung: "Nicht nur aus Gründen des Tierschutzes, sondern auch, weil die Fleischproduktion viel Land frisst und in Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion steht." Damit in Zukunft alle Menschen auf dem Planeten genug zu essen hätten, könnten die Menschen in reichen Ländern nicht so viel Fleisch essen wie im Moment, sagte sie der dpa.

Umweltschützer fordern seit längerem, den ermäßigten Mehrwertsteuersatz für Fleischprodukte zu streichen. Alle Lebensmittel werden nämlich gleichermaßen mit nur 7 statt 19 Prozent besteuert.

Von einer solchen "Fleischsteuer" hält die SPD-Tierschutzbeauftragte Jantz wenig. Die daraus folgenden höheren Preise könnten zwar die Nachfrage abschwächen. Zu Verbesserungen in der Intensivtierhaltung werde es aber nicht zwangsläufig kommen. Nebeneffekt könnte außerdem mehr soziale Ungleichheit sein. "Während Wohlhabende ihren Fleischkonsum unverändert fortführen können, würden weniger Wohlhabende wesentlich härter von dieser Steuer getroffen."

Der Sprecher der Grünen Jugend, Moritz Heuberger, verlangte im dpa-Interview, die artgerechte Tierhaltung von Bio-Höfen als gesetzlichen Standard allen Agrarbetriebe vorzugeben. "Die heutigen Tierfabriken sind eine Qual für Tiere und eine Belastung für die Umwelt - vom Geschmack des Fleisches gar nicht zu reden."

Tipps der Kampagne "In Form"

Fragen und Antworten der Krebsforschungsagentur zum Thema Fleischkonsum

Destatis zu Fleischverbrauch

Studie Chatham House

Sudie FAO

Studie Greenpeace

Umweltbundesamt zu Landwirtschaft und Umweltschutz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Seehofer macht weiter: Söder gratuliert, Herrmann schweigt
München - Horst Seehofer macht als CSU-Vorsitzender weiter und tritt bei der Landtagswahl 2018 an. Davor wird über die Landesliste entschieden. Die Entwicklungen können …
Seehofer macht weiter: Söder gratuliert, Herrmann schweigt
USA, Japan und China warnen Nordkorea vor neuer Provokation
Peking/Tokio (dpa) - Aus Sorge über einen bevorstehenden neuen nordkoreanischen Raketen- oder Atomtest haben die USA, China und Japan den isolierten kommunistischen …
USA, Japan und China warnen Nordkorea vor neuer Provokation
Frankreich-Wahl: Macron könnte „Wende zum Besseren“ bringen
Paris - Die Wahl in Frankreich 2017: Emmanuel Macron und Marine Le Pen gehen in die Stichwahl. Das sind die Reaktionen. Wir begleiten die Wahl im Live-Ticker.
Frankreich-Wahl: Macron könnte „Wende zum Besseren“ bringen
Pressestimmen zur Frankreich-Wahl: „Historisches politisches Erdbeben“
Berlin - Im ersten Wahldurchgang haben Emmanuel Macron und Marine Le Pen die Stichwahl um das Amt des französischen Präsidenten erreicht. So reagiert die internationale …
Pressestimmen zur Frankreich-Wahl: „Historisches politisches Erdbeben“

Kommentare