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Flucht aus der Kredit-Klemme

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- München - Es gibt Tage, an denen versteht der Unternehmer M. die Wirtschaft nicht mehr. Seine Auftragsbücher sind voll, die Kunden stehen Schlange, zahlen pünktlich, das Geschäft brummt. Doch weil die Hausbank dem Mittelständler aus dem Oberland nicht mehr traut, muss er Aufträge ablehnen, verliert Kunden, kann nicht expandieren und niemanden einstellen. Wirtschaft absurd: Immer mehr kleinere Betriebe bekommen überlebensgefährlichen Ärger mit den Instituten.

"Es wird jetzt schon schärfer hingeschaut." Ernst Ruff, Genossenschaftsverband

Mit einem halben Dutzend Mitarbeitern entwirft die kleine GmbH Maschinen. Der Mittelständler hat gute Unternehmen als Kunden geworben und fährt einen knappen Millionenumsatz ein. Sein Problem: Die Auftraggeber zahlen bis zu 60 Prozent der Rechnungssumme an und wollen als Sicherheit eine Bürgschaft. Bisher ging der Unternehmer zur Bank um die Ecke. Man kennt sich, die Bürgschaft war schnell da. Das kleine Unternehmen konnte mit der Anzahlung seine Arbeit finanzieren.

Seit kurzem ist Schluss mit schnell. Man kennt sich noch immer, vorgefallen ist auch nichts; doch nun verlangt die Bank, die Firma müsse die Bürgschaft zu 100 Prozent mit Eigenkapital hinterlegen. Dieses Geld besitzt der Betrieb nicht - schon ist der Auftrag weg. "Wir werden blockiert", staunt der Geschäftsführer. Das Problem setze sich bei seinen Zulieferern fort. Forderungs-Versicherungen seien bisher zu teuer.

Ein Fall von vielen. Unvermittelt versagen zahlreiche Hausbanken dem Mittelstand die Gefolgschaft. Weil durch zu lockere Kreditvergabe bundesweit Milliarden in den Sand gesetzt wurden, sollen sie die Zügel anziehen. Was Kirch & Co. verbockten, baden die Kleinen aus. Vor allem sie leiden unter dem raueren Klima in den Kreditabteilungen. Je kleiner ein Betrieb, desto schlechter die Aussicht auf frisches Fremdkapital, ergab eine aktuelle Umfrage unter 6000 Betrieben.

"Basel II" dient den Instituten als willkommenes Argument. Die neuen Regelungen des Baseler Bankenausschusses zur Kreditbesicherung fordern in den nächsten Jahren eine genauere Durchleuchtung der Firmenkunden. "Es wird jetzt schon schärfer hingeschaut", sagt Ernst Ruff vom Genossenschaftsverband Bayern. "Die Konditionen werden sich spreizen. Bessere Kunden bekommen bessere Konditionen, schlechtere Kunden schlechtere Konditionen." Wer als nicht hinreichend kreditwürdig beurteilt wird, zahlt viel höhere Zinsen.

Dieses Rating, von den Betrieben gefürchtet, ist jedoch für Basel II erst in vier Jahren verpflichtend; zudem enthält es erhebliche Ausnahmen und Erleichterungen für den Mittelstand. Deutschlands oberster Bankenaufseher Jochen Sanio hält es jedenfalls "für eine von manchem Bankmitarbeiter verbreitete Mär", dass verweigerte Kredite und miese Konditionen schon die Folge von Basel II seien.

Hinter vorgehaltener Hand sagt ein leitender Banker, es komme schon mal vor, dass weniger geliebte Kunden mit Verweis auf Basel II abgewimmelt werden. Offiziell beteuern die größeren Banken treuherzig: "Wir sind die einzigen, die noch den Mittelstand finanzieren."

Das glaubt selbst die Bundespolitik nicht. Bundeskanzler Gerhard Schröder forderte jüngst die Banken und Sparkassen auf, sie sollten "ihrer Verantwortung bei der Mittelstands-Finanzierung mehr nachkommen".

Die Experten im bayerischen Wirtschaftsministerium sehen das anders. Von einem generellen Problem könne keine Rede sein. Die Institute müssten eben wirtschaftlich am Markt agieren. Besorgnis erregend sei vielmehr die rückläufige Eigenkapitalausstattung der Betriebe. Hier möge doch die Bundesregierung steuerpolitische Maßnahmen ergreifen.
Um eine weitere Entschärfung der Basel-II-Richtlinien will sich Minister Otto Wiesheu in drei Wochen selbst bei Gesprächen in Brüssel kümmern. Seine Fachleute erinnern auch an Kredite des Mittelstandsprogramms. Binnen 10 Jahren habe man 2,7 Milliarden Euro verliehen.

"Als Münchner kann ich nur lachen, wenn Banken und CSU vom Innovationsstandort Bayern delirieren und damit Microsoft und Siemens meinen."
Alexander Dill, Unternehmer

Die öffentlichen Förderprogramme greifen aber oft nur mit Unterstützung der Hausbank. Sie sollte die Betriebe über die Angebote informieren, diese vermitteln und zumindest einen Teil des Risikos tragen.

Das klappt nicht immer. Drei Jahre lang hat sich Alexander Dill um Kredite und Fördermittel bemüht. Auch der geschäftsführende Gesellschafter der (profitablen) "Internetkloster Software GmbH", die in Teisendorf gegründet wurde, hatte erhebliche Probleme bei der Suche nach Fremdkapital. Die Firma, die unter anderem für eine bekannte Drogerie-Kette Software programmiert, konnte in Bayern kaum die Gelder für Forschung und Entwicklung auftreiben. Laut Dill machten schon die örtlichen Banken einen Strich durch die Rechnung. Zu Fördermitteln sei damit erst recht der Weg verwehrt.

Dills Frust sitzt tief: "Als Münchner kann ich nur lachen, wenn Banken und CSU vom Innovationsstandort Bayern delirieren und damit Microsoft und Siemens meinen." Die Landesbank habe dem Pleitier Kirch öffentliche Milliarden bereitgestellt, der gesamte Mittelstand habe nur einen Bruchteil davon vom Staat bekommen.

Dill ärgert sich übrigens von Salzburg aus. Vor kurzem ist er mit seinem Software-Unternehmen ausgewandert. Jetzt klappt's mit den Schulden wieder. Der Raiffeisenverband Salzburg stellte einen Betriebsmittelkredit zur freien Verwendung.


 

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