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Der Druck wächst: Martin Schulz gestern in der Parteizentrale vor der Brandt-Statue.

Zukunft der SPD

Flucht nach vorn - wie Schulz sich halten will

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Scholz stichelt, Gabriel stichelt, für SPD-Chef Schulz sind es ungemütliche Zeiten. Jetzt tut eralles, um seine wichtigsten Verbündeten bei Laune zu halten – die Parteimitglieder.

Berlin – Beim Wort Urwahl bekommen viele Genossen glänzende Augen. Die Mitglieder zu befragen, war schon öfters ein beliebtes Werkzeug der SPD-Spitze, um sich in schwierigen Situationen aus der Affäre zu ziehen. Nun hat auch der angeschlagene Martin Schulz dieses an der Basis begehrte Bonbon in seine ansonsten noch nicht wirklich prall gefüllte Wundertüte für den Neuanfang der SPD gepackt. Er hege „gewisse Sympathie“ dafür, in Zukunft die Parteibasis entscheiden zu lassen, wer die SPD anführt, verkündet Schulz am Montag im Willy-Brandt-Haus.

Gerade hat er oben im fünften Stock der Parteizentrale der Führungsmannschaft seine Stoffsammlung präsentiert, wie die SPD sich von der vernichtenden Wahlniederlage erholen soll. 16 Seiten haben Schulz und seine Strategen zusammengetragen: „Unser Weg nach vorn“, lautet die Überschrift. Ob der Vorsitzende und gescheiterte Kanzlerkandidat Schulz allerdings die richtige Route kennt, um die SPD bis zur nächsten Bundestagswahl (wohl) im Jahr 2021 konkurrenzfähig zu machen, daran gibt es im Führungszirkel ernsthafte Zweifel.

Ex-Parteichef Sigmar Gabriel konterte zuletzt in der „Zeit“ den Vorwurf von Schulz, er habe zu spät den Weg für dessen Kanzlerkandidatur freigemacht und damit den entscheidenden Geburtsfehler der Schulz-Kampagne zu verantworten. Die mangelnde strategische, thematische und organisatorische Vorbereitung sei zur „Achillesferse“ geworden, schreibt Schulz in seinem Strategie-Papier. Gabriel konterte das mit der Kritik, Schulz’ Leitmotiv der sozialen Gerechtigkeit sei daneben gewesen – was insofern nicht ganz falsch ist, weil nur 20,5 Prozent der Wähler bei Schulz und der SPD ihr Kreuzchen machten.

„Die SPD hätte die Bundestagswahl gewinnen können“

Neben Gabriel artikulierte Olaf Scholz am deutlichsten seinen Verdruss über Schulz. Hamburgs Regierungschef, der schon in der abgelaufenen Gabriel-Ära stets als Schatten-Parteichef agierte, versetzte dem Mann aus Würselen dieser Tage in einem Interview einen veritablen Blattschuss: „Die SPD hätte die Bundestagswahl gewinnen können.“ Dieser Satz lässt keinen Interpretationsspielraum. Doch anders als das heimische Jagdwild ist Schulz nach dieser Attacke noch auf den Beinen. Er habe mit großem Interesse das Scholz-Interview gelesen, sagt Schulz. „Es gibt viele Punkte in der Analyse, wo Herr Scholz und ich zu gleichen Einschätzungen kommen.“

In vier Wochen wird auf einem Parteitag unter dem Eindruck der Wahlkatastrophe eine neue Führungsmannschaft gewählt. „Ich trete an“, sagt Schulz. Und er sei ja auch der einzige Kandidat, fügt er spöttisch an: „Ich kann mich nicht verdoppeln und nicht gegen mich selbst antreten.“ Ist das eine Spitze gegen Scholz, der oft vieles besser weiß, aber nie springt? Der kühle Stratege von der Alster dürfte ebenso auf bessere Zeiten warten wie Andrea Nahles und Manuela Schwesig.

Und Schulz baut vor. Sein Vorschlag, den Mitgliedern ab 2019 die Wahl zu überlassen, wer die älteste deutsche Partei anführen soll, ist ein Schachzug, um Stärke gegenüber seinen Gegnern zu demonstrieren. Denn Stand jetzt, hätte der von der Basis trotz der Wahlpleite geliebte Schulz in einer Urwahl gegen Scholz & Co. wohl ganz gute Karten.

„Die Urwahl als Instrument ist vernünftig“, findet die bayerische SPD-Chefin Natascha Kohnen. Allerdings kritisiert sie: „Die Debatte über die Neuaufstellung wird viel zu sehr von Personalfragen dominiert.“ Wenn Schulz über die neue „Erzählung der Sozialdemokratie“ nachdenke, brauche er „Futter“. Die SPD müsse weniger über Köpfe, mehr über Inhalte sprechen.

Und auch die Urwahl birgt Haken. Nicht immer treffen die Mitglieder eine gute Wahl. Als abschreckendes Beispiel für mehr innerparteiliche Beteiligung in der SPD gilt der Fall Rudolf Scharping. Der setzte sich 1993 zwar im Kampf um den Parteivorsitz mit relativer Mehrheit gegen Gerhard Schröder und Heidemarie Wieczorek-Zeul durch – als Kanzlerkandidat ging Scharping dann aber gegen Helmut Kohl und später als Verteidigungsminister in einem Pool auf Mallorca unter.

Tim Braune/Mike Schier

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