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Klimawechsel

Kommentar zur Flüchtlingskrise: Wärme weicht Häme

München - Flüchtlings-Deutschland erlebt einen Klimawechsel: Warme Gesten werden seltener, bald könnte der Begriff "Willkommenskultur" zum Unwort des Jahres werden. Leider. Ein Kommentar von Dr. Dirk Walter.

Täuscht es, oder schleicht sich in die Flüchtlingsdebatte ein falscher Zungenschlag ein? Abwehrmechanismen gewinnen an Gewicht, Begrüßungsgesten werden seltener. Bald ist es soweit, dann wird der Begriff „Willkommenskultur“ zum Unwort des Jahres. So hätten es manche gern. Noch ist die Hälfte der Bevölkerung willkommensbereit für die Flüchtlinge. Die andere Hälfte jedoch reagiert ablehnend, zum Teil auch schon hasserfüllt. Leider.

Schuld an diesem Klimawechsel ist nicht, jedenfalls nicht nur der anhaltende Ansturm der Flüchtlinge nach Deutschland. Sondern auch ein gefährliches Spiel mit Gefühlen und Vorurteilen, falschen Zahlen und Schuldzuweisungen. Wärme weicht Häme. Beispiele: Neuerdings werden Helfer als „Gutmenschen“ diffamiert und Zeichen der Anständigkeit verhöhnt. Mit Verlaub: Das ist schäbig. Eigentlich müssten die Bilder der ärmlich bekleideten Kinder – ein Drittel der Flüchtlinge sind unter 18 – zu Tränen rühren. Auf anderem Niveau, aber nicht besser, sind Entgleisungen der politischen Sphäre. So kursiert die Behauptung, 30 Prozent der Asylbewerber gäben sich fälschlich als Syrer aus, um eine Anerkennung zu erhalten. Das ist nicht belegt. Bei den Prognosezahlen gibt es einen Überbietungswettbewerb – 800 000, 1 Million, gar inklusive Familien sieben Millionen? Niemand sagt, dass sich die Zahl durch Abschiebungen und Weiterreisen reduzieren wird.

Es wäre falsch, nun eine Erwartungshaltung zu schüren, dass der Flüchtlingszuzug demnächst gestoppt werden kann. Er kann gerechter verteilt werden, das schon. Aber gestoppt? Dazu müsste man die Ursachen bekämpfen. Man könnte auch sagen: Dank Internet und Social Media ist uns das Elend der Welt, an dem die Industrieländer gewiss nicht unschuldig sind, vor die Füße gefallen. Es war absehbar. Im Moment kann vielleicht das Drama in Lagern weit weg, in Italien oder Griechenland, kanalisiert werden. Oder in einer „Transitzone“ im Niemandsland. Geht es uns dann besser?

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Dirk Walter

Sie erreichen den Autor unter Dirk.Walter@merkur.de.

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